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Der gläserne Spieler

Technik im Training: Noch viel Luft nach oben

Wenn man sich die Datensätze anguckt, die nach Profi-Fußballspielen veröffentlicht werden, könnte man meinen, der gläserne Athlet sei schon Realität - egal ob man das nun als Fluch oder Segen sieht. Eine aktuelle Studie zeigt dagegen, dass der Einsatz von Technologie in der Trainingsteuerung bei uns noch in den Kinderschuhen steckt.

Training von Bayern München in Doha, Qatar
Bei Training werden Daten der Spieler gesammelt und analysiert. Quelle: imago

Gelaufene Kilometer, Fehlpässe, gewonnene Zweikämpfe - im Profifußball werden nicht nur immer mehr Daten gesammelt, sondern auch über die entsprechenden Apps Trainern, Journalisten und Fans fast in Echtzeit zur Verfügung gestellt. Ohne gut gefütterte Datenbanken ist heute kein Scouting und keine Spielanalyse mehr denkbar. Doch in einem wichtigen Bereich scheint die Bundesliga noch weit hinter den Möglichkeiten neuer Technik zurückzubleiben.

Ausbildung hängt zurück

"Beim Einsatz von Technologie in der Trainingssteuerung gibt es in Deutschland im internationalen Vergleich noch viel Luft nach oben", sagt Fee Beyer, Sport-Tech-Expertin und Trainerin, gegenüber zdfsport.de. Beyer hat in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW Berlin) vor kurzem die Studie "Der Gläserne Spieler in der Fußball-Bundesliga - Wie die Vereine ihre Spieler mit neuen Technologien überwachen" veröffentlicht.

Für die Studie hat Beyer zwölf Athletiktrainer der ersten und zweiten Bundesliga dazu befragt, wie sie Technologien zur Prävention, Leistungsoptimierung und Regeneration der Spieler nutzen. "Die Athletiktrainer merken, dass sich auf dem Technologiesektor eine Menge tut und sich da Chancen ergeben", sagt Beyer. "Die Ausbildung bietet ihnen aber bislang nicht das Know-How, wirklich beurteilen zu können, nach welchen Kriterien sie Technologie bewerten und in die ganzheitliche Trainingssteuerung integrieren können."

Wunsch nach besserer Einschätzung der Belastbarkeit

Dennoch werden zahlreiche auf dem Markt angebotene Technologien genutzt. Am häufigsten mit 85 Prozent das GPS-Tracking, bei dem Daten zu Bewegung und Herzfrequenz erfasst und zur Verfügung gestellt werden. Etwa zwei Drittel der befragten Vereine nutzen Lichtschranken im Training, um Koordination, Reaktion oder Schnelligkeit zu trainieren.

Außerdem wurden Herzfrequenz-Messung und -Analyse sowie Trainings- und Performance-Management als weitere technologisch unterstützte Bereiche am häufigsten genannt. "Auffallend häufig wurde der Wunsch nach einer besseren Einschätzung zur Belastbarkeit der Spieler angegeben", heißt es in der Studie.

Manager und Cheftrainer geben den Ton an

Ohne durchdachtes Trainingskonzept ergibt allerdings auch die engmaschigste Datenerhebung keinen Sinn. Zu den modernen Ansätzen einer technologiegestützten Trainingssteuerung, die in der Bundesliga bereits praktiziert werden, gehören unter anderem die systematische Abstimmung aller Aktivitäten des Trainer- und Physiotherapeutenpersonals aufeinander sowie die zielgerichtete Bildung von Kleingruppen.

"Den Ton geben in den Vereinen das Management und die Cheftrainer an - es hängt viel davon ab, wie aufgeschlossen die gegenüber technischen Innovationen sind", sagt Beyer. "Die Athletiktrainer haben da oft wenig Einfluss". Eine größere Offenheit gegenüber Innovationen sieht Beyer bei Klubs, die weiter oben in der Tabelle stehen und bei solchen, deren interne Strukturen noch relativ neu sind. "Am Beispiel RB Leipzig sieht man, dass ein junger Verein sich Innovationen gegenüber eher öffnet und sie für sich nutzt."

Eingriff in die Privatsphäre

Teilweise offenbart die Studie auch Visionen einzelner Athletiktrainer, die Fragen nach den Grenzen und Risiken einer steigenden Transparenz aufwerfen - wie die eines implantierten Chips, "mit dem sämtliche Werte und Aktivitäten des Spielers Tag und Nacht gemessen und die Trainingsmaßnahmen daraufhin individuell und in Echtzeit angepasst werden können."

Dass die neuen Technologien auch in die Privatsphäre eingreifen, ist auch Beyer bewusst "Das ist hier nicht anders als in anderen Bereichen. Es ist zu erwarten, dass die Politik zum Schutz der Privatsphäre regulierend eingreifen wird und sich Tools zur selbstbestimmten Datennutzung etablieren werden." Außerdem werde die Datenerhebung künftig Bestandteil von Vertragsverhandlungen sein. "Klubs, die den Spielern die Verfügungsgewalt über ihre Daten sichern, könnten ein Alleinstellungsmerkmal erhalten“, so Beyer.

Neue Funktion im Trainerstab

An diesem Wochenende diskutieren einige der an der Studie beteiligten Athletiktrainer auf der Athletik-Konferenz 2017 in der Sportschule Hennef, wie sich technologische Innovationen besser in die Trainingsarbeit integrieren lassen. Das entsprechende Know-How "wird früher oder später durch eine neue Stelle in den Trainerstäben abgedeckt sein und auch Ausbildungsinhalt werden", ist sich Fee Beyer jetzt schon sicher.

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