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Zu hitzige Debatten vor dem Hessen-Derby

Sport - Zu hitzige Debatten vor dem Hessen-Derby

Frankfurter Fans dürfen rund um das Derby bei Darmstadt 98 nicht die Innenstadt betreten. Obwohl SGE-Anhänger vor Gericht mit Protesten gegen den Bann Erfolg hatten, beharrt die Stadt darauf.

Beitragslänge:
2 min
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Video verfügbar bis 24.04.2017, 19:00

Das Hessenderby zwischen Darmstadt 98 und Eintracht Frankfurt wird von der Diskussion überlagert, wie weit die Grundrechte von Fußballfans eingeschränkt werden dürfen. Die Trainer sind bemüht, sich auf die sportliche Lage zu beschränken - die ist brisant genug für beide Vereine.

Sicher ist sicher in diesen Zeiten: Das Stadion am Böllenfalltor kann schon längst nicht mehr jedermann betreten. Zutritt zur baufälligen Spielstätte des SV Darmstadt 98 erhält nur, wer eine Klingel betätigt und einer freundlichen Stimme triftige Gründe vorträgt. Etwa zum Besuch einer Pressekonferenz, obgleich die obligatorische Runde am Donnerstag in eine Richtung entartete, die Dirk Schuster gar nicht gefiel.

"Bitte lasst uns über Sport reden!“ bat der Cheftrainer, der doch eigentlich die außergewöhnlichen Umstände des Hessenderbys gegen Eintracht Frankfurt (Samstag 15:30 Uhr) ausblenden wollte. "Alle Nebengeräusche am Stadion oder in der Stadt wollen wir nur am Rande registrieren und uns nur auf das Spiel konzentrieren.“ Einfacher gesagt als getan.

Es gibt viele Eintracht-Fans in Darmstadt

Weil im Hinspiel am 6. Dezember einige Frankfurter Wirrköpfe erbeutete Fahnen und Banner der Lilien-Anhänger verbrannten und versuchten, den Innenraum zu stürmen, sollten Gäste-Fans gänzlich ausgesperrt werden. Nicht nur aus dem Stadion, sondern auch aus der ganzen Stadt. Doch das von Darmstädter Behörden für alle Eintracht-Fans verhängte Aufenthaltsverbot für speziell aufgeführte Straßen der Innenstadt, das von Freitag (19 Uhr) bis Sonntag (7 Uhr) gelten sollte, ist am Donnerstagabend erst einmal gekippt worden. Die Stadt sieht dies freilich anders.

Das Verwaltungsgericht Darmstadt gab sechs Eilanträgen statt. Denn in den vielen Jahren, in denen Darmstadt nur unterklassig spielte, haben sich etliche Fußballinteressierte aus der 150.000-Einwohner-Stadt der Eintracht zugewendet. Sie wären in Sippenhaft genommen worden. Wie nun mit Anhängern aus Frankfurt umgegangen wird, die sich Hauptbahnhof, Luisenplatz oder Mathildenhöhe nähern und einen Schal mit Adler-Aufdruck tragen oder "Nur die SGE“ trällern, ist unklar. Wie Insider berichten, sind bis zu 3.000 Frankfurter Fans fest entschlossen, sich am Spieltag auf den Weg ins 32 Kilometer entfernte Darmstadt zu machen. Die Polizei will gleich mehrere Bahnhöfe bewachen.

Stadt beharrt auf Verbot

Zumal die Stadt Darmstadt auf dem Innenstadtverbot beharrt. Nur in den sechs namentlich bekannten Fällen gelte die Verfügung nun nicht mehr. Sie sei keineswegs gekippt und gelte "in Bezug auf alle anderen potenziellen Adressaten" weiterhin uneingeschränkt. Bürgermeister Rafael Reißer bezeichnete das Aufenthaltsverbot am Freitagnachmittag als "nach wie vor geeignet, den legitimen Zweck der Gefahrenabwehr zu erreichen". Die Stadt werde nicht vor Gericht ziehen. Er sei sich sicher, dass die Polizei mit dem "nötigen Fingerspitzengefühl" vorgehen werde.

Mit scharfer Kritik hat das Verwaltungsgericht Darmstadt auf die Entscheidung der Stadt reagiert. "Das zeugt schon von einem gewissen rechtsstaatsfernen Verhalten", sagte Gerichtssprecher Jürgen Gasper. Das Gericht stelle sich nun auf weitere Fans der Frankfurter Eintracht ein, die gegen das Aufenthaltsverbot vorgehen würden. Entsprechende Ankündigungen gebe es bereits.

Andere Handhabung in Hannover

Randale am 6. Dezember im Eintracht-Block der Commerzbank-Arena in Frankfurt
Hinspiel mit Folgen: Stadionverbot für Eintracht-Fans Quelle: dpa

DFB-Sportgericht und Sicherheitsbehörden müssen sich fragen lassen, ob sie die Situation in Südhessen mit ihren Kollektivstrafen nicht angeheizt haben. Neben der Fan- und Förderabteilung der Eintracht , die sich über die "schwerwiegenden Eingriffe in persönliche Freiheitsrechte“ beschwerte, weil Rentner wie Kinder, Kuttenträger und Businesskunden, Hardcore-Fans mit Gelegenheitssympathisanten gleichgesetzt würden, stellte auch das Bündnis ProFans "die Rechtmäßigkeit dieser völlig überzogenen Maßnahme in Frage".

Töricht zudem, dass eine derlei rigorose Maßnahme nicht mit dem Gästeverein abgesprochen war. Der kommunikative Mega-Gau. Dass es ganz anders geht, bewiesen im Herbst 2013 Hannover 96 und Eintracht Braunschweig. Für das historisch gleichsam aufgeladene Nordderby entwarfen Polizei, Stadt und Vereine damals ein gemeinsames Kommunikationskonzept. Etliche Pressekonferenzen fanden zusammen statt, um Schuldzuweisungen über mediale Kanäle zu verhindern.

Schuster bedauert den leeren Gästeblock

Gut, dass vor dem Hessenderby nun wenigstens die Trainer in dieser vertrackten Gemengelage kühlen Kopf bewahren. Darmstadts Coach Schuster bedauerte den Umstand, dass der Gästebereich im Stadion am Samstag leer bleibt: "Zu einem guten Fußballspiel gehören zwei rivalisierende Fanlager, die sich lautstark bemerkbar machen. Das ist auch für mich völlig neu."

Und sein Abwehrchef Aytac Sulu sagte dem "kicker": "Ich fände es besser mit gegnerischen Fans, die dich mal auspfeifen, die Schmähgesänge anstimmen, das motiviert." Hitzig wird es auf dem Rasen so oder so zugehen (Sulu: "Rudelbildung im Derby ist normal"), denn dafür ist die sportliche Ausgangsposition für beide zu prekär.

Kovac bittet um Ruhe

Darmstadt droht trotz des Fünf-Punkte-Vorsprungs noch in den Abstiegsstrudel zu geraten, obwohl Schuster von negativen Gedanken nichts wissen will: "Unsere Sensoren sind nach der Niederlage in Köln wieder auf 'on'. Wir haben weiter nichts zu verlieren. Wir sind das kleinste Licht der Liga." Tatsächlich lastet der größere Druck auf der Eintracht, die weiter auf einem direkten Abstiegsplatz steht.

Doch unter Trainer Niko Kovac hat das Team in den Kampfmodus zurückgefunden. Flügelflitzer Änis Ben-Hatira faselte nach dem gewonnenen Nachbarschaftsduell gegen Mainz für das Darmstadt-Derby gar etwas vom "Krieg" - der Deutsch-Tunesier hat sich für seine unbedachte Aussage inzwischen via Facebook entschuldigt. "Wir sollten die Partie mit Ruhe und Gelassenheit angehen", verlangt Kovac. Eigentlich ist der in Berlin geborene Kroate ja auch als Heißsporn bekannt. Aber dieses Derby muss niemand mehr anheizen. Wohl auch deshalb beendete Schuster die Pressekonferenz mit einem versöhnlichen Schlusswort: "Es würde der Region sehr gut tun, wenn es das Derby nächste Saison zweimal in der ersten Liga gibt." Sicherheitskräfte sehen das womöglich anders.

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