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Der moderne Trainer: Laptop statt Trainingsplatz

Sport - Der moderne Trainer: Laptop statt Trainingsplatz

Bei seinem ersten "sportstudio"-Auftritt am 19. Dezember 1998 geht es auch um die Taktik von Trainer Ralf Rangnick. An der Magnetwand erklärt der Fußballprofessor die Spielweise der Viererkette.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 05.01.2017, 08:00

Als Ralf Rangnick 1998 im ZDF-Sportstudio die Viererkette an der Tafel erklärte, hatte er seinen Ruf als "Professor“ weg. Heute verbringen Trainer und Assistenten mitunter mehr Zeit am Laptop als auf dem Trainingsplatz. Der Fußball wird immer mehr zu Wissenschaft - auf Kosten von Spontaneität und kantigen Typen.

"Bei jedem Fußballspiel gibt es zwei Punkte auf der Oberfläche des Balls, die sich zu Beginn der ersten und der zweiten Halbzeit, wenn der Ball genau auf dem Anstoßpunkt liegt, an derselben Stelle im umgebenden Raum befinden.“ Alles klar? So lautet der "Satz vom Fußball“ im Lehrbuch "Lineare Algebra: Eine Einführung für Studienanfänger".

Cramers Raum- und Zeitprobleme

Bestandteil der Trainerausbildung ist dieser Satz nicht - aber auch dort haben wissenschaftliche Methoden so stark Einzug gehalten, dass Nachwuchstrainer Mehmet Scholl über eine Schwemme von "Laptop-Trainern" klagt. Als Ralf Rangnick, seinerzeit Coach des SSV Ulm, 1998 im ZDF-Sportstudio an der Taktiktafel die Viererkette erklärte, reichte das noch, um sich den Beinamen "Professor“ zu verdienen.

Der wurde mit einem ähnlich spöttischen Unterton ausgesprochen wie Jahre zuvor bei Dettmar Cramer. Der im September verstorbene ehemalige Assistent von Sepp Herberger und spätere Bayern-Trainer prägte Sätze wie: "Im Spiel gibt es eigentlich nur zwei Probleme: Das sind Raum und Zeit.“

"Geht's raus und spielt's Fußball"

Das intellektuelle Niveau im deutschen Fußball gab bis weit in die 90iger Jahre jedoch der Trainer vor, den Cramer einst zum Jugendnationalspieler gemacht hatte: Mit seinem "Geht's raus und spielt's Fußball" führte Franz Beckenbauer die Nationalmannschaft zum WM-Triumph 1990 in Italien, was bis heute kein Analyseprogramm erklären kann.

Den Stimmungswandel vollzogen trotz anfänglicher Skepsis Trainer wie Ralf Rangnick und Volker Finke. Sie schufen einen "wissensbasierten“ Fußball, der durch "besonderes Training, durch taktische Raffinesse, gute psychologische Betreuung“ den Wettbewerbsnachteil kleinerer Klubs ausglich, wie Christoph Biermann im Buch "Die Fußball-Matrix – Auf der Suche nach dem perfekten Spiel“ schreibt.

Wissenschaftlicher Durchbruch bei Klinsmann

Fußball am Laptop
Fußball am Laptop Quelle: imago

Der endgültige Durchbruch für die moderne Fußballmethodik in Deutschland erfolgte nach der Pleite bei der EM 2004. Sowohl in der Spielanalyse als auch der Trainingsmethodik war es zunächst Jürgen Klinsmann, der bei der Heim-WM 2006 neue Wege beschritt. Er engagierte den Analyse-Experten Urs Siegenthaler und ein hochspezialisiertes Athletik-Team aus den USA.

Siegenthalers Analyse- und Scouting-Team bei der Nationalmannschaft ist mittlerweile auf drei Personen angewachsen, die ständig auf der Welt unterwegs sind, um die neuesten Trends zu erforschen. Die wissenschaftliche Auswertung des Fußballs zieht von der Spitze her immer weitere Kreise: Im Herbst wurde an der Sporthochschule Köln der zweijährige Maserstudiengang "Spielanalyse“ gestartet.

Neuer Trend: Neuroathletik-Coaches

Bayer Leverkusen hat laut der "TAZ" gleich drei Mitarbeiter zu dem Studiengang angemeldet, auch der 1. FC Köln, RB Leipzig, Schalke 04, der VfB Stuttgart, der FC Luzern und Rot-Weiß Oberhausen sind vertreten. In den Dienstbesprechungen ihrer Klubs treffen die Spielanalytiker neben Leistungsdiagnostikern, Psychologen und Reha-Trainern demnächst auch Neuroathletik-Coaches wie Lars Lienhard.

"as Thema Hochleistungstraining verändert sich“, sagt Lienhard, der die Nationalmannschaft bei der WM in Brasilien betreute. "Von einer eher rein biomechanischen und symptomorientierten Sichtweise hin zu einer neuronal orientierten.“

"Ein einfaches Spiel“

Wie es aussieht, wenn der gewinnt, der das beste Computerprogramm hat, um die Daten-Flut sinnvoll zu bändigen, zeigt der Film "Moneyball - die Kunst zu gewinnen“. In dem wählt ein US-Baseball-Team seine Spieler ausschließlich auf Grundlage statistischer Werte aus und legt eine geschichtsträchtige Siegesserie hin.

Auch in Deutschland klagen Trainer-Assistenten schon, bis zu neunzig Prozent ihrer Arbeit mit der Datenauswertung am Laptop zu verbringen. Es droht eine Trainergeneration ohne Ecken, Kanten und Anekdoten, dafür mit "Kursbestergesicht“, wie Mehmet Scholl sagt. Der beharrt trotzig weiter darauf, dass „Fußball ein einfaches Spiel“ ist.

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