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Bruchhagen: "Niko Kovac wird richtige Mannschaft finden"

Sport - Bruchhagen: "Niko Kovac wird richtige Mannschaft finden"

Eintracht Frankfurts Vorstandschef Heribert Bruchhagen spricht über die Freistellung von Armin Veh, den Abstiegskampf der Eintracht, den neuen Trainer Niko Kovac und sein Nein zum Schuldenmachen.

Beitragslänge:
15 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 12.03.2017, 23:00

Heribert Bruchhagen ist mehr als nur ein Funktionär der alten Schule. Der 67-Jährige gilt als profunder Kenner des deutschen Profifußballs. Als Gast im aktuellen sportstudio spricht der Vorstandschef von Eintracht Frankfurt über die Freistellung von Armin Veh, den Abstiegskampf der Eintracht, den neuen Trainer Niko Kovac und sein Nein zum Schuldenmachen.

Der Überzeugungstäter

Zum Saisonende hört Heribert Bruchhagen auf. Seine polarisierende Meinung wird der Bundesliga fehlen.

von Frank Hellmann

Es war Anfang September, ein lauwarmer Spätsommertag im Frankfurter Stadtwald, als Heribert Bruchhagen das Eingangsstatement zum Finanzgespräch der Eintracht Frankfurt Fußball AG sprach. Die Bosse hatten in eine geräumige Loge der Arena geladen, später wurde verkündet, dass der Umsatz über die 100-Millionen-Euro-Grenze klettern solle und von einem Europa-League-Platz geträumt werden dürfe.

Nur bei Bruchhagen klang das etwas vorsichtiger. "Oft prallen Realität und Visionen aufeinander. Das auszutarieren, ist eine Kunst." Und dann sagte der 67-Jährige noch, die Gesamtstrategie bleibe "auf Kontinuität ausgerichtet".

Ein halbes Jahr später ist zu konstatieren: Die Realität hat alle Visionen geschluckt. Sonst hätte der "trainerstabile Verein Eintracht Frankfurt" (Bruchhagen) nicht seinen Trainer Armin Veh am vergangenen Wochenende entlassen. Speziell für Bruchhagen war das in seiner letzten Saison ein persönlicher Tiefschlag. Das klang auch bei der Vorstellung von Veh-Nachfolger Niko Kovac deutlich heraus, der der Eintracht "einen neuen Impuls" geben  soll.

Die Überhöhung gefällt ihm nicht

Bruchhagen hat stets betont, in 13 Jahren als Führungskraft nur die dreimal 75.000 Euro Monatsgehalt für Michael Skibbe 2011 als Abfindung für einen geschassten Trainer bezahlt zu haben. Nun wurmt es ihn immens, in seiner letzten Saison noch den branchentypischen Reflexen folgen zu müssen.

Der für den sportlichen Bereich zuständige Vorstandschef - alle anderen wichtigen Aufgabenbereiche sind beim Vorstandskollegen Axel Hellmann angesiedelt - bedauert, dass es nicht mehr wie in der Ära Friedhelm Funkel möglich sei, eine Krise gemeinsam durchzustehen. Die Schnelllebigkeit des Profigeschäfts, bedingt durch seine gesellschaftliche Überhöhung und seine mediale Wahrnehmung, gefällt ihm nicht.

Er kennt die Branche in allen Facetten

Der Gymnasiallehrer aus dem nordhrein-westfälischen Harsewinkel tickt anders. Ihm wäre es tief im Inneren eigentlich am liebsten, die Spieler würden noch das Fachmagazin "Kicker" lesen und mit schwarzen Stollenschuhen spielen. Weil er ein Funktionär der alten Schule ist, der die Branche in allen Facetten durchleuchtet hat. Beinahe zwei Jahrzehnte diente er dem DJK Gütersloh und später dem Nachfolgeverein FC Gütersloh erst als Spieler dann als Trainer.

Aus seiner Zeit als Manager des FC Schalke 04 (1988 bis 1992) und  Hamburger SV (1992 bis 1995) kann er herrliche Anekdoten erzählen. Die Tätigkeit als Geschäftsführer bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) ermöglichte ihm tiefe Einblicke in bis dahin unbekannte Zusammenhänge, ehe er im Dezember 2003 bei Eintracht Frankfurt den Vorsitz übernahm. Räumliche Veränderung damals: wenige hundert Meter.

Ewige Warnung vor der zementierten Tabelle

Der gebürtige Ostwestfale hat die damals gerade wieder sehr "launische Diva" nicht nur beruhigt, sondern auch entschuldet. Diese Spielzeit sollte eigentlich dazu dienen, mit der Eintracht den nächsten Schritt zu machen - nun hat es wieder einen Rückschritt gegeben. Aber Bruchhagen kalkulierte für den Standort Frankfurt stets so etwas ein. Weil er wie kein Zweiter vor Fehlentwicklungen in der Bundesliga warnt, die durch die Spreizung der Fernsehgelder entstanden sind. Nicht nur einmal fetzte er sich deswegen mit dem mächtigen FC Bayern. Werksvereine wie Bayer Leverkusen oder VfL Wolfsburg sind für ihn genauso "Verdränger" wie die fremdfinanzierte TSG Hoffenheim.

Nicht nur einmal ließ er darüber seinem Unmut freien Lauf. Denn: "Die meisten Traditionsvereine können sich die Nase putzen und zwischen Platz acht und 18 spielen." Der Ausdruck von der "zementierten Tabelle" entspringt seinem Wortschatz. Seine polarisierende Meinung wird der Liga fehlen. Wer seine Nachfolge antritt, ist noch nicht geklärt. Der Vorstandschef selbst hatte mal den jetzt bei Hannover 96 angestellten Geschäftsführer Martin Bader vorgeschlagen, der aber innerhalb der Gremien nicht vermittelbar war.

Noch kein Nachfolger

Der Aufsichtsratschef Wolfgang Steubing, ein einflussreicher Wertpapierhändler, hat bei der Suche nach einem Ersatz bislang keine gute Figur abgegeben. Zu viele Kandidaten wurden öffentlich, zu viele sagten ab. So nacheinander Christian Nerlinger, Christoph Metzelder oder Hansi Flick. Was die Frage aufwirft, in wie weit die vorhandenen Strukturen und die handelnden Personen der Herausforderung gerecht werden.

Bruchhagen scheint an der Fahndung nach einem Sportvorstand gar nicht mehr beteiligt. Aber es gibt genügend Sätze aus seinem Munde, die wie eine Warnung klingen. "Man muss sich große Ziele setzen, um Großes zu erreichen: Dies gilt im Fußball nur bedingt." Gerade aktuell für seine Eintracht, bei der alle froh wären, wenn die Amtszeit Bruchhagens nicht mit dem Abstieg enden würde.

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