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Mehr Freiraum für junge Talente

Fußball - Englands Nachwuchskonzept

Wenn heute die U21-Teams von England und Deutschland aufeinandertreffen, besitzt der deutsche Kader einen um etwa 100 Millionen Euro niedrigeren Marktwert, dafür haben seine Spieler im Schnitt eine höhere Schulbildung und bessere Einsatzchancen in der ersten Liga.

Phil Foden
Supertalent Phil Foden von Manchester City
Quelle: imago

Wer sich Mitte letzter Woche auf den Weg zum Übungsgelände von Werder Bremen machte, entdeckte einen seltenen Gast: Per Mertesacker, den ehemaligen Abwehrchef der Bremer und jetzigen Nachwuchschef des FC Arsenal aus London.

Deutsches Konzept in Verruf geraten

England hat erkannt, dass sie in ihrem System etwas verändern müssen.
Meikel Schönweitz, Cheftrainer DFB-U-Mannschaften

Wenn man sich die augenblicklichen Diskussionen über Nachwuchskonzepte in Europa anguckt, sollte man allerdings meinen, dass deutsche Talentförderer nach England reisen und nicht umgekehrt. Galt noch bis vor kurzem das Nachwuchskonzept des DFB als Non-Plus-Ultra in Europa, ist dieses spätestens nach dem frühen Ausscheiden bei der WM 2018 in Verruf geraten.

Wurde vorher die taktische Reife und das Kombinationsspiel des deutschen Nachwuchses gelobt, heißt es nun, es fehle der Individualismus und das Durchsetzungsvermögen. Ein Befund, den der Cheftrainer der deutschen U-Mannschaften, Meikel Schönweitz, bereits 2017 gegenüber zdfsport.de geäußert hatte.

Frühe Warnungen

"Von der Mentalität und Durchsetzungsfähigkeit bringen Mannschaften wie Spanien und Portugal noch mehr mit, das sieht man am Selbstverständnis, mit dem sie in 1:1-Situationen gehen", sagte Schönweitz damals. Zwei Jahre später ist auch England in diesen Kreis aufgestiegen. 

"England hat erkannt, dass sie in ihrem System etwas verändern müssen, dass sie enger zusammenrücken müssen", erklärte Schönweitz nun an diesem Wochenende gegenüber zdfsport.de. "Sie haben lange Anlauf genommen, sich neu aufgestellt und werden jetzt belohnt." Die Belohnung erfolgt in einer ganzen Reihe von Toptalenten, die als neue "Goldene Generation" bezeichnet werden.

Englischer Frühling im Jahr 2012

Als Jahr des Neubeginns lässt sich 2012 datieren. In diesem Jahr wurde nicht nur das 120 Millionen teure St. George’s Park National Football Centre als neuer Nabel der englischen Fußballwelt eröffnet. Es wurde auch der Elite Player Performance Plan (EPPP) eingeführt, das sich an den besten Elementen der Nachwuchskonzepte anderer Ligen orientiert.

An das DFB-Konzept erinnert vor allem die Vereinheitlichung der Trainings- und Betreuungskonzepte in den Akademien sowie deren Zertifizierung und Kategorisierung. "Die Engländer haben das viele Geld, welches in ihrem System steckt, nicht nur direkt in Spieler investiert, sondern in Wissen, in Infrastruktur und vor allem in die Trainer-Ausbildung", sagte Schönweitz.

Das biologische Alter zählt

Sie haben lange Anlauf genommen, sich neu aufgestellt und werden jetzt belohnt.
Meikel Schönweitz

Interessanter als die Gemeinsamkeiten sind allerdings die Unterschiede zum deutschen System. "Es wird vor allem viel Wert auf die individuelle Förderung gelegt und die Rahmenbedingungen lassen zu, dass das auch tatsächlich umgesetzt wir", so der DFB-Trainer. Zu diesen Rahmenbedingungen gehört, dass es im Leistungsbereich keine Wettbewerbe gibt.

Dafür bietet die Premier League in Kooperation mit der FA und Regionalverbänden von der U9 bis U19 etwa 6000 Spiele an, in denen es um Entwicklung und nicht primär ums Gewinnen geht. Der besondere Clou dabei: teilweise werden die Teams nach dem biologischen Alter zusammengestellt. Im starren deutschen Jahrgangssystem haben spät im Jahr geborene Kinder und Jugendliche teilweise erhebliche Nachteile.

Gesellschaftliche Verantwortung

"Das sind einige Faktoren, die dazu führen, dass Spieler mehr Freiraum haben sich zu entwickeln", sagte Schönweitz. "Die Wege in England sind zudem kürzer, Internate sind vor allem für englische Spieler nicht so verbreitet, da neben den ausländischen Spielern noch sehr regional verpflichtet wird."

Es gibt allerdings auch Elemente im deutschen System, die es zu verteidigen lohnt. So ist es in England nicht vorgesehen, dass Jugendliche bis 19 Jahre in die Schule gehen. "Das ist sicherlich ein Vorteil, den wir aber bewusst so nicht nutzen wollen, da wir auch eine enorme gesellschaftliche Verantwortung für die Spieler haben", so Schönweitz weiter.

Youngster oft Bankdrücker

Und dann gibt es noch den gewaltigen Nachteil für junge Spieler in der Premier League, dass sie sehr geringe Einsatzchancen haben. Aufgrund ihrer Finanzkraft bedient sich die Premier League bekanntermaßen mit den besten Spielen aus aller Welt. Laut des "Mirror" sind in der aktuellen Spielzeit nur noch 29,9 Prozent der Spieler in der Premier League für die englische Nationalmannschaft spielberechtigt.

So sitzt Englands größtes Talent, der 18jährige Phil Foden, bei Manchester City meist auf der Bank, während der gleichaltrige Kai Havertz in der Bundesliga Stammspieler ist. Und so unterhielt sich Per Mertesacker letzten Mittwoch in Bremen mit Werders technischem Direktor Thomas Schaaf auch darüber, ob Arsenal in Zukunft junge Spieler an der Weser parkt, wie es bereits bei Reiss Nelson in Hoffenheim der Fall ist. "Mal schauen, was sich da ergibt", sagte Mertesacker.

sportstudio live - Schönweitz: "Müssen ganzheitlicher ausbilden" 

Für Meikel Schönweitz steht der deutsche Fußball "nicht so schlecht da, wie ihn viele gerne machen". Dennoch will der übergeordnete Cheftrainer der DFB-Jugendnationalmannschaften einige Dinge ändern.

Videolänge
3 min · Sport
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