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Vom Lausbub zur Leitfigur

Bastian Schweinsteiger bei seiner letzten DFB-PK

Sport - Vom Lausbub zur Leitfigur

Joachim Löw schwärmt vom langjährigen Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft: Bastian Schweinsteiger. Der Bundestrainer im Gespräch mit ZDF-Reporter Boris Büchler.

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Bastian Schweinsteiger tritt mit dem Länderspiel gegen Finnland (20:45 Uhr/ab 20:15 Uhr live ZDF) offiziell aus der deutschen Nationalmannschaft zurück. Mit ihm geht eine Figur, die wie kein anderer für die Höhen und Tiefen der jüngeren Vergangenheit steht.

Auf dem Werbeplakat steht: "Athlet. Ästhet.“ Das Banner hängt in einem großen Autohaus in Düsseldorf-Derendorf im ersten Stock. Es ist fortwährend im Bild gewesen, als Bastian Schweinsteiger am Dienstag zur Mittagszeit zum letzten Mal als Kapitän der deutschen Nationalmannschaft eine Pressekonferenz gab. Und über seinen Abschied redete, der heute Abend beim Freundschaftsspiel gegen Finnland offiziell vollzogen wird, obwohl Abschiedsspiele von Verbandsseite eigentlich mittlerweile auf dem Index stehen.

Nicht für Bundestrainer Joachim Löw. Für ihn ist es gleichwohl "eine Ehrensache“, einer solch verdienten Spezialkraft diese Bühne nicht zu verwehren. Und später, im Frühjahr 2017, soll auch noch Kumpel Lukas Podolski dieselbe Gelegenheit erhalten. Gerade Schweinsteiger war in zwölf Jahren DFB-Karriere viel mehr als nur ein Athlet. Oder Ästhet. Der technisch hoch veranlagte Mittelfeldspieler, in jungen Jahren vornehmlich offensiv an der linken Seite eingesetzt, vereinte viele Tugenden, die einem mittelmäßigen Nationalteam in seiner Metamorphose zu einer stilprägenden Mannschaft von Weltruhm gut taten: Finesse und Raffinesse. Trickreichtum und Draufgängertum. Unbekümmertheit und Frechheit.

Der schwierige Anfang 2004

Dazu verkörpert das lange nur unter ihren Kosenamen "Schweini“ und "Poldi“ bekannte Duo den Aufbruch in bessere Zeiten, als der deutsche Fußball sich langsam aus seiner tiefen Depression befreite. Beide debütierten noch unter dem früheren Teamchef Rudi Völler, der die Novizen am 6. Juni 2004 in Kaiserslautern bei einem Testspiel gegen Ungarn erstmals ins Getümmel warf.

Er erinnere sich ans Debüt noch genau, verriet Schweinsteiger nun, "ich kam gegen Ungarn rein, und wir haben 0:2 verloren.“ Nicht nur der Test gegen die damals von Lothar Matthäus trainierten Magyaren ging gewaltig schief, sondern auch das darauffolgende EM-Turnier in Portugal. Zu den wenigen Lichtblicken gehörten Schweinsteiger und Podolski, obwohl ihnen nur Kurzzeiteinsätze vergönnt waren.

Rat an die jungen Spieler heute

Aus dem blondierten Lausbub ist inzwischen eine leicht ergraute Leitfigur geworden: Wenn der 32-Jährige bei seinem 121. Länderspieleinsatz letztmals mit der schwarz-rot-goldenen Binde die Mannschaft auf den Platz führt, dann folgen ihm wohl junge Burschen wie Niklas Süle, Max Meyer oder Julian Brandt, im Tor steht vermutlich Marc-André ter Stegen, neben ihm räumt Julian Weigl auf und vorne stürmt Kevin Volland.

"Die jungen Spieler sind heute viel weiter“, beteuert Schweinsteiger, der der nachrückenden Generation nur empfahl, die "Grundgesetze des Fußballs“ nicht außer Acht zu lassen, die für ihn lauten: "Wir dürfen unsere Tugenden nicht verlieren, deswegen wird der deutsche Fußball im Ausland so geschätzt.“ Neben der ernstgemeinten Warnung äußerte er spaßeshalber diesen Wunsch: "Hoffentlich habe ich starke Läufer neben mir.“ Er kann nämlich - als Tribünengast bei Manchester United - nur bedingt vorangehen.

Die Bilder von 2006 bleiben präsent

Früh hat er mitgeholfen, dass bei der WM 2006 ein Ruck durchs ganze Land ging - das Spiel um den dritten Platz prägten Schweinsteigers Volltreffer, und die Bilder der feiernden Menschenmassen beim Sommermärchen vor zehn Jahren haben sich fest in seinem Gedächtnis eingebrannt.  "Das Schönste war, wie die Fans mit uns mitgefiebert haben.“

Für ihn war die Nationalmannschaft - auch wenn er deren Testspiele aus gesundheitlichen Gründen nicht nur einmal sausen ließ - eine Wohlfühloase, in der er viele Bezugspunkte hatte, die auch weit ins Team hinter dem Team ragten. Für die letzten Turniere - die WM 2014 und die EM 2016 - musste er sich zudem als Stehaufmännchen beweisen, das längere Verletzungspausen noch im Turnier aufzuholen hatte. Löws Rückendeckung war ihm gewiss. "Es waren wunderbare Jahre, und ich empfinde tiefe Dankbarkeit für Erlebnisse, von denen ich als Kind geträumt habe“, beteuerte Schweinsteiger denn auch.

Frage für sich selbst geklärt

Mit ihm geht eine markante Figur, die alle Höhen und Tiefen der jüngeren Vergangenheit vereint. Er selbst stellte heraus, den Fußball immer geliebt zu haben - bis auf den Moment, als er im Champions-League-Finale 2012 ("Finale dahoam“) in München beim Elfmeter versagte. Ein Erlebnis, das für den Bayern-Star an Bitterkeit nicht zu übertreffen war. Und das auch die Enttäuschung über das verlorene EM-Endspiel 2008 oder das WM-Halbfinale 2010 überlagerte.

Trotzdem noch im darauffolgenden Jahr den Henkelpott und dann bei der "absoluten Krönung“ (Schweinsteiger) den WM-Pokal in den Händen zu halten, hat ihm das Gefühl gegeben, guten Gewissens seine Demission zu erklären. "Ich habe mir die Frage gestellt, ob ich bei der WM 2018 mit derselben Leidenschaft voll angreifen kann. Und die ehrliche Antwort lautete Nein.“ Ein großes Geständnis eines großen Spielers.

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