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Der Genussmensch als Mister Gnadenlos

Jogi Löw in der HDI-Arena in Hannover

Sport - Der Genussmensch als Mister Gnadenlos

heute-journal komplett vom 11.10.16: DFB-Team siegt in der WM-Quali mit 2:0 gegen Nordirland und ist damit in Gruppe C weiter ungeschlagen.

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Joachim Löw hat der deutschen Nationalmannschaft nicht nur neue taktische Pläne, sondern auch eine bessere Effizienz verordnet. Die WM-Qualifikationsspiele gegen Tschechien (3:0) und Nordirland (2:0) lassen kaum Zweifel: Der Weltmeister will auf dem Weg zur Titelverteidigung den Gegnern keine Luft zum Atmen mehr lassen.

Ganz am Ende, als der offizielle Teil der Pressekonferenz nach dem WM-Qualifikationsspiel gegen Nordirland (2:0) von Hannover bereits beendet war, hat Joachim Löw noch ein paar nette Worte gesprochen. "Sollte ich meinen Vertrag verlängern“, sagte der Bundestrainer mit einem verschmitzten Grinsen, "so lange wie Herr Zwingmann werde ich es bei der Nationalmannschaft nicht schaffen.“

Sodann stellte sich der 56-Jährige in dem weißen Zelt neben der Arena noch für ein Erinnerungsfoto mit dem 20 Jahre alten älteren Hans-Joachim Zwingmann auf, der seit 1974 fast alle Länderspiele der deutschen Nationalmannschaft begleitet und im Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS) als Ansprechpartner, Vertrauensmann und Vizepräsident treue Dienste geleistet hatte.

Neue Konsequenz beim Coach

Zuvor hatten sich indes auch langjährige Nationalmannschaftsreporter gewundert, dass der Bundestrainer am Maschsee einen neuen Wortschatz wählte. Da war die Rede vom Vorhaben, diese WM-Qualifikation "gnadenlos, konsequent und rigoros“ durchzuziehen. War der badische Genussmensch nicht oft mit einem tiefenentspannten Fußballlehrer gleichgesetzt worden, der sich womöglich in seiner exponierten Stellung bereits zurücklehnt? Von wegen! Der lässige Löw kann auch Mister Gnadenlos sein. Neun Punkte, 8:0 Tore nach drei Partien - besser geht die erste Zwischenbilanz nicht.

Im Vorlauf zur EM 2016 hatte der Trainer seinen Spieler noch so manchen Stolperer verziehen, nun aber auf dem Weg zur Titelverteidigung 2018 sind beim Weltmeister keine Ausrutscher mehr erlaubt - so lautet Löws Botschaft. Die deutsche Nationalmannschaft hat sich mit den Oktober-Länderspielen gegen Tschechien (3:0) und Nordirland (2:0) tatsächlich noch auf ein neues Niveau gehievt.

Taktisch reifer, weil variabler

Spielerisch, aber auch mental. "Es war ein relativ müheloser Sieg gegen Nordirland. Wir haben schnell die zwei Tore gemacht, danach das Tempo logischerweise etwas herausgenommen“, bilanzierte Löw nonchalant. "Es war nicht ganz so spektakulär wie gegen Tschechien, aber wir hatten insgesamt keine Probleme.“ Auch weil die DFB-Auswahl taktisch gereift, insgesamt variabler wirkt - das Mehr an personellen Auswahlmöglichkeiten geht mit einer Vielfalt an Spielvarianten daher.

Die langen Diagonalbälle von Mats Hummels und Jerome Boateng, die am Samstag in Hamburg noch gegen früh attackierende Tschechien der Schlüssel zum Sieg waren, konnten gegen die ziemlich defensiv orientierten Nordiren (Löw: "Der Gegner stand noch tiefer im 9-1-System“) nicht zum Einsatz kommen. Aber was tat die Mannschaft bei norddeutschem Schmuddelwetter? Kombinierte geduldig und fand auf anderen Wegen die Lücken. Etwa durch den Aufsetzer des spielfreudigen Julian Draxler (13.) oder den Kopfball des starken Sami Khedira (17.).

Ganz viel Lob vom Kollegen

Löw hatte insofern auch Signale gesetzt, indem er dieselbe Startelf auf den Rasen schickte. Ilkay Gündogan ("Er braucht noch ein paar Spiele, er ist noch nicht bei 100 Prozent“) musste warten, dafür durfte sich die Führungskraft Khedira zu einem der stärksten Spieler aufschwingen. "Wenn eine Mannschaft so tief steht wie die Nordiren, dann muss man auch aus der zweiten Reihe kommen“, sagte der Italien-Legionär, der zu einer vermeintlich ersten Elf gehört, der Löw derzeit fast blind vertrauen kann.

Der nordirische Coach Michael O’Neil meinte, er bezweifele, ob es überhaupt „weltweit eine Mannschaft gibt, die diese Deutschen aufhalten.“ Solch ein "fantastisches Team mit fantastischen Spieler“ habe der Kollege. Löw war so viel Lob fast peinlich, aber seine Mannschaft scheint tatsächlich so gefestigt, "dass wir in der Lage sind, den Gegner so zu bespielen, wie wir ihn brauchen.“ Auf der anderen Seite sei das Spiel flexibel ausgelegt: "Wir haben Spieler, die ihre Positionen wechseln. Wir hatten in den beiden Spielen jetzt ganz unterschiedliche Torschützen.“

Suche nach Sicherheit vor der WM 2018

Sich nur am Ballbesitz zu ergötzen - das war ja die Haupterkenntnis aus dem zu geringen Ertrag bei der EM-Endrunde -, führt nicht zu Titeln. Gerade das Scheitern im Halbfinale gegen Frankreich hat Löw wieder gierig gemacht. Er will sich bereits im nächsten Monat im Zuge der Auslosung für den Confederations Cup 2017 auf eine Inspektionsreise durch Russland begeben und vor Ort die Bedingungen für die nächste WM, Quartiere und Trainingsmöglichkeiten erkunden.

Die nächsten Spieltermine - in der WM-Qualifikation in San Marino (11. November) und das Freundschaftsspiel in Italien (15. November) - werden vom Bundestrainer wohl zu personellen Experimenten genutzt, bei denen sich Leistungsträger ausruhen und dafür junge Spieler beweisen dürfen. Die genaue Besetzung auch im Hinblick auf den nächsten Sommer will Löw in der kommenden Woche mit U21-Nationaltrainer Stefan Kuntz erörtern. Eines ist ihm allerdings bis zur WM 2018 wichtig: "Dass die Mannschaft stabil bleibt. Diesen Spagat müssen wir schaffen. Das gibt dann im Vorfeld des Turniers vielleicht das Gefühl der Sicherheit.“

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