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Schalke: Die Stimmung ist nicht königsblau

Sport - Schalke: Die Stimmung ist nicht königsblau

Christian Heidel hat sich eingerichtet auf Schalke. Und nun bastelt der neue Manager, der sich als Trainer-Entdecker einen Namen gemacht hat, an der Mannschaft für die Saison 2016/17.

Beitragslänge:
6 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 31.07.2017, 14:35

In Gelsenkirchen brennt vor dem Spiel gegen den FC Bayern der Baum. Die Stimmung auf Schalke ist im Moment eher bescheiden, und die Münchner kommen zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. "Es ist kein glücklicher Spielplan", klagt Coach Weinzierl vor dem Duell heute um 20.30 Uhr.

Religiöser Glaube kann Schmerzen lindern. Das haben Forscher der Universität Oxford herausgefunden. Schalke ist eine Religion. Und doch sind die Fans des Klubs mit dem Malocher-Image Leid gewohnt.

Aufbruchstimmung

Dabei sollte diese Saison alles besser werden. Kein Kummer mehr an der Emscher. Vor dieser Spielzeit war im nördlichen Ruhrgebiet Aufbruchstimmung zu spüren. Sage und schreibe 102 Euro kosten die neuen Trikots mit dem S04-Emblem auf dem Herzen - sie gehen dennoch weg wie die Currywurst.

Klar, der FC Schalke 04 setzte vor der Saison ein Ausrufezeichen nach dem anderen, das die Fans verzückte, die Konkurrenz rückte hier und da schon nervös auf den Stühlen herum. Schalke macht ernst. Wirklich.

Lauter Ausrufezeichen

Christian Heidel wurde aus Mainz geholt, um ein neues Schalke aufzubauen. Ausrufezeichen. Der Manager gilt als einer der besten seines Fachs in der Bundesliga. So war es nicht verwunderlich, dass Heidel den in der Liga begehrten Markus Weinzierl als Cheftrainer für die Aufgabe auf Schalke gewinnen konnte. Ausrufezeichen.

Annähernd jeder einzelne neue Spieler war ein Ausrufezeichen: Naldo klammheimlich aus Wolfsburg losgeeist. Den von vielen großen Klubs umworbenen Breel Embolo für 22 Millionen Euro zum Rekordtransfer gemacht. Coke, Kapitän von Europa-League-Rekordgewinner FC Sevilla verpflichtet. Baba aus Chelsea geholt. Nationalspieler Yevhen Konoplyanka geholt. Und die Geheimtipps Nabil Bentaleb aus Tottenham und Benjamin Stambouli von Paris Saint-Germain im Last-Minute-Stil mit Verträgen ausgestattet. Heidel hat um die 36,80 Millionen Euro auf den Tisch gelegt für das neue Schalke.

Emotional mit heftigen Ausschlägen

Und das war noch nicht alles. Trainer Weinzierl bekam sein eigenes Büro - so etwas gab es bislang nicht auf Schalke. Die Physiotherapeuten therapieren in neuen Behandlungsräumen, und die Mannschaft hat nun einen Besprechungs- und Analyseraum. Dass der Klub bislang ohne diese Infrastruktur ausgekommen ist: verrückt.

Professionelle Bedingungen gehören für Heidel zum Erfolg. Und genau von diesem träumen die treuen Schalke Fans, sinngemäß so: Vielleicht sogar endlich mal wieder vor den ungeliebten Nachbarn in schwattgelb stehen. Ach ja, und guter Fußball. Dat wär töfte."

Ernüchterung

Aber Schalke ist eben Schalke. Einfach gibt es nicht in Gelsenkirchen. Schalke ist emotional mit heftigen Ausschlägen nach oben wie nach unten. So groß die Freude noch in der Vorbereitung war, so groß war die Enttäuschung nach dem verpatzten Bundesligaauftakt bei Eintracht Frankfurt. In der Stadt der tausend Feuer brennt es. Nicht lichterloh, aber schon so, dass der Trainer seinem Team Feuer unterm Hintern machte.

Christian Heidel
Christian Heidel Quelle: dpa

Dabei ist es keine Schande, bei der hessischen Wundertüte zu verlieren. Die Frage ist nur: Wie? Schalke wurde überrannt, hatte kaum eine Chance und durfte nach über 20 Minuten das erste Mal durchschnaufen - aber nur, weil der Unparteiische bei hochsommerlichen Temperaturen zur Trinkpause pfiff. Das war nicht das Schalke, dass sich die königsblauen Anhänger gewünscht haben.

Verpflichtungen bis zur Deadline

Ein Dutzend neuer Spieler bringen nicht gleich automatisch Erfolg oder gar die seit fast 60 Jahren so ersehnte Meisterschale. Das war auch sicherlich nicht das Schalke, dass sich die sportliche Leitung vorstellt. Aber der finale Kader für die Hinrunde stand erst mit Abschalten der Faxgeräte am sogenannten "Deadline Day" - dem Ende der Transferperiode. Trend in der Szene, wenn man nicht gerade Ligaprimus ist.

Und jetzt? Jetzt kommt mit dem FC Bayern eben dieser. Eigentlich brauchen die Münchener diese Saison gar nicht spielen, glaubt man den Fußballexperten - der deutsche Rekordmeister wird so oder so den nächsten nationalen Titel in seinem Trophäenarsenal unterbringen müssen.

Nichts zu verlieren

Aber Moment. Beginnt nicht auch die Partie auf Schalke an diesem Freitag bei 0:0? Und der FC Schalke hat doch eh nichts zu verlieren. Im Gegenteil: Die Gelsenkirchener können nur gewinnen. So desaströs der Schalker Start bei Eintracht Frankfurt auch gewesen sein mag, verkauft sich das Team von Trainer Weinzierl gegen die Bayern teuer, können sie das Feld auch als Verlierer verlassen, ohne, dass die Stimmung irreparabel gestört ist. Denn eins ist so sicher wie das Amen in der Kirche: In dieser Bundesligasaison wird es noch 32 weitere Fußballspiele geben.

Christian Heidel packt an, krempelt die Ärmel hoch und Schalke um. Und das mit Weitsicht. Nach der Pleite in Frankfurt muss man mal die Kirche im Dorf lassen. Aber vielleicht schickt er trotzdem kurzfristig ganz nebenbei ein kleines Stoßgebet in der Arenakapelle in Richtung des Fußballgotts. Religiöser Glaube kann Schmerzen lindern. Schalke ist eine Religion. Vielleicht hilft das ja am Freitag im Gelsenkirchener Fußballtempel für das Schalker Seelenheil. Alles wird gut. Amen. Oder besser: Glück auf.

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