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"Nie wieder!" - Erinnern und verhindern

Gedenken in den Stadien an NS-Opfer unter Sinti und Roma

Am 16. Erinnerungstag des deutschen Fußballs stehen die NS-Opfer unter den Sinti und Roma im Mittelpunkt. Bei den Aktionen in und um die Stadien geht es auch darum, dem verstärkten Antiziganismus entgegen zu wirken.

"Nie Wieder - Erinnern reicht nicht": Freiburger Fans mit Transparenten beim Spiel gegen Hoffenheim in der Saison 2018/19
"Nie Wieder - Erinnern reicht nicht": Freiburger Fans beim Spiel gegen Hoffenheim in der Saison 2018/19
Quelle: imago/Pressefoto Baumann

Am 19. und 20. Spieltag gedenken die DFL und die Klubs der Bundesliga sowie der 2. und 3. Liga an die Menschen, die während der Herrschaft der Nationalsozialisten diskriminiert, vertrieben und ermordet wurden. Wenn zum Beispiel die Zuschauer am 1. Februar in der Mainzer Arena auf den Anpfiff des Spiels gegen Bayern München warten, werden sie einen Mann den Rasen betreten sehen, den die meisten von ihnen wahrscheinlich nicht kennen. Romani Rose hat zwar schon viele Reden an bedeutenden Orten gehalten, aber mit einem Fußballstadion wird sein Wirken selten verbunden. Rose ist Vorsitzender des Zentralrats der Deutschen Sinti und Roma und wird zum Erinnerungstag im deutschen Fußball über den Völkermord an der größten europäischen Minderheit sprechen.

Choreos und Videos erinnern an NS-Opfer

Die Stärke der Bewegung ist, dass jeder Verein erreicht wird.
Eberhard Schulz

Seit 16 Jahren erinnert die Initiative „Nie wieder!“ in den Tagen um den 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz mit vielfältigen Aktionen an die Opfer des NS-Regimes. In den Stadien wird ein gemeinsam mit der DFL und dem DFB ausgearbeiteter Text verlesen, Fangruppen erinnern in Choreografien an ermordete Vereinsmitglieder, auf den Videoleinwänden der Dritten Liga wird eine Videobotschaft der Spieler gezeigt.

Auch um die Stadien herum tut sich einiges: Schalker Fans putzen Stolpersteine, in München erzählt der der ehemalige Boxer Oswald Marschall, wie er als Sinto im Sport Diskriminierungen erlebt hat und in Mainz werden sogar Erinnerungswochen mit Filmen, Diskussionen und Ausstellungen veranstaltet. „Die Stärke der Bewegung ist, dass jeder Verein erreicht wird“, sagt Eberhard Schulz, Begründer und Sprecher der Initiative, gegenüber zdfsport.de, „am Erinnerungstag ziehen Verbände und die Fans an einem Strang.“

Historische Verantwortung

Der Fußball weckt Emotionen und schafft dadurch Empathie für die Geschichte der eigenen Vereinsfamilie.
Eberhard Schulz

Der Impuls kam 2003 aus Italien, wo die ersten beiden Ligen auf Initiative der jüdischen Gemeinde in Rom anlässlich des 27. Januar an die italienischen Opfer des Holocaust erinnerten.  „Als Demokrat und Fußballfreund war mir klar, dass der deutsche Fußball mit dem Erinnerungstag einen Teil seiner gesellschaftlichen Verantwortung einlösen kann“, sagt Schulz.

Eine Verantwortung, die auch darin besteht, dass der DFB schon im April 1933 weit vor den Nürnberger Rassegesetzen in vorauseilendem Gehorsam erklärt hatte, dass „Juden und Marxisten in führenden Stellungen der Vereine nicht mehr tragbar“ seien.

Empathie für die Vereinsfamilie

Der DFB war unter seinem Präsidenten Theo Zwanziger offen für die Initiative und trägt wie die DFL den Erinnerungstag von Anfang an mit. Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Fangruppierungen und andere Mitstreiter aus allen Teilen der Gesellschaft dazu. 

„Der Fußball erreicht Menschen, die die anderen Institutionen schon verloren haben“, sagt Schulz, der als Diakon und Lehrer in der Jugendarbeit tätig war. „Er weckt Emotionen und schafft dadurch Empathie für die Geschichte der eigenen Vereinsfamilie.“ Vor allem die Enkelgeneration ließe sich davon berühren, wie die Fans der Schickeria München, die die Geschichte des jüdischen FC-Bayern-Präsidenten Kurt Landauer gegen Wiederstände der Vergessenheit entrissen haben.

Sinti und Roma - vergessene Opfer

In diesem Jahr stehen die NS-Opfer unter den Sinti und Roma im Mittelpunkt des Erinnerungstages. Diese werden oft vergessen, obwohl etwa 500.000 Mitglieder der Minderheit unter der NS-Herrschaft ermordet wurden, allein über 21.000 im Vernichtungslager-Auschwitz Birkenau. Und auch zu ihnen hat der deutsche Fußball eine konkrete Verbindung.

Felix Linnemann, von 1925 bis 1945 Präsident des DFB, wirkte als SS-Obersturmbannführer und Kriminaldirektor in Hannover direkt an der Verfolgung der Sinti und Roma mit. Mehrere hundert von ihnen wurden in Linnemanns persönlicher Verantwortung nach Auschwitz deportiert und dort ermordet, wie der Historikers Hubert Dwertmann herausgefunden hat.

Verstärkter Antiziganismus

Wie der Name „Nie wieder!“ ausdrückt, geht es nicht nur um das Erinnern, sondern auch um das Verhindern neuer Diskriminierungen. „Wer sich mit der Geschichte beschäftigt, bekommt, auch einen Blick dafür, was heute passiert.“, sagt Schulz. Etwa, dass Sinti und Roma verstärkt ausgegrenzt und erniedrigt werden, so dass alte Wunden wieder aufreißen. Vor allem in Osteuropa, aber auch bei uns und auch in den Stadien, wo „Zick, zack, Zigeunerpack“ ein Schmähruf für gegnerische Fans ist.

„Das ist nicht nur ein Problem der Fankurve, sondern wir haben das in den VIP-Logen, in den Umkleidekabinen. Das ist ein Gesamtproblem des Fußballs“, sagt Pavel Brunßen, langjähriger Chefredakteur des Fan-Magazins „Transparent“.  „Und so ist es auch eine Aufgabe des gesamten Fußballs, von Vereinen, Verbänden und Fangruppen, von jedem einzelnen von uns, diesen schlimmen rassistischen Ausfällen und jeder Form von Antiziganismus entgegenzuwirken“, heißt es im Aufruf zum Erinnerungstag.

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