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FUNiño gegen den Kinder-Fußballfrust

Ein Modellprojekt in Bayern will den Sport wieder interessanter machen

Auch 2018 spielten in Deutschland wieder weniger Kinder und Jugendliche in einer Vereinsmannschaft Fußball. Die Gründe dafür sehen Experten auch im Spiel selbst, das viele systematisch am Mitspielen hindere. Ein bayerisches Modellprojekt will das ändern.

Spielszene bei der Theorie- und Praxisfortbildung des Bund Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL)
Spielszene bei der Theorie- und Praxisfortbildung des Bund Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL)
Quelle: imago/Zink

Nach dem frühen Ausscheiden der Nationalmannschaft bei der WM wird das Nachwuchssystem in Deutschland heftig diskutiert. Und wieder geht es fast nur um das, was an der Spitze sichtbar wird, um den Bruchteil der kickenden Kinder und Jugendlichen, die ihr Hobby zum Beruf machen wollen.

Selbstwertverlust auf der Ersatzbank

Dabei sendet die Basis schon länger Alarmzeichen aus. Gab es 2010 noch 82.599 Teams bei den Junioren bis 14 Jahren, waren es 2018 nur noch 72.557.

Matthias Lochmann, Leiter des Lehrstuhls für Sportbiologie und Bewegungsmedizin an der Uni Erlangen
Matthias Lochmann, Leiter des Lehrstuhls für Sportbiologie und Bewegungsmedizin an der Uni Erlangen
Quelle: imago/Zink

In den älteren Jahrgängen ist der Schwund noch größer. Während die bisherigen Versuche, dies zu ändern, eher auf die Rahmenbedingungen abzielen, sieht Sportwissenschaftler Matthias Lochmann von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg die Probleme im Spiel selbst verankert.

Irgendwann stoßen die Kinder an Partizipationsbarrieren und überspringen diese nicht mehr", sagt Lochmann und nennt als Beispiel die Kinder, die später im Jahr geboren sind. "Sie landen oft auf der Ersatzbank oder sie werden gar nicht zum Spiel mitgenommen, weil sie nicht so viel zum Erfolg beitragen können wie die älteren."

Wenig Ballkontakte für die meisten

Auf der Ersatzbank verlieren sie nicht nur Selbstwertgefühl, sondern auch Leistungsfähigkeit. Auch wer aufgestellt wird, nimmt nicht zwangsläufig am Spiel teil. "Im momentanen Spielkonstrukt der Sechs-bis Zehnjährigen haben circa zwei Spieler einer Mannschaft circa 80 Prozent der Ballkontakte, die anderen sind nicht funktional in das Spiel eingebunden", sagt Lochmann: "Mit wachsendem Bewusstsein stellen sie fest, dass sie keine relevanten Beiträge zur Mannschaftsleistung bringen."

So verlieren besonders Jugendliche zwischen zwölf und fünfzehn Jahren den Spaß am Spiel und wenden sich ab. "Heute bleiben Jugendliche weniger als früher in Situationen, in denen sie permanent geringe Selbstwirksamkeit erleben", sagt Lochmann.

Gegenmodell FUNiño

Lochmann, selbst Besitzer der A-Trainerlizenz, versucht als Gegenmodell die Spielform FUNiño zu etablieren. Dabei treten drei gegen drei Spieler auf vier kleine Tore gegeneinander an. So haben sie wesentlich mehr Ballkontakte, Zweikämpfe und Entscheidungsmöglichkeiten als im herkömmlichen Sieben gegen Sieben.

Begonnen hat Lochmann 2015 mit 54 Kindern in einer Privatliga auf dem Unigelände. Von ihm geschulte Nachahmer fand er unter anderem in München, Berlin und Hannover. Beim DFB bringt er seine Vorstellungen inzwischen in eine Arbeitsgruppe zur Neustrukturierung des Kinderfußballs ein.

Fünf gegen Fünf in Bayern

Der Bayerische Fußballverband startete im September eine offizielle Pilotliga für E-Junioren in der Spielform Fünf gegen Fünf. Dabei wird zwar weiter auf zwei Tore gespielt, aber viele Vorteile des Funino bleiben erhalten: gleiche Spielzeit für alle, mehr Ballaktionen, Erfolgserlebnisse und Torerfolge. "Wir arbeiten an einer flächendeckenden Lösung und stehen im engen Kontakt zur Pilotliga", sagt Markus Hirte, Leiter der Nachwuchsentwicklung beim DFB.

 "Über die Kommission zur Neustrukturierung des Kinderfußballs und die Jugendbeiräte der Verbände ist ein Prozess innerhalb des DFB in Gang gekommen", sagt Lochmann: "Es gibt Landesverbände, wie zum Beispiel den badischen oder bayerischen, die Innovationen im Spielbetrieb vorantreiben. Ich bin zuversichtlich, dass in fünf Jahren 80 Prozent des Kinderfußballs in Deutschland neu organisiert ist."

Systemberuhigung durch Fair-Play-Liga

Auch den letzten Innovationsschub hat der Kinderfußball von der Basis erhalten. Fußballer-Vater Ralf Klohr hatte einst genug von pöbelnden Eltern und brüllenden Trainern und entwickelte die drei goldenen Regeln der Fair-Play-Liga, die mittlerweile fast flächendeckend Geltung haben: Eltern halten Abstand - kein Schiedsrichter - Trainer stehen zusammen. Das hat das Spielsystem als solches nicht verändert, aber das bestehende System beruhigt.

Die jetzt in Gang gekommene Innovationen im Spielsystem begrüßt auch Klohr Es müsse aber dringend darauf geachtet werden, dass die Trainer an der Basis Schritt halten können. Seine Hauptkritik am Kinderfußball zielt nach oben. "Die Hälfte aller Fußballspieler sind Kinder. Das macht der DFB nicht sichtbar." Für den größten Fußballverband der Welt sei es ein Unding, dass Kinderfußball nur nebenher mitlaufe.

Kinderfußball mit klarer Haltung

"Der DFB braucht dringend eine eigene Direktion Jugendfußball mit einer völlig eigenständigen Abteilung Kinderfußball", fordert Klohr: "Mit eigenem Etat, eigener Philosophie und klarer Position, die an die Verbände vermittelt wird. Das hätte eine hohe Wertigkeit in der Wahrnehmung."

Diese Abteilung müsse die gesamte Basis in Veränderungen einbeziehen, so Klor: "Kinderfußball ist ein sehr komplexes elementares Thema, dessen Chancen bisher sträflich brachliegen. Hier läge sehr viel Arbeit vor uns".

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