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Vollbremsung für den deutschen Frauenfußball

WM-und Olympia-Aus der DFB-Frauen

Die deutschen Fußballerinnen scheitern im WM-Viertelfinale ausgerechnet am Lieblingsgegner Schweden. Auch bei Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg empfiehlt sich eine gründliche Aufarbeitung.

(v.l.) Lina Magull, Alexandra Popp, Giulia Gwinn und Marina Hegering am 30.06.2019 in Rennes
Große Enttäuschung: v.l. Lina Magull, Alexandra Popp, Giulia Gwinn und Marina Hegering
Quelle: imago

 Der Hinweis der Bundestrainerin kürzlich war gut gemeint. Am freien Tag in der vergangenen Woche, riet Martina Voss-Tecklenburg, sollten die Spielerinnen doch mal aus dem Quartier im bretonischen Bruz in die Stadt Rennes fahren, um sich mit allen Kosmetikartikeln einzudecken, die man nach drei Wochen so brauche. Dem Hinweis lag der Glauben zugrunde, dass die deutsche Nationalmannschaft auch die Finalwoche in Lyon der Frauen-WM 2019 noch erleben würde.

Deutschland nur noch Zuschauer

Zum ersten Male treffen sich die vier besten Teams abschließend in einer Stadt, spielen dort beide Halbfinals (2./3. Juli) und Finale (7.Juli), was die internationale Aufmerksamkeit zwangsläufig vergrößert. Doch Deutschland ist dann nur Zuschauer, während nun England und die USA (Dienstag 21 Uhr/ZDF), dann Niederlande und Schweden (Mittwoch 21 Uhr/ARD) den nächsten Titelträger ausspielen.

 „Ich schaue mir das zu Hause am Fernseher an“, flüsterte Dzsenifer Marozsan später mit gesenktem Kopf. Sie, die Starspielerin von Olympique Lyon, meinte in dem Fall: von Deutschland aus. Wenn es ein Sinnbild brauchte, welchen Rückschlag es gegeben hatte, der brauchte nur die als letztes aus der Kabine schleichende Spielmacherin betrachten: Alles, was sie sich persönlich für die WM vorgenommen hatte, war am Anfang bei ihr, am Ende auch bei der Mannschaft fehlgeschlagen.

Marozsan als Sinnbild der Enttäuschung

Die persönlichen Ambitionen durchkreuzte ein Zehenbruch im ersten Spiel gegen China (1:0), dann half drei Wochen später im Viertelfinale gegen Schweden (1:2) ihre Einwechslung an selber Stelle im Roazhon Park nicht. „Der Traum ist geplatzt. Das ist komplett enttäuschend“, sagte die 27-Jährige hinterher gegenüber zdf-online. An der grundsätzlichen Ausrichtung zweifele sie aber nicht. „Die Mannschaft hat viel Potenzial und wird zusammenwachsen.“ So wie ihre gebrochene Mittelzehe des linken Fußes.

Marozsan war die Kapitänin jenen Teams, das bei der EM 2017 im Viertelfinale gegen Dänemark (1:2) bei der Wiederholung eines am Vorabend wegen Regens in Rotterdam abgebrochenen Spiels so verloren wirkte. Nun in Rennes schien sich die Geschichte genauso zu wiederholen; nur regnete es nicht, sondern die Sonne brannte vom Himmel. Bei den Backofentemperaturen in der Bretagne war derselbe Systemausfall wie damals zu besichtigen: Ein Gegentor genügte, um bei den Deutschen den Stecker zu ziehen.

Almuth Schult ringt nach Erklärungen

Nach der Führung von Lina Magull (16.) drehten Sofia Jakobsson (22.) und Stina Blackstenius (48.) das Blatt – und schwedische Fans, die ihre Lieblinge seit Jahren begleiteten, versuchten sich in den trendigen Bars am Flüsschen Vilaine verzweifelt zu erinnern, ob sie den Angstgegner schon mal so rat- und leblos erlebt hätten. Das Team von Martina Voss-Tecklenburg nahm sich die Auszeit zur Unzeit.

Es ist einfach blöd, wenn uns ein langer Ball aus der Bahn wirft. Am Ende hatte Schweden sogar mehr Torchancen als wir.
Almuth Schult

„Das darf nicht passieren. Es ist einfach blöd, wenn uns ein langer Ball aus der Bahn wirft. Am Ende hatte Schweden sogar mehr Torchancen als wir“, gab die erstmals bezwungene Torhüterin Almuth Schult zu. Die 28-Jährige wusste natürlich, dass der Rohrkrepierer von Rennes vieles von dem konterkariert, was sie sich vehement gewünscht hatte: mehr Aufmerksamkeit, mehr Medieninteresse, mehr Nachhaltigkeit. „Das wird ein Stück weit davon abhängen, wie weit wir kommen“, hatte die Bundestrainerin vorher richtig vermutet. Nun hatte aber auch Voss-Tecklenburg zum Viertelfinale einiges falsch gemacht.

Unglückliche Personalentscheidungen

Die Rückversetzung von Alexandra Popp gleich von Beginn an ins defensive Mittelfeld, für die Lea Schüller die schnellen Tiefenläufe machen sollte – dieser Plan ging ebenso wenig auf wie das Vertrauen in Linda Dallmann (erste Halbzeit) und Leonie Maier (zweite Halbzeit) zu setzen, die bei diesem Turnier bis dahin völlige Randfiguren waren. Und letztlich war es auch ein Irrglaube, dass Marina Hegering (29 Jahre) und Sara Doorsoun (27) in kürzester Zeit zu einer Innenverteidigung von internationaler Klasse zusammenwachsen würden. Hegerings Fehleinschätzung beim 1:1 war der Anfang vom Ende.

Das tut auch weh, aber wir werden das als Team verarbeiten und auch wieder aufstehen.
Martina Voss-Tecklenburg

„Wir sind alle total enttäuscht“, sagte Voss-Tecklenburg, „das tut auch weh, aber wir werden das als Team verarbeiten und auch wieder aufstehen.“ Eine Vollbremsung für den deutschen Frauenfußball wolle sie nicht erkennen, im Gegenteil: „Ich habe immer gesagt, wir sind in einem Prozess und ich erwarte, dass wir nach einer sachlichen und kritischen Auseinandersetzung daran wachsen.“ Zur Weltspitze fehle nicht viel („wir haben nicht 0:5 verloren, sondern 1:2“).

Rückendeckung für die Bundestrainerin

Grundsatzdiskussionen seien fehl am Platz: „Weil wir ein Spiel verloren haben, stellen wir nicht alles infrage.“ Übrigens auch ihre Vorgesetzten nicht. Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff erteilte per Ferndiagnose bereits Rückendeckung. „Martina Voss-Tecklenburg hat in der kurzen Zeit schon sehr viel bewegt, wir haben viele tolle Ansätze gesehen, die Erneuerung schreitet voran. Dafür können wir uns bei Martina und ihrem Trainerteam nur bedanken und sie ermuntern, diesen Weg konsequent fortzusetzen.“

Jegliche Debatten über die Performance der Bundestrainerin erstickte der interimsmäßig mit die DFB-Spitze bildende Vizepräsident Rainer Koch vor Ort ebenfalls: „Diese Frage erübrigt sich. Wir kommen bestimmt nicht auf die Idee, uns noch Probleme zu machen, wo keine sind.“ Dass der Olympiasieger von 2016 mit dem vorzeitigen WM-Aus nun auch bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio fehlt, weil sich dafür nur die besten drei europäischen Teams der WM qualifizieren, ist offenbar kein Problem, das den Verband in Alarmstimmung versetzt.

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