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Weltmeisterliche Gelassenheit

Die Erkenntnisse nach dem 2:2 der DFB-Elf gegen Frankreich

Das 2:2 gegen Frankreich zum Jahresabschluss vermittelt der deutschen Nationalmannschaft genügend Erkenntnis für den Verbesserungsbedarf. Joachim Löw bleibt trotzdem im Hinblick auf die WM höchst entspannt.

Sport | ZDF SPORTextra - Löws Bilanz 2017: "Bin zufrieden"

Bundestrainer Joachim Löw im Interview mit ZDF-Sportreporter Lars Ruthemann zum Leistungsstand der DFB-Auswahl nach dem 2:2 gegen Frankreich und zu Italiens WM-Aus.

Videolänge:
2 min
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Es kommt nicht so häufig vor, dass Didier Deschamps den Scherzbold spielt. Als wolle der Nationaltrainer Frankreichs in die Fußstapfen seines einzigartigen Landsmannes und Schauspielers Louis de Funès treten, zog Deschamps im Kölner Stadion seine Grimassen am Kopfhörer, blödelte mit den Journalisten.

Keine Frage: Der 49-Jährige kam bestens gelaunt aus dem Leistungsvergleich beim Weltmeister, der mit Ach und Krach und in letzter Sekunde sich zum 2:2-Remis rettete. „Mit unserer Schnelligkeit und Techniker haben wir locker sechs, sieben gute Gelegenheiten gehabt“, sagte Deschamps im Stile des erhabenen Genießers. „Wir waren in der Lage, sie in Schwierigkeiten zu bringen und haben unsere Qualitäten bewiesen: Das Ergebnis lenkt von dem ab, was wir geleistet haben.“

<strong>Frankreich hat sich enorm weiterentwickelt</strong>

In der Tat: Dass Lars Stindl mit der allerletzten Aktion in der dritten Minute der Nachspielzeit noch den Gleichstand erzielte, nachdem Doppeltorschütze Alexandre Lacazette die Franzosen zweimal in Führung und Timo Werner vorübergehend ausgeglichen hatte, damit hatte nicht mehr jeder der knapp 37.000 Zuschauer in Müngersdorf gerechnet.

Und wer als Maßstab das EM-Halbfinale aus dem vergangenen Sommer zugrunde legte, als die Franzosen sich teilweise wie das Kaninchen vor der Schlange verkrochen, um dann unvermittelt durch Antoine Griezmann zweimal zuzuschlagen, der wunderte sich über eine Équipe Tricolore, die in Sachen Körpersprache und Spielkontrolle eine enorme Weiterentwicklung demonstrierte. Deschamps-Kollege Joachim Löw verneinte auf Nachfrage von zdfsport.de jedoch die Mutmaßung, dass sei ihm ein bisschen viel französische Dominanz gewesen: „Frankreich ist gespickt von vielen guten Spielern, das ist absolute Spitze vor allem in der Offensive. Warum soll ich mir Sorgen machen? Ich mache mir Gedanken. Ich weiß, dass wir uns in einigen Dingen einspielen müssen. So etwas hat mir nie eine schlaflose Nacht bereitet. Wir wissen ganz genau, was wir zu tun haben.“

<strong>„Nie eine schlaflose Nacht“</strong>

Genau genommen: Der nunmehr seit 21 Länderspielen ungeschlagene Bundestrainer weiß mit seinem Erfahrungsschatz von zwei Welt- und drei Europameisterschaften in der Chefrolle genau, was vor einem Turnier noch zu tun ist. Die entscheidenden Stellschrauben, so geht Löws Anschauung, werden ohnehin erst im Mai nächsten Jahres im Trainingslager in Südtirol betätigt. Selbst wenn die Testspiele im nächsten Frühjahr gegen Spanien (23. März/ARD) und Brasilien in Berlin (27. März/ live im ZDF) aus irgendwelchen Gründen schiefgehen sollten: kein Grund zur Besorgnis.

Diese beruhigende Botschaft, die Löw in einem vorweihnachtlichen Wunsch an die Reporterschar („Keine Nervosität!“) verpackte, speist sich nicht aus der Gelassenheit des badischen Genussmenschen. Sondern auch aus der Gewissheit, dass öffentliche Übertreibung des Ist-Zustandes im Vorlauf eines Turniers nicht hilft. Baustelle hier, Baustelle da – damit kann Löw so wenig anfangen wie mit einem abgestandenen Espresso. Sondern: „Ich bin völlig entspannt nach diesem Jahr.“

<strong>Bloß keine Schreckensszenarien</strong>

In diesem Zusammenhang erinnerte der Weltmeistertrainer an die Schreckensszenarien, die einst im März 2014 nach einem äußerst schmeichelhaft gewonnenen Freundschaftsspiel gegen Chile (1:0) gezeichnet wurden. Oder dem damals missratenen Vorbereitungscamp in Südtirol. Am Ende hielt Philipp Lahm nach dem Finale in Rio de Janeiro den WM-Pokal in die Luft. Insofern waren spielstarke Franzosen der richtige Lackmustest auf die Mission Titelverteidigung 2018 in Russland. „Und es ist schön“, sagte Löw, „wenn am Ende noch so ein Tor fällt.“ Aber: „Das Ergebnis hat nicht die absolute Priorität.“

Im Gegenzug wäre er in Köln nicht zum Jecken geworden, wenn seine Mannschaft den Gegner auf die Bretter gezwungen hätte. Denn: „Auch wenn du jetzt alle Spiele gewinnst, spielt es bei der WM nicht so eine Rolle. Wir sind fußballerisch mit Frankreich und einigen anderen Nationen auf höchstem Niveau. Was man bei einem Turnier braucht, ist mentale Stärke und körperliche Robustheit. Die Spiele in der K.o.-Runde stehen alle auf der Kippe. Ein 7:1 wie gegen Brasilien in einem Halbfinale wird es nicht mehr geben.“

<strong>Zum Jahres-Kehraus punkten Trapp und Götze</strong>

Vermutlich hat der 57-Jährige damit sogar Recht, der aus dem Länderspieljahr neben dem Überraschungssieg beim Confed-Cup die Erkenntnis mitnimmt, dass vieles in den richtigen Bahnen abläuft. Das Personaltableau ist weitaus größer als zu Jahresbeginn, mit Ersatztorwart Kevin Trapp und Einwechselspieler Mario Götze – Vorbereiter beim 2:2 – machten die nächsten Kandidaten zum Kehraus in einem „hochinteressanten, spannenden Spiel“ (Löw) Werbung in eigener Sache.

Und doch gibt es für den Bundestrainer noch genug zu tun. Für ihn gehe es noch um „Feinabstimmung in der Defensive, Kompaktheit und Organisation“. Die Spieler wüssten über die wesentlichen Verbesserungspunkte auch längst Bescheid.  Interessant übrigens noch, was Deschamps zu den deutschen Vorzügen zu sagen hatte: Der Weltmeister besitze mehr Erfahrung. Von fußballerischen Vorteilen war beim verschmitzten französischen Coach allerdings schon gar nicht mehr die Rede.

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