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Träume an der Eistonne

DFB-Pokal - 1. Hauptrunde: Atlas Delmenhorst - Werder Bremen

Am Samstag wird es noch voller als sonst auf der B 75 zwischen Delmenhorst und Bremen. Zehntausend Anhänger begleiten den Fünftligisten SV Atlas zum Pokalspiel ins Weserstadion und feiern das Wunder, es innerhalb von sieben Jahren aus der Kreisklasse dorthin geschafft zu haben.

Der Präsident und der sportliche Leiter von Atlas Delmenhorst
Quelle: imago images / Nordphoto

Wenn zwei Fußballmannschaften aufeinandertreffen, deren Stadien nur 16,6 PKW-Kilometer voneinander entfernt liegen, spricht man gemeinhin von einem Derby. Beim DFB-Pokalspiel zwischen Atlas Delmenhorst und Werder Bremen liegen die Dinge anders.

Noch nie ein Pflichtspiel gegeneinander

„Von Rivalität oder einem Derby kann man nicht sprechen, da beide Vereine in ihrer langen Geschichte noch nie ein Pflichtspiel gegeneinander bestritten haben“, sagte Delmenhorsts sportlicher Leiter Bastian Fuhrken im Gespräch mit zdfsport.de. „Ein Freundschaftsspiel ist es aber auch nicht.“

Eine spezielle Konkurrenzsituation ist schon dadurch gegeben, dass es vielfältige persönliche Verbindungen zwischen den Städten und Vereinen gibt. „Bestimmt 80 Prozent der Personen, die eine Verbindung zum SV Atlas Delmenhorst haben, gehen auch zu den Heimspielen von Werder“, sagt Fuhrken. Außerdem stehen im Atlas-Kader acht Spieler, die in den Juniorenmannschaften von Werder kickten.

Kohfeldt war ein Delmenhorster Jung

Umgekehrt war der in Delmenhorst geborene Werder-Trainer Florian Kohfeldt in seiner Jugend Torhüter beim Lokalrivalen TV Jahn Delmenhorst - wo er zeitweise auch mit Bastian Fuhrken zusammenspielte. Seit der Pokal-Auslosung telefonieren beide öfter miteinander, erst Anfang der Woche wieder: „Wir haben darüber gesprochen, dass wir uns beide darauf freuen, uns Samstag im Weserstadion zu treffen“, sagt Fuhrken.

Kann man beim Aufeinandertreffen eines Bundes- und eines Oberligisten schon im Normalfall nicht von Augenhöhe sprechen – grenzt dieses hier fast an ein kleines Fußballwunder. Atlas Delmenhorst hatte es zwar in den 1970/1980er Jahren schon mal in die damals drittklassige Oberliga-Nord geschafft, musste aber 2002 Insolvenz anmelden und existierte jahrelang nur noch in der Erinnerung seiner ehemaligen Anhänger.

Bis eine Gruppe von jungen Leuten um Fuhrken und seinen besten Freund Tammo Renken das nicht mehr hinnehmen wollte. „Mit Anfang, Mitte 20 haben wir gedacht: es kann nicht sein, dass in Delmenhorst kein Leistungsfußball gespielt wird und die jungen Talente nach Oldenburg und Bremen gehen“, sagt Fuhrken.

„Mit der Neugründung wollten wir an die Historie von Atlas anknüpfen, von der viele Menschen in Delmenhorst immer noch erzählen. Dass wir es innerhalb von sieben Jahren aus der Kreisklasse zu einem Pflichtspiel gegen Werder Bremen ins Weser-Stadion schaffen - damit hat keiner gerechnet.“

Die Auslosung hat in der einst blühenden Wolle-Stadt, deren Image in den letzten Jahren hauptsächlich durch Arbeitslosigkeit, Wohnungsproblemen und den Krankenhaus-Morden geprägt war, eine Euphorie ausgelöst. „Es werden sich etwa 10 000 Menschen aus Delmenhorst auf den Weg nach Bremen machen, wir stehen kurz vor einem ausverkauften Stadion“, sagt Fuhrken.

Mit Hingabe und Talent

Aber auch im Oberliga-Alltag strömen die Delmenhorster mittlerweile wieder zum Fußball, wie der höchste Zuschauerschnitt der Oberliga Niedersachsen zeigt. „Bei Heimspielen sticht nicht nur die hohe Zuschauerzahl hervor: es gibt neunzig Minuten Support, auf den Rängen geht es richtig ab“, schwärmt der gebürtige Delmenhorster Tino Polster, der bis 2016 als Mediendirektor in Diensten von Werder Bremen stand und in den vergangenen Wochen den Vorstand von Atlas in Kommunikations- und Organisationsfragen ehrenamtlich beraten hat.

„Der Verein Atlas Delmenhorst ist in mir verwurzelt. Ich war in der großen Pokalsaison 1980/81 bei den Spielen gegen Rot-Weiß Oberhausen, Kickers Offenbach und auf dem Bökelberg gegen Borussia Mönchengladbach dabei“ sagt Polster gegenüber zdfsport.de. „Und ich habe mit großer Freude gesehen, mit welcher Hingabe der Verein neu gegründet wurde. Die Verantwortlichen und alle anderen Ehrenamtlichen brennen für den Verein – und haben darüber hinaus auch noch jede Menge Talente. Sonst wäre so ein Großereignis wie das DFB-Pokalspiel im Weserstadion auch gar nicht zu stemmen.“

Gast im eigenen Stadion

Das altehrwürdige Stadion in Delmenhorst genügt aufgrund seiner baulichen Voraussetzungen, Infrastruktur und Kapazität nicht für dieses Großereignis. Der Verlegung ins Weserstadion stimmte der DFB nur zu, weil Atlas diese Arena schon vorher als mögliche Ausweichspielstätte angegeben hatte und für dieses Spiel von der Bremer Weser-Stadion GmbH anmietet. Offiziell ist Atlas damit Gastgeber, wird von Werder aber beim Ticketing und vielen anderen organisatorischen Dinge, maßgeblich unterstützt.

In der vergangenen Woche lud Werder die Freizeitkicker aus der Nachbarstadt schon mal zur Begehung des Stadions ein, um sich an die Dimensionen zu gewöhnen. Besonders beeindruckt war Atlas-Präsident Manfred Engelbart von der Eistonnne in der Umkleidekabine. "Da springe ich rein, wenn wir gewinnen", scherzte er, um gleich darauf hinzuzufügen: "Nein, wir fangen nicht an über das Ergebnis zu träumen. Wir träumen nur bis zum 10. August."

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