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Tschechen auf der Suche nach neuen Idolen

Sport - Tschechen auf der Suche nach neuen Idolen

Für die anstehenden WM-Qualifikationsspiele gegen Tschechien und Nordirland hofft Bundestrainer Löw auf belebende Elemente durch Rückkehrer Gündogan. Solche wären auch in der Offensive erwünscht.

Beitragslänge:
1 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 05.10.2017, 19:40

Mit Torwart Petr Cech und Taktgeber Tomas Rosicky hat Tschechiens Nationalmannschaft ihre letzten Stars verloren. Trainer Karel Jarolim muss einen Neuaufbau moderieren – vermutlich kommt das WM-Qualifikationsspiel in Deutschland am Samstag zu früh.

Manuel Neuer hat am Donnerstag zur Mittagszeit sehr ernst geschaut, als der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft im Foyer eines Hamburger Autohauses ein Statement zum nächsten Kontrahenten in der WM-Qualifikation abgeben sollte. „Zumindest auf dem Papier ist die tschechische Mannschaft unser stärkster Gruppengegner.“ Doch Papier ist bekanntlich geduldig.

Denn auch der Torwart des FC Bayern, der sich anschickt, ähnlich diplomatisch zu formulieren wie sein Vorgänger Philipp Lahm, wird wissen: Tschechiens Team kann dem Weltmeister im Hamburger Volksparkstadion am Samstag kaum Paroli bieten. Oder gewinnt ein Mercedes-Oldtimer ein Autorennen gegen einen Silberpfeil?

Antreiber Darida fehlt verletzt

Der tschechische Fußball hat seine beste Zeit definitiv hinter sich. Schon bei der EM in Frankreich reichte es hinter Kroatien, Spanien und der Türkei nur zum letzten Gruppenplatz; gleichzeitig verabschiedeten sich hernach die Heroen Petr Cech und Tomas Rosicky. Torwart und Taktgeber sind zurückgetreten, dazu ist der Antreiber Vladimir Darida (Hertha BSC) verletzt. Der Rest kommt als Ansammlung von Spielern daher, die kaum internationale Strahlkraft und teilweise wenig Erfahrung besitzen.

Immerhin: Die neue Nummer eins, Tomas Vaclik, der beim FC Basel den heutigen Gladbacher Yann Sommer beerbte, spielt regelmäßig in der Champions League. Der 27-Jährige bildet damit die Ausnahme. Theodor Gebre Selassie (Werder Bremen) kann an guten Tagen einen grundsoliden Rechtsverteidiger geben – mehr aber auch nicht. Trotzig beteuert der 29-Jährige: „Wir haben ein junges, hungriges Team und werden unser Bestes geben, um Deutschland zu ärgern." Und Bundestrainer Joachim Löw erklärt: „Das Team hat einen neuen Trainer, der neue, junge Spieler hinzugenommen hat. Ein solcher Prozess kann Kräfte freisetzen.“

Hoffen auf ein kleines Wunder

Aber auf Knopfdruck sind die Kräfteverhältnisse kaum auf den Kopf zu stellen. Zum Auftakt der WM-Qualifikation kam Tschechien über eine Nullnummer gegen Nordirland nicht hinaus. Und selbst Routinier Tomas Sivok (Bursaspor) räumt ein: „Die Deutschen spielen von der ersten bis zur letzten Minute wie eine Maschine. Wie bei einem Computer-Spiel. Das schreckt schon ein bisschen ab.“

Täglich hat der neue Nationaltrainer Karel Jarolim zuletzt die deutschen Auftritte auf Video studiert, das 3:0 in der WM-Qualifikation in Norwegen, die sechs Auftritte bei der EM in Frankreich. „Es ist ein starker Fußball“, sagt der 60-Jährige. Man hoffe auf ein kleines Wunder. „Es geht gegen ein Team, das nur in Ausnahmefällen zu besiegen ist.“

Vor Jahren noch ebenbürtig

Es ist gar nicht so lange her, da waren die Tschechen ebenbürtig. Nicht nur beim legendären EM-Endspiel 1976 mit dem berühmten Elfmeterfehlschuss von Uli Hoeneß, sondern auch bei der EM 1996 stand die Generation um Pavel Nedved, Karel Poborsky oder Patrik Berger im EM-Finale, und hätte nicht Torwart Petr Kouba den goldenen Schuss von Oliver Bierhoff durch die Finger flutschen lassen, wer weiß, wie es damals in Wembley ausgegangen wäre.

Noch elf Jahre später düpierte diese Nationalmannschaft die Deutschen mit einem 3:0 in München in der EM-Qualifikation, Jan Koller erzielte damals ein Blitztor, von dem sich die bereits qualifizierte Elf von Joachim Löw nicht mehr erholte. Warum läuft es seither nicht mehr? „Weil diese starke Generation weg ist. Sie machten damals erst noch in der tschechischen Liga auf sich aufmerksam, dann gingen sie zu den guten europäischen Klubs“, hat Karel Jarolim im „kicker“ erklärt.

Talente zieht es zu früh weg

Der Vater des ehemaligen HSV-Profis David Jarolim beklagt, dass es für die Jugendlichen heutzutage zu viele Unterhaltsmöglichkeiten gäben. „Wenn jemand wirklich gut sein will, ist der Fußball Schufterei, und nicht alle wollen das erleiden.“ Hinzu kommt ein Problem, das auch in skandinavischen Ländern zu beobachten ist: Viele Talente zieht es viel zu früh ins Ausland, weil die Schere bei den Verdienstmöglichkeiten so weit auseinander gegangen ist.

Junge Spieler gingen weg, „ohne sich vorher hier bewährt zu haben“, kritisiert der Nationaltrainer, „für die Entwicklung ist das nicht gut“. Für Jarolim senior, der selbst für Slavia, Dukla und Bohemians Prag spielte, seien in erster Linie die Eltern und Berater gefordert, wieder Vernunft walten zu lassen. Sonst wird die nächste Blütezeit des tschechischen Fußballs lange, lange auf sich warten lassen. Und dann wird auch der Spruch vom stärksten Gegner auf dem Papier nicht mehr erklingen.


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