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Abpfiff: Mit 47 in Schiri-Rente

Sport - Abpfiff: Mit 47 in Schiri-Rente

Fußball ist nach wie vor seine Leidenschaft: Urs Meier hat zu kniffligen Situationen eine klare Meinung. Und die wird der frühere FIFA-Schiedsrichter bei der EURO 2016 wieder im ZDF zum Besten geben.

Beitragslänge:
3 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 13.04.2017, 18:10

In der freien Wirtschaft müssten sie noch mindestens 20 Jahre arbeiten, doch für ihren aktuellen Job sind sie schon zu alt: Für die Schiedsrichter Michael Weiner, Knut Kircher und, Florian Meyer (alle 47) kommt mit dem letzten Bundesliga-Spieltag am Samstag der Abpfiff.

Langweilig wird es den drei Herren allerdings bestimmt nicht, wenn sie jetzt plötzlich am Wochenende frei haben. In Deutschland sind Schiedsrichter schließlich keine fürstlich bezahlten Profis wie die Spieler oder Trainer, sondern gehen unter der Woche in der Regel einem "normalen" Beruf in Vollzeit nach. Kircher ist bei der Daimler AG als Teamleiter für Dachöffnungssysteme beschäftigt, Weiner leitet die Polizeidirektion Göttingen und Meyer eine Kanzlei, außerdem haben alle eine Familie und Kinder.

Weil in der Bundesliga Schiedsrichter mit 47 Jahren aussortiert werden, sind sie am kommenden Samstag zum letzten Mal an der Pfeife  – nach zusammen insgesamt 766 Einsätzen in der höchsten deutschen Fußballklasse. "Wehmut wäre vielleicht das falsche Wort, denn man weiß ja, dass es irgendwann vorbei ist", meint Kircher gegenüber zdfsport.de. Er freue sich "schon auf das letzte Spiel am kommenden Wochenende" und blicke "auf eine schöne Zeit zurück".

Weiner sieht das ganz ähnlich. "Ich bin glücklich und zufrieden damit, wie meine Karriere verlaufen ist", erklärt der Polizeioberrat in einem Interview mit der Zeitung "Blick". An eine Fortsetzung der Laufbahn in unteren Klassen oder bei irgendwelchen Promiveranstaltungen verschwendet Weiner keinen Gedanken: „Nach meinem letzten Bundesliga-Spiel ist die Sache für mich vorbei. Dann werde ich nie wieder ein Spiel pfeifen.“

Was das nun scheidende Trio trotz ihrer Leidenschaft für den immer schwieriger gewordenen Schiri-Job sicher nicht vermissen wird, sind die ständigen Diskussionen über ihre vermeintlichen Fehlentscheidungen auf dem Platz.

Schiedrichter Florian Meyer
Schiedsrichter Florian Meyer Quelle: ap

Meyer stand nach dem Pokalfinale 2014 zwischen Bayern München und Borussia Dortmund schwer in der öffentlichen Kritik, als er dem BVB ein aus schwarzgelber Sicht klares Tor verweigert hatte. Bayerns Dante hatte in der 64. Minute beim Stand von 0:0 einen Kopfball von Mats Hummels erst hinter der Linie klären können, doch Meyer ließ trotz aller Dortmunder Proteste weiterspielen – am Ende holte München den Pott (2:0 nach Verlängerung).

Weiner musste sich im Februar dieses Jahres heftige Vorwürfe aufgrund eines aus Augsburger Warte zu Unrecht gegebenen Elfmeters beim Spiel in Ingolstadt (2:1 für den FCI) gefallen lassen. Kircher wurde im März nach dem 1:3 des Hamburger SV gegen 1899 Hoffenheim wegen mehrerer strittiger Szenen durch den Kakao gezogen. "Еs stimmt, dass es leider eine Anhäufung gravierender Fehlentscheidungen gibt", sagte er danach dem Кicker, um zu betonen: "Aber vielleicht gibt es auch so viel Kritik an den Schiedsrichtern, weil wir mit Argusaugen beobachtet werden."

Ab Samstagnachmittag wird das Vergangenheit sein. Dann können sich Kircher, Weiner und Meyer anderen Dingen als Abseits, Foul oder Karte widmen. Alle drei fingen im Jugendalter an, die Seiten zu wechseln – statt sich als Spieler über den Schiri aufzuregen, eine Partie lieber selbst zu leiten. "Ich habe in meinem Heimatverein TSV Hirschau in der B-Jugend gespielt, als unser Jugendleiter gefragt hat, wer gerne mal bei einem Schiedsrichter-Lehrgang mitmachen möchte. Jeder Verein braucht ja Schiedsrichter und mir hat das von Anfang an Spaß gemacht", erinnert sich Kircher und Weiner verrät: "Ich wurde damals mit 14 in meinem Heimatort Ottenstein bei einem Fußballturnier angesprochen, ob ich nicht Schiedsrichter werden will. Ich hatte da sowieso immer schon als Linienrichter ausgeholfen."

Charakterstärke und soziale Kompetenz

Die Bundesliga war da noch weit weg, doch Schiedsrichter können schließlich genau so aufsteigen wie gute Fußballer. Wer ein dickes Fell dick trägt, um die Anfeindungen von Aktiven und Zuschauern nicht persönlich zu nehmen und weiter überzeugt seine Linie durchzieht, kommt irgendwann vielleicht ganz oben an. "Man kann von der Schiedsrichterei absolut profitieren, etwa im Hinblick auf Dinge wie Persönlichkeitsentwicklung und Charakterstärke. Man wird entscheidungsfähig, man steigert die Kommunikationsfähigkeit und die soziale Kompetenz", weiß Weiner, der sich schließlich auch in seinem Beruf als Polizist ständig durchsetzen muss.

Schiedsrichter Knut Kircher
Schiedsrichter Knut Kircher Quelle: dpa

1,96-Meter-Mann Kircher strahlt allein schon aufgrund seiner Körpergröße eine gewisse natürliche Autorität auf dem Platz aus. Dazu kommt seine ausgleichende Art, mit der er auch den unverbesserlichsten Hitzkopf schnell wieder beruhigen kann. "Es lag noch nie in meinem Naturell, sich besonders in den Mittelpunkt zu stellen und die Welle zu machen", sagt Kircher. "Ich möchte auf dem Platz authentisch bleiben, mit mir kann man, glaube ich, ganz vernünftig reden. Die Spieler merken ja schnell, wenn gegenseitiger Respekt da ist."

90 Minuten noch und ein bisschen Nachspielzeit, dann ist für Knut Kircher, Michael Weiner und Florian Meyer die Zeit in der Bundesliga vorbei. Und was kommt dann? Während sich Weiner entschieden hat, die Pfeife einzumotten, will Kircher noch ein wenig im Geschäft bleiben, möglicherweise als Schiedsrichter-Beobachter oder -Coach. Schließlich kann der Nachwuchs von den "Alten" immer noch jede Menge lernen, auch wenn die erst 47 sind.

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