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Millionenspiel Relegation

Sport - Millionenspiel Relegation

Nach dem nervenaufreibenden Finale am letzten Bundesliga-Spieltag spricht Bremens Sportdirektor Thomas Eichin über die letzten Wochen und die Rolle der Werder-Fans beim Klassenerhalt.

Beitragslänge:
4 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 14.05.2017, 22:24

Im Relegationsspiel zwischen Eintracht Frankfurt und dem 1. FC Nürnberg (Donnerstag 20.30 Uhr) hat  der Bundesligist viel zu verlieren. Vor allem finanziell. Die Einbußen auf wirtschaftlichem Sektor wären gewaltig.

Die Fernsehgeldtabelle hat Heribert Bruchhagen immer genau im Kopf. Erst kürzlich, bei seinem Abschiedsgespräch in einer Loge der Frankfurter Arena, rechnete der 67 Jahre alte scheidende Vorstandschef von Eintracht Frankfurt noch mal alle möglichen Konstellationen durch, wo denn sein Klub in diesem Ranking am Saisonende landen könnte. Bestenfalls auf Platz neun.

Bei Abstieg hoher Verlust

Doch nach der 0:1-Niederlage am letzten Spieltag bei Werder Bremen sind die Hessen nicht nur in der Abschlusstabelle auf Rang 16 abgerutscht – und damit am Donnerstag (20.30 Uhr) zum ersten Relegationsspiel gegen den 1. FC Nürnberg verdammt – sondern auch beim TV-Geld nur noch auf Platz zwölf gelistet.

Fast genau 29 Millionen Euro würden der Eintracht demnach nächste Saison aus der nationalen Vermarktung zustehen. Dazu käme der Sockelbetrag von 2,5 Millionen aus der internationalen Vermarktung plus 2,9 Millionen aus diesem Topf, weil Frankfurt 2013/2014 in der Europa League mitspielte. All das viele Geld fließt nur, wenn die Eintracht erstklassig bleibt.


Sollten die Hessen die Ausscheidungsduelle gegen die Franken – Rückspiel in Nürnberg am kommenden Montag – nicht überstehen, dann wird der Hahn aus der internationalen Vermarktung komplett zugedreht. Und aus dem nationalen Topf tröpfeln nur knapp zwölf Millionen in die Kasse. Ergibt also eine Differenz von rund 22,4 Millionen.

Einbruch im Abstiegsjahr 2011

Allein die Einbuße bei diesem Einnahmeposten verdeutlicht, wie viel in der Relegation jetzt auf dem Spiel steht. Auf „bis zu 70 Millionen“ hat das für die Finanzen zuständige Vorstandsmitglied Axel Hellmann einmal die Kosten eines Abstiegs beziffert, wenn alle Folgekosten in den kommenden Jahren eingerechnet würden. Der Mega-Gau. Noch bei der Vorstellung der Finanzdaten Anfang September vergangenen Jahres sprach der Jurist umfassend von den „Steigchancen“ des Klubs.


„Die Europa League wäre schön“, bemerkte der 44-Jährige, der Eintracht Frankfurt „reichweitenmäßig als Brückenkopf der Liga“ betrachtet. Die Bosse blickten perspektivisch ausschließlich nach oben – und müssen sich nun wieder mit gegenteiligen Szenarien auseinandersetzen, die der Verein beim Abstieg 2011 alle schon erlebt hat. In der Zweitliga-Saison 2011/2012 brach der operative Umsatz auf 42,1 Millionen Euro ein, der Jahresfehlbetrag betrug am Ende mehr als elf Millionen, weil die Eintracht alles auf die Karte Wiederaufstieg gesetzt und sein Eigenkapital fast aufgebraucht hatte.

Schaden auf allen Ebenen

Der Schaden durch nur eine Zweitliga-Serie war auf allen Ebenen riesengroß. Lag der Zuschauerschnitt zuvor bei 47.000 Besuchern, sackte er in der Zweiten Liga auf 37.000 ab. Hinzu kamen weniger verkaufte VIP-Logen und Business-Plätze, auch die Sponsoreneinnahmen gingen deutlich zurück. Fast die Hälfte des Budgets ging für die Gehälter drauf. Es war ein Drahtseilakt: Patrick Ochs und Marco Russ hatten sich zum VfL Wolfsburg verabschiedet, beide brachten je drei Millionen Euro Ablöse. Dafür holte die Eintracht 14 neue Spieler, aber das Gerüst um Pirmin Schwegler oder Sebastian Rode blieb zusammen.


Aber der Kraftakt ist nicht auf Knopfdruck wiederholbar. Der Verein sei „gut und solide aufgestellt“, betonte Bruchhagen zuletzt, „mit einem Umsatz von 103 Millionen, einem Eigenkapital von 8,8 Millionen und Bankverbindlichkeiten von null Euro.“ Es gibt Klubs, die weisen in der Tat viel schlechtere Zahlen auf, aber auch die Eintracht würde weit zurückgeworfen – vor allem in den Wachstumsbestrebungen. Diese Spielzeit wurde der Personalaufwand Lizenzfußball auf 38,5 Millionen angehoben. Nutzte nur nichts: Der ungeliebte Nachbar SV Darmstadt 98 kam nicht einmal mit der Hälfte an Gehaltskosten direkt ans rettende Ufer.

Schwere Hypothek für Bobic

Fredi Bobic
Fredi Bobic Quelle: dpa

Während die Spieler der „Lilien“ auf Mallorca gerade eine große Sause veranstalteten, kicken die Profis im Frankfurter Stadtwald um ihre Zukunft. Weil die DFL offenbar signalisiert hat, dass Transfererlöse von zehn Millionen Euro im Abstiegsfall erwirtschaftet werden sollen und der Spieleretat um 30 bis 40 Prozent schrumpfen müsste, könnte nur die Hälfte der Leistungsträger gehalten werden. Niemand solle vom Abstieg profitieren, hat Hellmann den Beratern in Vorabgesprächen deutlich gemacht. Doch der Wertverlust wäre immens, weil ja jeder wüsste, dass die Eintracht zum Verkauf ihrer Besten gezwungen wäre.


Auch der Bereich Sponsoring/ Hospitality, der mit 37 Prozent den größten Umsatzanteil ausmacht, würde einbrechen. Hinzu kommt noch, dass der Autobauer Alfa Romeo als Hauptsponsor aussteigt und noch kein neuer Geldgeber gefunden ist. Dafür steht mit Fredi Bobic immerhin der potenzielle Bruchhagen-Nachfolger fest. Müsste der ehemalige Stuttgarter Sportdirektor tatsächlich einen Zweitligisten übernehmen, hätte er schlechte Startvoraussetzungen. Vor allem finanziell.

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