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EM 2024: Für den DFB steht viel auf dem Spiel

Türkei - Deutschland: Showdown am Donnerstag

Eigentlich müsste nach dem Evaluierungsreport doch alles klar sein. Doch dass Deutschland am Donnerstag die Euro 2024 zugesprochen bekommt, gilt längst nicht als sicher. Auch DFB-Präsident Reinhard Grindel ist gerade keine große Hilfe.

Reinhard Grindel (li.) und Philipp Lahm
DFB-Präsident Reinhard Grindel (li.) und Philipp Lahm, Botschafter der deutschen EM-Bewerbung
Quelle: dpa

Am Montag hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) mal wieder eine Pressemitteilung verschickt, die gut klingt. Als einer der ersten Fußball-Nationalverbände weltweit bringt der DFB eine Menschenrechtsstrategie voran. Mit Leitplanken, die Niederschlag in der DFB-Satzung finden sollen. Langfristig strukturell verankert – von der Basis bis zu Nationalmannschaft. Dazu wird auch DFB-Präsident Reinhard Grindel natürlich zitiert: „Im DFB und in seinen rund 25.000 Vereinen werden jeden Tag Werte wie Respekt, Vielfalt, Fair Play und Solidarität gelebt.“

Die Botschaft ist genau platziert: kurz vor der Vergabe der Euro 2024. Am Donnerstag entscheidet die UEFA-Exekutive in geheimer Wahl über die Vergabe: Soll eine EM das zweite Mal nach 1988 nach Deutschland gehen oder erstmals in die Türkei, wo die Menschenrechtslage bekanntermaßen unter dem Regime von Recep Tayyip Erdogan eher bescheiden geworden ist? Versäumnisse in dieser zentralen Frage tauchen auch im Evaluierungsbericht der UEFA auf. Ein Aktionsplan zum Thema Menschenrechte fehlt von türkischer Seite.

Was zählt bei der UEFA wirklich?

Der Report der UEFA-Administration sieht  Deutschland auch bei  der Infrastruktur oder den Stadionkapazitäten vorne. Und es gibt ein Nachhaltigkeitskonzept, das gar nicht eingefordert wurde. Rauchfreie Stadien, gesunde Ernährung. Nur was zählt wirklich? UEFA-Präsident Aleksander Ceferin hat sich dazu gegenüber dem ZDF geäußert: „Für die Entwicklung des Fußballs und für die Uefa ist es sehr wichtig, so viel wie möglich mit dem Turnier zu verdienen, um das Geld dann an alle Verbände in Europa zu verteilen.“

Die Türkei will mit Gewinngarantien punkten, indem keine Steuern auf das Event anfallen. Und auch die EM-Stadien gibt es natürlich mietfrei. Grindel sagte dazu in der ZDF-Sportreportage: „Wir haben natürlich darauf aufmerksam gemacht, dass unsere Mitbewerber aus der Türkei so ziemlich alles garantieren, was nicht niet- und nagelfest ist. Die Kollegen aus der Uefa-Exekutive wissen aber ganz genau, was wir Deutsche leisten können. Insbesondere, wenn wir sagen, das kostet einen Euro und dafür bekommt ihr einen Euro, dass das auch noch 2024 gilt.“

Es braucht einen Befreiungsschlag

Grindel hat die Ausrichtung des vierten großen Männerturniers nach der WM 1974, EM 1988 und WM 2006 zu seinem „Leuchtturmprojekt“ ernannt, doch es oft genug selbst untergraben. Der ohnehin schwierigen Integrationsdebatte im Land hat er mit seinem Schlingerkus in der Causa Mesut Özil einen Bärendienst erwiesen - und dem türkischen Mitbewerber eine Steilvorlage für Rassismusvorwürfe gegeben. Der türkische Bewerbungschef Servet Yardimci hat diese „internationale Geschichte als sehr unglücklich“ bezeichnet – und für sich als Pluspunkt verbucht.

Für den DFB steht nach der nicht aufgeklärten Affäre ums Sommermärchen 2006 und dem verlorenen Ansehen durch den missratenen Auftritt der Nationalmannschaft bei der WM in Russland viel auf dem Spiel. Unabhängig von seiner Person hatte Grindel mehrfach betont, dass der 27. September das wichtigste Datum für den deutschen Fußball in diesem Jahr sei. Es braucht einen Befreiungsschlag. Für den Verband, aber auch für den Präsidenten.

Curtius geht schon auf Distanz

Im Bid Book heißt, dass sein Einflusslevel „very high“ (sehr hoch) sei. Der 57-Jährige hat jedoch zunehmend Mühe, das Zukunftsprojekt des  deutschen Fußballs anzuschieben. Die bröckelnde Hausmacht ist mit Händen zu greifen. DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius hat für den Fall des Scheiterns in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sogar schon verlauten lassen, es sei normal, „dass im Falle eines Misserfolgs wieder Struktur- und Personaldiskussionen geführt werden, auch wenn dies vielleicht nicht immer gerecht ist“.

Rückendeckung geht eigentlich anders. Grindel spürt, dass er in der öffentlichen Meinung kaum noch gewinnen kann.  Vertraute berichten von einer tiefen Verletzung des Familienvaters. Ist ja auch nicht angenehm, wenn einer über sich lesen muss, er sei „Poltergeist“ (Spiegel) oder „Schwachstelle“ (Süddeutsche Zeitung) für die Euro-Ambitionen.

Schlingerkurs in der Özil-Debatte war schädlich

Und noch eine Gefahr lauert: Es gibt nicht wenige in der Fußballwelt, die den deutschen Moralaposteln gerne eins auswischen wollen. Mit  FIFA-Boss Gianni Infantino, obwohl formal überhaupt nicht beteiligt, hat sich Grindel einen der wichtigsten Strippenzieher zum Gegenspieler gemacht. Ihm im November 2017 ein Schreiben zu senden, um ihn für dessen Besuch beim türkischen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zu rügen, wurde in Funktionärskreisen als klassisches Eigentor gewertet. Zieht der frühere Uefa-Generalsekretär jetzt weitere Wahlmänner auf die türkische Seite?

DFB-Botschafter Philipp Lahm hat daher die Zielsetzung betont sachlich formuliert: „Ich sehe die EM nicht als Chance für ganz Deutschland, sondern für ganz Europa.“ Eine solche Stabilität oder auch Reisefreiheit bietet die Türkei tatsächlich nicht. Doch im deutschen Lager wächst die Nervosität: Wenn die 17 Mitglieder der UEFA-Exekutive am Donnerstag nach der Präsentation der Bewerbungen hinter verschlossenen Türen im schweizerischen Nyon ihr Votum abgeben, ist der Evaluierungsbericht nicht das allein ausschlaggebende Kriterium. Und bindend ist solch ein Prüfreport schon mal gar nicht. Sonst wäre nicht Katar Ausrichter der nächsten WM geworden.

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