Sie sind hier:

Gräfe: "Videobeweis wird den Sport gerechter machen"

Sport - Gräfe: "Videobeweis wird den Sport gerechter machen"

Fußball-Querdenker Andreas Rettig und FIFA-Schiedsrichter Manuel Gräfe diskutieren im aktuellen sportstudio über das Ob und das Wie des möglichen Videobeweises in der Fußball-Bundesliga.

Beitragslänge:
13 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 19.12.2016, 00:46

Er hat einen in seiner Branche fast verdächtig guten Ruf, weil er als Spielerversteher gilt. Im aktuellen sportstudio hat Manuel Gräfe über die Ursachen von schlechteren Schiedsrichterleistungen gesprochen. Zusammen mit FIFA-Ausschussmitglied Andreas Rettig ist er sich einig, dass die Schwierigkeit beim Videobeweis im Detail liegt, aber dass dieser den Sport gerechter machen wird.

von Heiko Buschmann

Über diese Szene diskutierte ganz Fußball-Deutschland. Noch nie war Rudi Völler nach Ablauf seiner großen Spielerkarriere so schnell gesprintet wie an diesem 31. Oktober 2015. Es lief die 34. Minute zwischen dem VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen, als nach einem unübersichtlichen Gestocher zwischen zwischen VfL-Offensivmann André Schürrle und dem Leverkusener Kevin Kampl der Ball bei "Wolf“ Viereinha landete, der aus klarer Abseitsposition Nicklas Bendtner das 1:0 für den Pokalsieger auflegte. Während der Linienrichter die Fahne hob und unterbrechen wollte, überstimmte Referee Manuel Gräfe seinen Assistenten und schenkte Wolfsburg so den Führungstreffer. Das Match endete 2:1 für den VfL.

Krasse Fehlentscheidung

Selten zuvor in seiner Schiedsrichter-Laufbahn lag der 42-Jährige so daneben wie an diesem 11. Spieltag der aktuellen Bundesliga-Saison. "Natürlich war das eine Fehlentscheidung, das habe ich ja schon direkt nach dem Spiel gesagt und mich dafür entschuldigt. Es war aber eine Situation, die wohl für keinen auf dem Platz eindeutig zu erkennen war“, sagt Gräfe. "Spieler beider Mannschaften haben mir gesagt, dass sie es nicht genau gesehen haben, selbst die unmittelbar an der Szene beteiligten Spieler Kampl und Schürrle waren sich nicht sicher.“

Einen Vorwurf, sich sportlich nicht sauber verhalten zu haben, will er den Profis daher nicht machen. "Ich kann nachvollziehen, dass sie nicht zu mir gekommen sind und es gleich klar gestellt haben. Das hat also nichts mit fair oder unfair zu tun. Auch Rudi Völler wusste es erst nach drei Zeitlupen am Fernseher.“

Videobeweis? "Nicht dafür, nicht dagegen"

Die nach dieser Szene neu aufgekeimte Debatte über die Einführung des Videobeweises im deutschen Fußball sieht er auch deshalb skeptisch. "Ich bin aktuell weder dafür noch dagegen, aber es gibt viele praktische Fragezeichen, denn etliche Szenen bleiben eine Auslegungsfrage und somit im Graubereich“, meint der für Hertha 03 Zehlendorf gemeldete Unparteiische und empfiehlt: "Man sollte das einfach weiter testen."

Der gebürtige Berliner Gräfe kickte in seiner Jugend mal in der Abwehr und mal im Angriff von Rapide Wedding, ehe sich beim Übergang von der Jugend zu den Senioren die Wege gabelten.  Er begann nach dem Abitur ein Sport- und Geschichtsstudium. Nebenbei erwarb er seinen Schiedsrichterschein, aber im Rahmen des Sportstudiums auch die Trainer-B-Lizenz. Im Sportstudium belegte er die Schwerpunkte Theorie und Praxis im Fußball, beschäftigte sich wissenschaftlich aber auch mit Sportpsychologie und Sportpädagogik.

Schiri-Analyse im Sportstudio

Eigentlich wollte er dann Journalist werden, "gerne im Sport. Aber am Samstagnachmittag selbst ein Spiel leiten und abends im "aktuellen sportstudio" darüber berichten, geht natürlich nicht“, weiß Gräfe und fügt lachend hinzu: "Sonst wäre der Schiedsrichter immer der beste Mann gewesen.“

Mit 27 pfiff der 1,97-Meter-Mann schon zweite Liga, drei Jahre später folgte der Sprung in die Bundesliga. Dabei regte er sich früher als Spieler oder Fan selbst gerne mal über den zwölften Mann auf. "Ich wollte nie so einer sein, der distanziert und autoritär auf die Spieler guckt“, betont Gräfe. "Ich kommuniziere lieber mit den Spielern, denn so wie wir sie und die Trainer mit Respekt behandeln sollten, wünsche ich es mir im gleichen Maße auch umgekehrt.“

Besonnen und nahbar

Weil Letzteres nicht immer der Fall sei - schon gar nicht, wenn man sich solch einen Bock wie er in Wolfsburg leistet - hat sich Gräfe für seinen Auftritt im sportstudio etwas vorgenommen.PLACEHOLDER "Dann möchte ich daran erinnern, dass es ohne gegenseitigen Respekt auf dem Platz nicht geht.“

Seinen guten Ruf in der Szene hat er übrigens auch nach der Szene von vor knapp zwei Monaten nicht eingebüßt. Spieler, Trainer und Verantwortliche schätzen Gräfes besonnene wie nahbare Art auf dem Platz. "Ich denke, dass ich trotz oder gerade vielleicht wegen meiner großzügigen Art wenig Probleme in der Spielleitung habe“, meint der Sportwissenschaftler und verrät: "Ich versuche immer dort laufen zu lassen, wo es geht und eher präventiv zu agieren, und sage einem Spieler nach einem Foul auch mal: 'Hol dir doch die Gelbe Karte später ab und nicht dafür!' Wenn es auf dem Platz dreckig wird, kann ich aber umschalten und bin keiner, der eine Karte stecken lässt, wenn sie angemessen ist.“

So viel ist auch klar: Beim nächsten unübersichtlichen Zuspiel wird Gräfe seinen Assistenten an der Linie nicht mehr überstimmen – es sei denn, er ist sich absolut sicher.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet