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Modernes Fußballwissen gegen praktische Erfahrung

Trainertrends in der Bundesliga

Die beiden Trainer der Spitzenreiter in Deutschlands erster und zweiter Fußball-Liga sind zusammen 135 Jahre alt. Dass Erfahrung bei der Trainerauswahl wieder im Trend liegt, bekommt auch Werder Bremens Interims-Trainer Florian Kohfeldt zu spüren, dessen Vorgänger Novizen waren.

Thomas Schaaf
Thomas Schaaf Quelle: imago

Florian Kohfeldt befindet sich seit einer Woche in einer Extremsituation. Gerade ist der aktuelle Werder-Trainer durch die Entlassung seines Vorgängers Alexander Nouri ins bundesweite Rampenlicht gestoßen worden. Ob er dort noch eine Weile bleiben oder möglicherweise schon wieder in die dritte Reihe zurücktreten muss, hängt nur davon ab, ob sein Chef einen Besseren findet.

Messlatte Kohfeldt

„Florian ist die Benchmark bei der Entscheidung, ob wir einen neuen Trainer holen oder nicht“, sagte Sportchef Frank Baumann nach der 1:2 Niederlage von Werder bei Eintracht Frankfurt im besten Manager-Deutsch. Benchmark kann man sportlich mit Messlatte übersetzen und die liegt bei Kohfeldt sehr hoch. Gilt er doch – um im Jargon zu bleiben – auf dem Trainer-Markt als High Talent.

Die Niederlage in Frankfurt hat nach Baumanns Aussage die Chance für den Interims-Trainer auf eine Festanstellung nicht gemindert. Die Mannschaft zeigte sich besonders in der vorher kritisierten Offensive verbessert. Kohfeldts Problem: Nach den frühen Trennungen von Viktor Skripnik und Nouri ist das Modell „Nachwuchstrainer rückt auf“ bei Werder in Misskredit geraten. Der Ruf nach einem erfahrenen Trainer wird lauter. „Und jetzt: muss Thomas Schaaf kommen“, lautete ein Kommentar im Regionalfernsehen schon vor dem Spiel in Frankfurt.

Ein Drittel Novizen

Was sich da rund um die Trainersuche in Bremen abspielt, wirft ein Schlaglicht auf eine generelle Diskussion: Modernes Fußballwissen gegen praktische Erfahrung. Jahrzehntelang wurden die Trainerjobs in der Bundesliga mehr oder weniger an bekannte Namen vergeben, nur selten schaffte es mal ein Neuling oder Quereinsteiger auf das Karussell aufzuspringen. Seit die Leistungszentren der Bundesligisten nicht nur immer mehr gut ausgebildete Spieler, sondern auch Trainer hervorbringen, hat sich das geändert.

Ein Drittel der aktuellen Bundesliga-Trainer kam direkt aus dem Nachwuchsbereich auf die Profi-Trainerbank: Julian Nagelsmann, Sandro Schwarz, Hannes Wolff, Manuel Baum, Dominic Tedesco und Florian Kohfeldt. Bis vor ein paar Wochen sah es fast so aus, als sei für Routiniers wie Bruno Labbadia oder Thomas Schaaf die Tür verschlossen.

Erfolgsmodelle Heynckes, Hrubesch und Funkel

Experten wie Fußball-Autor Ronald Reng mahnten schon, „wieder daran zu denken, dass auch jemand über 50 noch ein fabelhafter Trainer sein kann“. Und dann kam Jupp Heynckes. Direkt aus dem Rentnerstand führte er den schwächelnden FC Bayern wieder an die Bundesliga-Spitze. Eine Etage tiefer wird der Spitzenreiter Fortuna Düsseldorf vom 63-jährigen Friedhelm Funkel trainiert. Und beim HSV, wo Markus Gisdol durch den 3:1-Sieg gegen den VFB Stuttgart zwar etwas Ruhe bekommen hat, sind Horst Hrubesch und Felix Magath permanent Teil des Geraunes.

Hrubesch Erfolge mit seinen U21-Teams 2009 und 2016 waren der beste Beweis, dass Erfahrung auch bei jungen Spielern ankommt – wenn sie authentisch und nicht besserwisserisch vermittelt wird. Eine charismatische Gallionsfigur mit einem hochqualifizierten Expertenteam – das könnte ein Erfolgskonzept der Zukunft sein, wie einst bei Alex Ferguson und Manchester United.

Technischer Direktor – neuer Job für Routiniers

Abgesehen von der akuten Trainersuche hat bei den Bundesliga-Klubs das Nachdenken darüber begonnen, wie die Erfahrung im Verein zu halten ist. Ein Ansatz ist die Schaffung der Funktion eines technischen Direktors, der hauptsächlich die Ausbildung und den Einsatz der Nachwuchstrainer koordiniert. In dieser Funktion ist Ewald Lienen seit seinem Ausscheiden als Cheftrainer beim FC St. Pauli tätig. Für Thomas Schaaf soll dieser Posten in der kommenden Saison bei Werder Bremen vorgesehen sein.

Falls sich in Bremen das Modell Erfahrung gegen das Modell High Talent durchsetzt, ist auch eine Lösung denkbar, in der Thomas Schaaf bis zum Saisonende befristet auf den Trainerstuhl rückt, damit die Verantwortlichen mehr Optionen für die Auswahl eines langfristigen Coaches zur Verfügung haben. Bis nächsten Sommer werden erfahrungsgemäß noch etliche weitere Kandidaten zur Verfügung stehen.

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