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Die perfekte Welle

DFB-Elf begeistert beim 6:0 gegen Norwegen

Sport - Die perfekte Welle

Es gibt Fußball-Abende, an denen alles passt. Bei der 6:0-Gala gegen Norwegen gelingt der deutschen Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation eine eindrucksvolle Demonstration der Stärke, zu der das Publikum seinen Teil beiträgt. Eine Replik auf die …

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Joachim Löw kennt die Zeiten noch zu gut, als die Spielstätte in Stuttgart Neckarstadion hieß und Stimmung in einem zugigen Stadion mit unüberdachten Kurven und einer Leichtathletik-Laufbahn eher selten aufkam. Der Fußball war ohnehin ein anderer, als der Badener noch Bundesligacoach war. Als Bundestrainer erlebte der 57-Jährige nun beim 6:0-Kantersieg gegen Norwegen einen Vortrag, der zu den eindrucksvollsten seiner Amtszeit gehört.

„Wir haben hier in Stuttgart erlebt, wie schön Fußball sein kann, wie viel Spaß es machen kann“, sagte Löw und benutzte das Wörtchen „brillant“, um ein WM-Qualifikationsspiel zu beschreiben. Selbst Mario Gomez, der als spät eingewechseltes Mitglied aus der Stuttgart-Connection im Kader den Schlusspunkt setzen durfte, geriet ins Schwärmen. „Die Mannschaft hat gigantisch gespielt. Ich habe das sogar auf der Bank genossen.“

Die richtige Reaktion auf den Pöbel von Prag

Zudem ging es an diesem lauen Spätsommerabend in der stimmungsvollen Arena ja um noch etwas Größeres: Um die richtige Tonalität im Neckarpark, dass die Auswüchse des Prager Pöbels im Qualifikationsspiel gegen Tschechien auf eine Minderheit zurückgehen, die nirgendwo in ein Fußballstadion gehört.

„Genau die richtige Reaktion auf die niveaulosen Aktionen in Prag“, teilte via Twitter Taktgeber Mesut Özil mit, der den Torreigen eröffnet hatte (10.). Julian Draxler (17.), Timo Werner (21. und 40.) sowie die eingewechselten Leon Goretzka (50.) und Gomez (79.) schraubten das Resultat in Dimensionen, die norwegische Journalisten ernsthaft zur Frage veranlassten, ob das 7:0 gegen San Marino dem Weltmeister ähnlich leicht gefallen sein. Löw verneinte vehement.

Norwegen geht früh in die Knie

Der Wille, gemeinsam mit den Zuschauern ein fröhliches Fußballfest ohne Störgeräusche zu feiern, mündete in einen Spieltrieb, der den skandinavischen Sparringspartner auf dem Fußballplatz aussehen ließ wie einen Hobbyboxer, der sich im Ring mit einem Gegner aus der völlig falschen Gewichtsklasse verabredet hatte. Und der nach wenigen Minuten auf den Brettern lag. Doch dummerweise gibt es beim Fußball keinen technischen K.o., und so waren die Sander Berge, Joshua King oder Havard Nordtveit von Anfang bis Ende nur Staffage, wie die in der 4-2-3-1-Formation angeordnete DFB-Auswahl sich in einen Rausch kombinierte.

Vor allem das Trio Müller-Özil-Draxler zog – angeleitet vom Strategen-Duett Kroos-Rudy – ein verwirrendes Positionsspiel auf. Löw negierte jedoch die Vermutung, dass die Automatismen vor allem deshalb griffen, weil er auf sein früheres Standardsystem zurückgegriffen hatte. „Um Gottes willen, nein!“ entfuhr es ihm, wofür habe er denn beim Confed-Cup durchgängig mit Dreierkette gespielt.

Wichtig sei, „dass man zwei unterschiedliche Systeme und einen Plan B spielen können muss, das ist unabdingbar.“ Diesmal allerdings mündete Plan A in eine Aufführung der Extraklasse. Löw: „Die Spieler haben im letzten Drittel Wege gemacht, die Positionen super besetzt, sind in den Zwischenräume gewesen, die Außenpositionen waren sehr hoch.“

Timo Werner mit Sprechchören gefeiert

Mario Gomez und Timo Werner
Mario Gomez und Timo Werner Quelle: dpa

Die fußballerische Vorführung war das eine, die atmosphärische Begleitung das andere: Der Fanclub Nationalmannschaft hatte in die Cannstatter Kurve ein Plakat gespannt, das „gegen Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung“ stellte. Besonders gehaltvoll daher die beispielhafte Unterstützung für eine Mannschaft, die Vielfalt vorlebt. Und zu der auch keine Pfiffe gegen einzelne Protagonisten gehören.

Dass der gebürtige Stuttgarter Werner schon beim ersten Nachsetzen in der eigenen Hälfte mit Sprechchören gefeiert wurde, ließen den verlorenen Sohn später auf der Pressekonferenz frohlocken. „Dass ich so gut aufgenommen wurde, so herzlich wie früher, das freute mich nach der Geschichte, die war, doppelt“, sagte der 21-Jährige.

Der Irrwisch, der bei RB Leipzig seine Lust auf den Fußball wiedergefunden und sein Talent entfaltet hat, ist in der Stürmer-Hierarchie an Nummer eins geklettert; auch wenn Werner das nach seinem achten Länderspiel (und sechs Toren) noch nicht so sehen mag. „Ich will jedes Spiel zeigen, was ich kann. Es hat ganz gut geklappt, dass ich das Vertrauen einigermaßen zurückzahlen kann.“ Der Blondschopf ritt ganz oben auf der perfekten Welle, auf der diese Mannschaft nun auch in einem Monat gegen den Tabellenzweiten Nordirland erwischen will.

Großes Lob von Lars Lagerbäck

Der Showdown am 5. Oktober in Belfast wird nun so etwas wie ein Lackmustest, ob Löws Garde auch gegen einen wehrhafteren Widerpart solch einen Angriffswirbel inszeniert. „Das ist eine Heimmacht. Sie haben nur zwei Gegentore – beide gegen uns – bekommen und siebenmal zu Null gespielt“, warnte Löw – und wirkte doch tiefenentspannt. Denn die Zweifel an der direkten WM-Qualifikation sind eher Theorie. In der Praxis hatte Norwegens neuer Nationaltrainer Lars Lagerbäck den Abend so erlebt: „Deutschland hat eine fantastische Mannschaft. Das ist definitiv eines der besten Teams der Welt. Wir können nur lernen.“

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