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Wie Klopp den FC Liverpool wachküsste

Jürgen Klopp

Sport - Wie Klopp den FC Liverpool wachküsste

Zehn Endspiele hat Jürgen Klopp als Trainer erreicht, die letzten vier allerdings verloren. Nun will er alles daran setzen, das Europa-League-Finale zu gewinnen - nur Sevilla hat das gleiche Ziel.

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Heute (20.45 Uhr) kann Jürgen Klopp seine erste Saison als Trainer des FC Liverpool mit dem Gewinn der Europa League krönen. Sein eigentlicher Verdienst ist aber ein anderer: Er brachte den Fans jene Emotionalität, die sie verdienen.

Es gibt eine Szene aus dem Jahr 2014, die einiges über Jürgen Klopp aussagt. Gerade befand sich der Coach, damals noch in Diensten des BVB, auf dem Weg auf den Platz, um beim Testspiel zwischen Liverpool und Dortmund an der Linie zu stehen, als er am legendären "This is Anfield“-Schild im Liverpooler Treppengang kurz den Arm hob und das Schild berührte. Eine Tradition, die die Spieler des LFC pflegen, seit Trainerlegende Bill Shankly das Schild einst installierte, und fester Bestandteil jener Folklore, die den Klub zu etwas Besonderem macht. Für Klopp damals "ein Zeichen des Respekts“, und doch mehr als das: Da war sich einer ganz genau der großen Geschichte des FC Liverpool bewusst.

Anfield
Das legendäre "This is Anfield"-Schild im Spielertunnel des FC Liverpool Quelle: firo

Schon damals liebten die Fans des LFC diese Geste Klopps und nicht wenige wünschten sich den Dortmunder Meistermacher als Nachfolger des glücklosen Brendan Rodgers, auf dass er den schlafenden Riesen Liverpool, seit 1990 ohne Meisterschaft, ähnlich wachküsse wie er es mit dem darbenden BVB getan hatte. Als Rodgers im Herbst 2015 tatsächlich gehen musste, dauerte es nicht lange, bis die ersten Fans mit Klopp-Masken oder gar komplett als Klopp verkleidet ins Stadion kamen. Unter dem Hashtag #kloppforthekop forderten tausende Anhänger den Deutschen auf Twitter als neuen Trainer. Klopp und Liverpool, das war eine Liebesgeschichte, noch bevor er überhaupt an der Anfield Road angeheuert hatte.

Der Keine-Rücksicht-auf-Verluste-Fußball

Seither sind nur eine Handvoll Monate vergangen und Klopps Punkteschnitt ist mit 1,69 pro Spiel sogar ein wenig schlechter als jener von Rodgers, und doch ist der ganze Verein wie ausgetauscht. Klopps Gegenpressing hat den LFC zu einem aufsehenerregenden, rasanten Team verwandelt. Das ist nicht immer erfolgreich - die Liga beendete Liverpool nur auf Platz acht - aber oft reißt es die Zuschauer von den Sitzen. Ob das 5:4 gegen Norwich, ein 4:1 bei Manchester City oder das wahnwitzige 4:3 gegen Dortmund in der Europa League: Klopp gibt den Fans genau das, was das Fansein so lebenswert macht: Spektakel und Emotion. Und das in hoher Dosis.

Diesen Keine-Rücksicht-auf-Verluste-Spielstil nannte www.eurosport.co.uk recht passend "Rock'n'Roll football“. Das Spiel Liverpools ist wild, aufregend, ein bisschen verrückt und manchmal geht eben etwas zu Bruch. Aber es lässt die Leute glücklich zurück. Klopp selber beschrieb diesen Fußball bereits 2013 so: "Ich will es immer laut. Ich will diesen Boom! Fußball mit Kampf. Regen, tiefer Rasen, jeder hat Dreck im Gesicht.“ Es ist ein wenig so, als wäre der Trainer Klopp mit seinem Fußball nach Hause gekommen, als er im Oktober 2015 bei Liverpool unterschrieb. Nun lässt er besonderen Fußball spielen, für die Fans eines besonderen Klubs.

In Rekordzeit zum Scouser

Fan-Klopp
Ein Liverpool-Fan mit "King of the kop"-Schal Quelle: dpa

Hinzu kommt Klopps authentische, emotionale Art, die ihn bereits in Dortmund zum Menschenfänger machte. Seine explosiven Jubelstürme an der Seitenlinie sind jetzt schon legendär, ebenso sein charmantes Interview in der Teeküche des Unterklasseklubs Exeter City. Dass er auf Pressekonferenzen schonmal ein Beatles-Shirt trägt oder die Anhänger – wie nach dem EL-Finaleinzug gegen Villareal - vom Mittelkreis aus zum Jubeln animiert, tut seiner Beliebtheit sicherlich keinen Abbruch. Auch war es Klopp, der sich intern für den Verbleib von Jon Flanagan aussprach. Der Verteidiger ist unweit der Anfield Road aufgewachsen, die letzten zwei Jahre fehlte er aber wegen schwerer Knieverletzungen. "Es gibt viele Außenverteidiger auf der Welt, aber nicht viele davon sind echte Scouser. Er ist unser Junge und wir sind froh, dass er hier ist“, sagte Klopp, nachdem der Klub mit Flanagan verlängert hatte.

Auf diese Weise wird man selbst schnell zum Scouser. Und zwar in Rekordzeit. Seinen Spielern hat Klopp vor Kurzem übrigens verboten, das "This is Anfield“-Schild vor den Spielen zu berühren. "Ich habe ihnen gesagt, sie sollen das Schild nicht berühren, bis sie etwas gewonnen haben. Das ist ein Zeichen des Respekts.“ Gut möglich, dass es nur noch 90 Minuten dauert, bis die Tradition wieder auflebt.

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