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Tradition gegen "die Annere“

Sport - Tradition gegen "die Annere“

Sieben Jahre nach der Vereinsgründung steht RB Leipzig kurz vor dem Einzug in die Bundesliga. Ein Einblick hinter die Kulissen der mit Kritik überhäuften und von Red Bull gesponserten Mannschaft.

Beitragslänge:
10 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 24.04.2017, 15:58

Die gefühlte Kluft zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und Rasenballsport Leipzig könnte kaum größer sein. Viele Fans sehen im Montagsduell der Zweiten Liga (20:15 Uhr) das Duell Tradition gegen Moderne. Während Leipzig kurz vor dem Aufstieg in die Bundesliga steht, klopfen sich die Pfälzer die Folgen der x-ten Krise aus den Kleidern.

Die Bezeichnung "Die Annere“ auf der Homepage des 1. FC Kaiserslautern kann man so und so verstehen: Provokant oder als harmlosen Originalton Südwest. Der FCK bemüht sich zwar darum, vor dem brisanten Spiel keinen Staub aufzuwirbeln, aber kleine Sticheleien dürfen dennoch sein. "Tradition gegen das neue Phänomen“, nennt FCK-Aufsichtsrat Matthias Abel die Partie gegen Leipzig und spricht allenfalls von "ein bisschen brisant“, da "ein Spieler vergangenen Sommer dahin gewechselt ist“. Davon abgesehen, sei es ja nicht das erste Mal, dass man gegen Leipzig spiele, meint Ex-Profi Abel.

Mehr Polizei wegen der "Nebengeräusche“

Die Polizei in der Pfalz wird das möglicherweise anders sehen und mit mehr Beamten als sonst vor Ort sein. Die Gegend rund um das Fritz-Walter-Stadion gilt vor allem bei Abendspielen als nur eingeschränkt kontrollierbar. In Leipzig sieht Geschäftsführer Oliver Mintzlaff ein Spiel um drei Punkte auf seinen Klub zukommen, also sportlichen Alltag eines Fußball-Profiklubs. "Die Nebengeräusche tangieren uns nicht. Das ist ein rein sportlicher Wettbewerb. Wir vertrauen da auch auf die Vereinsführung des FCK“, sagte Mintzlaff.

Nebengeräusche sind in dem Fall Aktionen, an denen sich FCK-Fans beteiligen wie "Kreativ gegen RB“, "Nein zu RB“ oder "40.000 gegen Willi“. Letztere richtet sich gegen Willi Orban, der vergangenen Sommer nach Leipzig wechselte, was der damalige FCK-Klubchef Stefan Kuntz "als Dolchstoß“ bezeichnete und rund zwei Millionen Euro Ablöse kassierte.

Auf dem Ticket steht nur "Leipzig“

Schon auf der Eintrittskarte fürs Spiel am Montag aber lässt sich ablesen: eine tiefe Freundschaft der Konkurrenten liegt in weiter Ferne. Auf dem Ticket steht lediglich "Leipzig“, das RB spart man sich. Auf den Spielplakaten in der Stadt ist das Logo des Konkurrenten nicht aufgedruckt. Das, so heißt es von Seiten des FCK, mache man grundsätzlich nie. Mit Abneigung gegenüber RB Leipzig habe das nichts zu tun. RB, so vermuten manche, erinnere manchen zu sehr an den Leipziger Hauptgeldgeber, dessen Initialen ebenfalls RB lauten.

Das Hinspiel gewann der FCK zwar 2:0, die Pfälzer aber sind diese Saison chancenlos, wenn es um den ersehnten Wiederaufstieg geht. Stattdessen musste sich der Klub, der seit der Vorbereitung auf die WM 2006 mehrere Existenzkrisen durchlebte, Vorwürfen des Bundes der Steuerzahler erwehren, man habe Steuergelder verprasst. Vergangene Saison spielten die Pfälzer noch um den Aufstieg, jetzt muss sich der Klub nach einer Führungskrise neu aufstellen. Noch wird ein für den Sport zuständiger Manager oder Sport-Direktor gesucht. Zumindest in dem Punkt sind sich der verarmte Traditionsklub und der von einem Getränkeproduzenten protegierte Emporkömmling gleich. RB Leipzig sucht einen Trainer für die neue Saison. Ralph Hasenhüttl (FC Ingolstadt) gilt als Favorit. In Kaiserslautern könnte Uwe Stöver (Holstein Kiel) den Job übernehmen.

Zuschauerschwund in der Pfalz

Nach dieser Saison werden sich die Wege der beiden Klubs wohl trennen. RB Leipzig wird mit "unerschöpflichen Geldquellen“ im Rücken als potentieller Herausforderer von Bayern München gesehen, während sich der FCK mit seiner Konsolidierung in Liga zwei herumplagt. Das spiegelt sich auch beim Zuschauerschnitt wider.

Während der FCK in einer ehemals fußballverrückten Region seit Jahren gegen einen Schwund ankämpft, denkt man in Leipzig an den Ausbau der bestehenden Arena (von derzeit 43.000 auf rund 57.000) oder gar an einen Stadion-Neubau. Leipzig und der "Osten“ lechzen nach Erstligafußball, heißt es in Leipzig. Das ist in der Pfalz kaum anders. Wenn es um echte sportliche Perspektiven geht, hechelt aber die "Tradition“ der "Moderne“ nicht nur diese Saison hoffnungslos hinterher.

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