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Atléticos Abschied von Tradition und Romantik

Sport - Atléticos Abschied von Tradition und Romantik

Das Champions-League-Finale ist in diesem Jahr eine rein madrilenische Angelegenheit. Wie schon in 2014, treffen die Stadtrivalen Real Madrid und Atletico aufeinander.

Beitragslänge:
2 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 27.05.2017, 16:15

Mit dem Bau des neuen Stadions steigt Atlético Madrid endgültig zu den Großklubs des Kontinents auf. Doch der Umzug geht auf Kosten von Tradition und Romantik. Die Unterschiede zum Lokalrivalen Real - heute, 20.45 Uhr, Gegner im Champions-League-Finale - werden kleiner.


Atlético Madrid sollte nicht langweilig werden in den zwei spielfreien Wochen vor dem Champions-League-Finale, also stellte Trainer Diego Simeone ein buntes Programm zusammen. Am Wochenende besuchte die Mannschaft beispielsweise ihre künftige Heimat.

Atletico Madrid besichtigt das neue La Peineta Stadion
Atlético-Team auf der Baustelle Quelle: imago

Die Atletico-Spieler bekamen Bauhelme aufgesetzt und wurden dort herumgeführt, wo im Sommer 2017 "das beste Stadion Europas" eröffnet werden soll. So sagte es zumindest Präsident Enrique Cerezo mit fußballüblichem Superlativ.

Da ihm als Filmproduzenten aber auch Ironie nicht fremd ist, ergänzte er: "Jedenfalls bis irgendwer ein Neues baut."

"Spanisches Wembley"

Ob es bei Atlético mit der angestrebten Fertigstellung schon zur Saison 2017/18 klappt, vermag niemand zu garantieren. Noch ist das Gelände im östlichen Stadtteil San Blas verschlossen, der Ausgang der größten U-Bahn-Station Madrids verriegelt, die direkte Zufahrt von der Stadtautobahn M-40 versperrt.

Schon die großzügige Infrastruktur verrät jedoch, dass aus dem ursprünglich für Madrids (gescheiterte) Olympiabewerbungen geplanten Projekt ein Stadion der Fünf-Sterne-Liga entstehen wird. Das "spanische Wembley", wie sie im Klub schwärmen.

Pokalfinals, Champions-League-Endspiele und wichtige Länderspiele sollen hier stattfinden. Atlético wird Hausherr sein - und dem Stadtrivalen Real jenseits von sportlichen Erfolgen und über 100 Millionen Euro TV-Einnahmen ab kommender Saison ein weiteres Stück näher rücken.

Madrids Stadien prägen Identitäten

Zu nah? Das altmodisch-gammelige Estadio Vicente Calderón gehört bisher wesentlich zur Selbstinszenierung als Klub der einfachen Leute im Vergleich zum großkopferten Real. In den dortigen VIP-Logen delektieren sich die mächtigsten Politiker, Banker und Juristen Spaniens. Derweil muss sich selbst König und Atlético-Anhänger Felipe VI. bei Besuchen im Calderón mit überschaubarem Komfort begnügen.

Wo sich der gemeine Fan oft weniger unterscheidet als es das Klischee vom privilegierten Real und dem proletarischen Atlético nahelegt, spielen die Stadien eine bedeutende Rolle für die Identitäten. Reals Santiago Bernabéu steht im geschäftigen Norden des Zentrums, das Calderón liegt im volkstümlichen Süden an der inneren Schnellstraße M-30.

Wolkenkratzer sind weit weg

Antoine Griezmann besichtigt Stadionneubau
Antoine Griezmann besichtigt die Stadion-Baustelle

Jetzt geht es einen Autobahnring und einige Metro-Stationen weiter nach draußen. Immerhin steht San Blas nicht im Verdacht, ein mondänes Reichensilo zu sein. Zwar ist es nicht mehr die Heroinhölle der 1980er-Jahre, als es die statistisch gefährlichste Ecke Spaniens war, sondern überwiegend ein ruhiges, geordnetes Wohnviertel mit den typisch-spanischen roten Ziegelblocks und ziemlich viel Grün.

Dennoch wirkt es wie eine ferne Welt, wenn am Horizont die Türme Figo, Zidane, Ronaldo und Beckham auftauchen. So werden im Volksmund die Wolkenkratzer genannt, die auf dem ehemaligen Gelände der Sportstadt von Real Madrid gebaut wurden - der Verkauf der Terrains finanzierte einst die Akquise der vier Galaktischen.

Platz für 67.000 Zuschauer

"La peineta" nennen die Madrilenen demgegenüber Atléticos neue Arena, den Haarkamm, wegen der markanten Form der größten Tribüne. 67.000 Fans soll er mindestens fassen. Mittelfristig dürfte er auch Atléticos Platz in der kontinentalen Elite betonieren.

Die Zeiten drei bis viermal so kleiner Etats gegenüber Real werden dank der steigenden Zuschauereinnahmen bald vorbei sein.

So dürften sich auch Atléticos nostalgische Fans letztlich mit dem neuen Zuhause arrangieren. Für alle Fälle hilft ein Blick in die Klubchronik. Als der Verein vor 50 Jahren aus seinem alten Stadion Metropolitano ins Calderón zog, wollte das auch niemand so recht - die neue Arena galt als übermodern und seelenlos.

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