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Showdown in Bremen: Ruhepol gegen Fighter

Sport - Showdown in Bremen: Ruhepol gegen Fighter

Eine Stadt steht Kopf - und das, obwohl ihrem Verein Werder Bremen der Abstieg in die Zweitklassigkeit droht. Doch die Fans sind sicher, dass Werder gegen Frankfurt den Klassenverbleib perfekt macht.

Beitragslänge:
1 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 12.05.2017, 22:00

Werder Bremen gegen Eintracht Frankfurt: Das Abstiegsendspiel am Samstag im Weserstadion ist ein Duell zweier Trainer, die sich auf ihrer ersten Station in der Bundesliga befinden, aber    ziemlich unterschiedliche Typen sind.

Am Ende der Pressekonferenz nahm Viktor Skripnik einen großen Schluck Wasser. Der Cheftrainer des SV Werder war wohl froh, dass alles vorüber ist, obwohl die obligatorische Medienrunde im Ostkurvensaal nicht länger gedauert hatte als sonst. Nach 20 Minuten war im Weserstadion von Seiten des Trainers und des ebenfalls anwesenden Geschäftsführers Thomas Eichin doch das Wichtigste in wenigen Sätzen gesagt.

Personifizierter Ruhepol

„Wir spielen auf Sieg, wir haben einen Plan. Jeder weiß, wo es langgeht“, hatte Skripnik vor dem Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt am Samstag, 15.30 Uhr (Bericht ab 22:00 Uhr im aktuellen sportstudio), beteuert, zudem der gängigen Annahme widersprochen, der SV Werder sei vor dem „wichtigsten Spiel des letzten Jahrzehnts“ (Aufsichtsrat Willi Lemke) womöglich zu locker. „Wir sind nicht locker, aber auch nicht hektisch – wir sind ruhig.“ Solle er vor dem „Endspiel um die Relegation“ fantasieren, rückwärts oder seitwärts zur Bank gehen? „Den Druck haben zwei andere Mannschaften auch.“

Skripnik bleibt halt Skripnik - selbst wenn sich eine ganze Stadt hinter Werder vereint und mit dem Verein bangt, scheint einer der wichtigsten Angestellten mit beiden Beinen auf dem Boden verwurzelt. Einer seiner Standardsätze lautet: „So ist Fußball.“ Diese fast schon fatalistische Gelassenheit ist gleichzeitig seine größte Stärke. Wenn es einen Trainer in der Bundesliga gibt, aus dessen Gesichtsausdruck am schwierigsten der Spielstand abzulesen, dann am 46-Jährigen. Und sei das Spiel noch so wichtig, der Druck noch so groß: Er bleibt der personifizierte Ruhepol.

Lebendiger Fighter

Niko Kovac
Niko Kovac Quelle: Imago

Niko Kovac ist da anders. Als der Chefcoach in Frankfurt nach dem ersten Training der Woche vom Platz kam, sprach ihn ein breitschultriger Eintracht-Fan an: „Ihr schafft das.“ Dann stellte sich der Kroate für einige Landsleute zum Gruppenfoto auf. Später diktierte er dem Journalistenpulk seine kämpferischen Sätze: „Wir müssen nur noch den Deckel drauf machen. Wenn wir nur einen Millimeter nachlassen, geht es schief. Meine Jungs wissen, dass sie Geschichte schreiben können.“

Kovac will den vierten Sieg in Folge – obwohl ein Remis reichen würde -, um in die Fußstapfen der hymnisch verehrten Fjörtoft-Generation zu treten. Und dafür macht und tut er, dafür lebt er derzeit getrennt von Frau und Tochter. Er hat den Hessen den Glauben zurückgegeben und warnt nun vor Überheblichkeit. „Werder wird von der ersten Minute Gas geben. Wir müssen in Bremen alle Körner raushauen, und wenn wir dafür 130 Kilometer laufen müssen.“ Aus dem 44-Jährigen sprudeln diese plakativen Botschaften nur so heraus. „Ich war als Spieler ein akribischer Arbeiter und so bin ich auch als Trainer.“ Er ist ein lebendiger Fighter.

Aufstellung und Einstellung – und noch ein bisschen mehr

Der 28-fache ukrainische Nationalspieler Skripnik und der 83-fache kroatische Internationale Kovac sind die Protagonisten am Rande, die immense Verantwortung tragen. Für Aufstellung, Einstellung – vor allem aber die richtige Haltung in dieser Ausnahmesituation. Der eine vertraut meist einem offensiv ausgelegten 4-1-4-1-System, in dem für den gesperrten Fin Bartels ein neuer Flügelspieler gefunden werden muss. Der andere spielt ein eher defensiv orientierte 4-2-3-1-Grundordnung, in der für den gesperrten Routinier Szabolcs Huszti im zentralen Mittelfeld ein Vertreter gesucht wird.

Beide sind keine Alleinentscheider: Dem Bremer Coach arbeiten die Assistenten Torsten Frings und Florian Kohfeldt auf der emotionalen bzw. taktischen Schiene vertrauensvoll zu. Deren Einfluss ist nicht zu unterschätzen, gerade der weniger prominente Kohfeldt, den Skripnik liebevoll seinen „Studenten“ nennt, entwirft oft den eigentlichen Matchplan. Der Frankfurter Kollege vertraut seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Robert, mit dem er alles im Detail abspricht. Leitmotiv: „Robbie und ich müssen als Vorbild vorangehen, damit die Jungs sehen, dass wir nicht irgendwas erzählen, was wir am Ende selbst nicht halten.“

Die Zukunft hängt am Klassenerhalt

Beide sind als Trainer auf ihrer ersten Bundesliga-Station. Ihre Zukunft hängt am Klassenerhalt. Geschäftsführer Thomas Eichin hat längst eine Analyse nach dieser Spielzeit angekündigt – mit dem bis 2017 gebundenen Skripnik, der angeblich schon zweimal mit Rücktrittsgesuchen an die Geschäftsführung herantrat. Aber Werder will bislang den Weg mit ihm weitergehen – vor allem Aufsichtsratschef Marco Bode. Eine Jobgarantie besitzt Skripnik gleichwohl nicht. Im Abstiegsfall wäre er ohnehin kaum zu halten.

Kovac hat in Frankfurt die Kardinalfehler unter Vorgänger Armin Veh – unterdurchschnittliche Laufleistungen, schwache Zweikampfwerte, fehlende Kompaktheit – behoben. Sein bis 2017 datierter Vertrag gilt eigentlich nur für die erste Liga, aber mittlerweile können sich viele vorstellen, diesen Fleißarbeiter auch für den Fall der Fälle in der zweiten Liga zu behalten. Zukunftsmusik. Denn: Für den Trainer, dessen Team nach dem 34. Spieltag nicht über dem Strich steht, wartet mit hoher Wahrscheinlichkeit ja noch eine Chance, die gleichzeitig Herausforderung wäre: die Relegation gegen den 1. FC Nürnberg.

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