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Fahndung nach dem Mittelstürmer

Sport - Fahndung nach dem Mittelstürmer

Für die anstehenden WM-Qualifikationsspiele gegen Tschechien und Nordirland hofft Bundestrainer Löw auf belebende Elemente durch Rückkehrer Gündogan. Solche wären auch in der Offensive erwünscht.

Beitragslänge:
1 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 04.10.2017, 22:00

Mit Mario Gomez fällt der einzige echte Angreifer für die WM-Qualifikationsspiele in Hamburg gegen Tschechien (Samstag, 20:45 Uhr) und in Hannover gegen Nordirland (Dienstag, 20:45 Uhr) aus. Die falsche Neun kann nur eine Zwischenlösung sein. Eine Bestandsaufnahme.

Erst vor wenigen Tagen saß Mario Gomez in einem Besprechungszimmer des Profitrakts vom VfL Wolfsburg und sprach über seine Zukunftspläne. Dort hat der Stürmer erzählt, wie viel Spaß ihm die EM in Frankreich trotz seiner Zwangspause vor dem Halbfinale gemacht habe, wie super die Atmosphäre war und wie toll die Jungs gewesen seien.

„Deutschland kann richtig stolz auf diese Mannschaft sein“, richtete der 31-Jährige im Interview mit der „Bild am Sonntag“ aus. Und er möchte mit diesem Team in zwei Jahren nach Russland zur WM, er wolle „zu den 23 gehören, die bis dahin für die Länderspiele nominiert werden.“ Davon ist auszugehen. Denn Mittelstürmer seiner Bauart, groß und robust, durchsetzungs- und kopfballstark, gibt es nicht mehr viele.

Auch das Ausland wundert sich

Umso bedauerlicher, dass der einzig echte Angreifer aus dem ursprünglich nominierten Aufgebot von Joachim Löw für die WM-Qualifikationsspiele in Hamburg gegen Tschechien (Samstag, 20:45 Uhr) und in Hannover gegen Nordirland (Dienstag, 20:45 Uhr) fehlt. Wegen „einer neurogenen Verhärtung in der Gesäßmuskulatur“, so die offizielle Diagnose, muss der noch torlose Bundesliga-Rückkehrer Gomez, in der Vorsaison mit 26 Treffern Torschützenkönig in der Türkei, eine Trainingspause einlegen.  Bedauerlich für den Bundestrainer.

Wird damit doch manifestiert, was bei der EM augenfällig war: Dem einstigen Mittelstürmerland Deutschland gehen die zentralen Vollstrecker aus. Dass ausgerechnet die Nation, für die Uwe Seeler und Gerd Müller, Horst Hrubesch und Klaus Fischer, Rudi Völler, Karl-Heinz Rummenigge oder Jürgen Klinsmann und zuletzt noch Miroslav Klose stürmten, keine echte Neun mehr aufbietet, wird im Ausland mit noch größerer Verwunderung aufgenommen als im Inland.

Andere Ausrichtung braucht andere Spielertypen

„Einen Flügelspieler wie Götze, Reus oder Draxler hatten wir ja vor zehn Jahren auch nicht. Die wurden auch ausgebildet“, gibt Gomez zu bedenken. „Man merkt immer erst, wenn etwas weg ist, ob es fehlt. So lange Miro Klose da war, war das nie eine Diskussion.“ Beim DFB wissen sie indes seit längerem von der Problematik. Doch den besten Talenten kann die Position nicht befohlen werden; und die veränderte Ausrichtung zu mehr Ballbesitz bedingte eben andere Spielertypen.

DFB-Sportdirektor Hansi Flick hält bei dem Thema gerne den Ball flach – zumal er als Assistent von Joachim Löw ja daran mitgearbeitet hat, die falsche Neun mit Mario Götze hoffähig zu machen. Allerdings auch mangels Alternativen. Die Schreie nach dem echten Mittelstürmer in der EM-Aufarbeitung waren Flick viel zu laut. „Ich halte es für fehl am Platze, nun allein zu folgern, es braucht mehr Mario Gomez und weniger Mario Götze. Der Mittelstürmer ist eine Option – er reicht aber auch nicht alleine“, stellte der Sportdirektor erst auf dem Internationalen Trainerkongress in Fulda heraus.

Gegen Norwegen ohne echten Mittelstürmer

In dieselbe Kerbe schlug bei der Veranstaltung übrigens auch Ralf Rangnick. „Diese Target-Stürmer-Diskussion führt am eigentlichen Ziel vorbei“, meinte der Sportdirektor von RB Leipzig. Wenn die Nationalmannschaft vertikal und in die Schnittstellen spiele, wenn sie genügend Spieler im Strafraum, Tiefgang und Spielwitz hätte, dann stelle sich die Frage nach dem klassischen Mittelstürmer nicht.

Bester Beleg: Beim Auftakt der WM-Qualifikation in Norwegen (3:0) stieß Müller als Doppeltorschütze in die freien Räume, weil vor allem Mesut Özil und Toni Kroos die richtigen Zuspiele mit Zug zum Tor absetzten. Und doch gilt: Die meisten Nationalmannschaften und Spitzenvereine besitzen in letzter Instanz einen, der Tore garantiert. Robert Lewandowski (Bayern München), Pierre-Emerick Aubameyang (Borussia Dortmund) oder Chicarito (Bayer Leverkusen) sind in der Bundesliga namhafte Beispiele.

Die Neun ist nicht vergeben

Dass wir nicht immer so effizient gewesen sind, bleibt ein Thema für die nächsten zwei Jahre“, hat der Bundestrainer unlängst gesagt, der in der Nachbetrachtung das verpasste EM-Finale auch darauf zurückführt, „dass unsere Chancenverwertung im letzten Drittel nicht optimal war.“ Wer aber bietet sich als Alternative an? In der U21 ist gerade wieder der Olympia-Teilnehmer Davie Selke nominiert, der aber bei RB  Leipzig aktuell nur den Ergänzungsspieler hinter Yussuf Poulsen und Timo Werner gibt.

Auch Löw verlangt viel von seinen Angreifern: Wegen Defiziten im spielerischen Bereich hatte er früher beharrlich auf den Bundesliga-Torjäger Stefan Kießling (Bayer Leverkusen) verzichtet oder Kevin Kuranyi auf die Tribüne geschickt. Gomez glaubt übrigens: „Jetzt ist es in der öffentlichen Diskussion gefühlt so, dass ich der Letzte von der Sorte Mittelstürmer wäre. Es werden Neue kommen und vielleicht ist ein paar Jahren dann wieder etwas ganz anderes gefragt.“ Doch für die WM 2018 ist keine Alternative in Sicht. Irgendwie bezeichnend. Für die anstehenden WM-Qualifikationsspiele ist die  Rückennummer neun erst gar nicht vergeben worden. Vor der Absage von Mario Gomez, der die Nummer 23 getragen hätte.

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