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Familienglück in Köpenick

Bundersliga-Aufsteiger Union Berlin im Freudentaumel

Mit dem 0:0 gegen den VfB Stuttgart gelingt Union Berlin zum ersten Mal in der Klubgeschichte der Bundesliga-Aufstieg. Dort starten die Köpenicker in drei Monaten mit einer Ausnahmegenehmigung – und mit klaren Botschaften an das Establishment.

Marvin Friedrich, Robert Zulj und Florian Hubner feiern

Im Augenblick der größten Gefühlseruption hielt es Dirk Zingler nicht mehr auf seinem Platz. Die unerträgliche Anspannung machte Unions Präsidenten in der Nachspielzeit Beine – und als Schiedsrichter Christian Dingert den ersten Aufstieg der Berliner in die Bundesliga mit dem Abpfiff perfekt machte, weilte Zingler gerade auf der Herrentoilette. Seine Frau war gleich nebenan bei den Damen. „Danach“, berichtete der 54-jährige Zingler später, „haben wir uns getroffen und abgeklatscht.“

Bundesligist Nummer 56

Die Party im Stadion An der Alten Försterei war da bereits in vollem Gange – und bei der rauschenden Feier, die bis in den frühen Morgen dauerte, war viel vom großen Zusammenhalt innerhalb des Klubs und der Mannschaft die Rede.

„Der ganze Verein hat ein Jahr lang alles für dieses Ziel gegeben, dafür braucht es viele Hände“, betonte stellvertretend Trainer Urs Fischer, der im vergangenen Sommer vom FC Basel zu den „Eisernen“ gekommen war – und dessen Team nach dem 2:2 im ersten Relegationsduell mit dem VfB Stuttgart nun ein 0:0 für den großen Coup reichte. Mit Basel spielte der Chefübungsleiter aus dem Kanton Luzern schon in der Champions League, mit Union wird er demnächst den 56. Klub seit Einführung der Bundesliga in die Partien gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig führen. Und zudem für das erste Berliner Stadtduell in der obersten Spielklasse seit 43 Jahren sorgen. „Ich glaube“, kommentierte Angreifer Sebastian Polter diesen speziellen Ausblick, „Hertha kann sich auf ein geiles Derby freuen.“

Wider den Kommerz

Mit in die Bundesliga werden die Köpenicker auch ihren Ruf tragen, ein etwas anderer Fußballklub zu sein, der dem hemmungslosen Kommerz der Branche nicht auf Schritt und Tritt folgt. „Wir konzentrieren uns auf Fußball, lassen eine Menge weg“, umriss Präsident Zingler, seit 15 Jahren im Amt, inmitten der Aufstiegseuphorie das Wesen des Vereins und kündigte an: „Ich freue mich, dass wir nun auch der Bundesliga zeigen können, dass weniger mehr ist.“

Nicht weniger, sondern mehr Zuschauer soll es in Zukunft aber auch in der Wuhlheide geben. Die jetzige Arena, in der bei entsprechenden Windverhältnissen der Bratwurstgeruch durch die Ränge zieht und die Anzeigetafel noch von Hand betätigt wird, soll von 22000 auf 37000 Plätze ausgebaut werden. Die für die Bundesliga geforderte Mindestanzahl von 8000 Sitzplätzen erfüllt die Alte Försterei aktuell bei weitem nicht, Union wird deshalb erst einmal mit einer Ausnahmegenehmigung in die neue Saison gehen.

Gestillte Sehnsucht

Schon zu DDR-Zeiten galt die Sympathie für diesen Verein zugleich als ein Bekenntnis gegen das Establishment. Und ab Juni 2008 halfen rund 2000 Union-Fans eigenhändig dabei mit, das Stadion auf Vordermann zu bringen. Dem Klub ersparte diese geballte Solidarität Kosten von 2,5 Millionen Euro.

Um den langgehegten Traum von der ersten Liga zu verwirklichen, holten die Berliner nach einer schwierigen Vorsaison neben Chefcoach Fischer vor zwölf Monaten auch Oliver Ruhnert als Sport-Geschäftsführer ins Boot. Der gebürtige Sauerländer, früher Direktor der Schalker Knappenschmiede, war zuvor bereits ein Jahr als Chefscout für Union tätig gewesen. Am Montagabend sagte er nun beeindruckt: „Was hier heute passiert ist, kann man nicht mit Worten beschreiben. Die Leute haben sich so danach gesehnt.“

Unions spezieller Geist

Das Bild von der heilen, tat- und widerstandskräftigen Großfamilie wollen die Unioner ab August auch in der Bundesliga verbreiten. Sportlich angeführt von dem 53-jährigen Schweizer Fischer, der in der Nacht auf Dienstag irgendwann in aller Ruhe erklärte: „Das ist ein Klub mit einem Geist, hier ziehen alle am gleichen Strang. Sonst wäre dieser Aufstieg nicht möglich gewesen.“

Relegation im Ticker

Saison 2018/19: Entscheidungen im Überblick

  • Deutscher Meister: Bayern München
  • DFB-Pokalsieger: Bayern München
  • Teilnehmer Champions League: Bayern München, Borussia Dortmund, RB Leipzig, Bayer Leverkusen
  • Teilnehmer Europa League: Borussia Mönchengladbach, VfL Wolfsburg, Eintracht Frankfurt (Qualifikation)
  • Bundesliga-Absteiger: VfB Stuttgart, Hannover 96, 1. FC Nürnberg
  • Aufsteiger in die Bundesliga: 1. FC Köln (Meister), SC Paderborn, Union Berlin
  • Absteiger aus der 2. Bundesliga: MSV Duisburg, 1. FC Magdeburg
  • Zweitliga-Relegation: FC Ingolstadt - SV Wehen Wiesbaden
  • Aufsteiger in die 2. Bundesliga: VfL Osnabrück, Karlsruher SC
  • Absteiger aus der 3. Liga: VfR Aalen, Fortuna Köln, Sportfreunde Lotte, Energie Cottbus
  • Aufsteiger in die 3. Liga: Waldhof Mannheim (Regionalliga Südwest), Chemnitzer FC (Regionalliga Nordost), Viktoria Köln (Regionalliga West), Bayern München II (Regionalliga Süd)
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