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Coach Wilder und seine Glücksritter

Aufsteiger Sheffield United mischt die Premier League auf

Vor der Saison galt Sheffield United als Absteiger Nummer eins. Doch das Team mischt die Premier League auf und ärgert die Großen. Mittendrin: Der vielleicht urigste Trainer der Liga.

Sheffield United-Trainer Chris Wilder klatscht sich mit seinen Spielern ab
Erst Fan, dann Profi und jetzt Trainer des Sheffield United Football Club: Chris Wilder
Quelle: reuters

Das Schicksal des Sheffield United Football Club ändert sich bei einem Fußballturnier für Kneipenmannschaften. Kevin McCabe, 2016 Vorstand der "Blades", hat keine gute Zeit, sein Verein steckt im Abstiegssumpf der Dritten Liga und McCabe muss seinen Trainer feuern, da entschließt er sich, bei einem gemütlichen Pint am Rande eines Hobbykickerturniers in Sheffield den Kopf etwas freizubekommen. Und setzt sich zufällig neben Chris Wilder.

Ein echtes Kind der Stadt

Auf dem Platz kicken die Amateure, das Bierchen schmeckt und die beiden kommen ins Gespräch. Wilder, zu dem Zeitpunkt 49 Jahre alt, ist ein echtes Kind der Stadt. Und auch des Vereins, den McCabe repräsentiert. Früher stand er selbst als Fan auf den Trassen der Bramall Lane, kickte in der Jugend der "Blades" und stand für sie 105 Mal als Profi auf dem Platz.

Beim Gespräch während des Kneipenturniers mit McCabe ist Wilder nach Stationen in Alfreton, Halifax und Oxford Trainer beim Viertligisten Northampton. Eine beschauliche Trainerkarriere in den Niederungen des englischen Fußballs. Aber sein Herzensklub ist und bleibt Sheffield United. So sehr sogar, dass er das Wappen des Klubs als Tätowierung auf der Haut trägt, auch wenn er nicht verrät, wo. "Chris war auch dort und wir haben gesprochen", beschreibt McCabe das Treffen mit Wilder. "Und dann haben wir Nummern ausgetauscht."

Nur Klopp und Guardiola mit mehr Siegen

Was genau Wilder und McCabe besprochen haben, ist nicht überliefert. Klar ist aber: McCabe fährt mit dem Gefühl nach Hause, seinen neuen Trainer gefunden zu haben. Und tatsächlich: Eine Entlassung später ist Wilder Coach von Sheffield United. Und erweist sich als Glücksgriff.

Die Spieler hassten die Fans, die Fans hassten die Spieler. Diese Bindung wiederherzustellen, war die größte Aufgabe, die ich zu erledigen hatte.
Chris Wilder über seine Anfangszeit bei Sheffield United

Bereits in der ersten Saison steigt der Klub mit sagenhaften 100 Punkten in die zweite Liga auf. Nach einem Jahr der Eingewöhnung sind die "Blades" auch dort nicht mehr aufzuhalten und schaffen 2019 zum zweiten Mal in ihrer Geschichte den Sprung in die Premier League. Chris Wilder folgt auf Pep Guardiola als Englands Trainer des Jahres. Zu Recht: Seit seinem Amtsantritt haben nur Guardiola und Jürgen Klopp mehr Spiele im englischen Fußball gewonnen als er.

"Blades" waren auch emotional am Boden

Angesichts der rasanten Entwicklung des Klubs umweht mittlerweile ein Hauch von Euphorie die Bramall Lane, das älteste noch in Benutzung befindliche Stadion der Welt. "Der beste Trainer, den wir je hatten", heißt es rund um den Verein über Wilder, der mit seiner Mannschaft sensationell in der oberen Tabellenhälfte mitspielt . Eine Entwicklung, die 2016 nicht einmal die kühnsten Optimisten vorhergesehen hätten, denn die "Blades" lagen vor wenigen Jahren auch emotional am Boden.

"Die Bindung zwischen Klub und Fans war an einem absoluten Tiefpunkt", erinnert sich Wilder. "Die Spieler hassten die Fans, die Fans hassten die Spieler. Diese Bindung wiederherzustellen, war die größte Aufgabe, die ich zu erledigen hatte." Seine Verbundenheit zum Klub und sein Ruf als ehrliche Haut helfen ihm dabei. Der bodenständige Wilder fährt in Sheffield mit dem Bus und geht mit seinen alten Kumpels in den Pub, das kommt gut an bei den Fans. Dass die Ergebnisse stimmen, trägt sein Übriges dazu bei.

Motivationsposter? "Bullshit"

Ergebnisse, die nicht von ungefähr kommen, denn Wilder vereint die gute alte englische Fußballattitüde mit taktischer Raffinesse zu einem erfolgversprechendem Amalgam. Eine seiner ersten Amtshandlungen in Sheffield ist es, Poster mit Motivationssprüchen, die überall hängen, von den Wänden zu reißen. "Bullshit", so Wilder, oder übersetzt: Wer im Abstiegskampf der dritten englischen Liga steckt, braucht keinen Sinnspruch auf einem kitschigen Foto. Er muss die Ärmel hochkrempeln. Entsprechend sieht sein Training aus, in dem er seinen Spielern alles abverlangt. "Es gibt kein 'Fuß vom Gas' und keine Entspannung. Wir sind nicht diese Art von Verein und ich bin nicht diese Art von Manager", so Wilder zuletzt.

Klingt nach erdiger englischer Fußballarbeit, Wilders Fußball jedoch hat wenig mit dem ur-britischen Klischee des technisch und taktisch anspruchslosen Kick and Rush zu tun. Wilder gilt als ausgesprochener Taktikfuchs, der die Gegner minutiös seziert.

Bereits bei seiner Viertliga-Station in Oxford bekamen seine staunenden Spieler achtseitige Heftchen zu ihren Gegenspielern und was ihre Aufgaben im Spiel waren. John Lundstram, Sheffield-Mittelfeldspieler, gab unlängst dem "Guardian" einen Einblick in den Sheffielder Maschinenraum: "Wir arbeiten viel daran, das Spiel breit und vertikal zu machen. Arbeiten am richtigen Hinterlaufen, daran, Überzahl zu kreieren und die Dreiecke richtig zu bilden." Auf dem Feld rochieren Wilders Spieler viel, verwirren so die Gegner, überladen die Räume und kreieren damit Torchancen. Das alles auf der Basis einer stabilen Defensive.

Wie aus einer Hollywood-Sportkomödie

Das klappt auch in der Premier League gut. Arsenal wurde ebenso geschlagen wie Everton, den Topteams Tottenham, Chelsea und Manchester United trotzte Wilders Mannschaft Punkte ab. Eine Mannschaft übrigens, die direkt aus einer jener Hollywood-Sportkomödien kommen könnte, in der sich ein Underdog ein Team aus Gescheiterten zusammenstellt und damit den Laden aufmischt. Stürmer Billy Sharp etwa, ebenfalls "Blades"-Fan seit seiner Kindheit, hat eine wechselhafte Karriere in der zweiten und dritten englischen Liga hinter sich, Sheffield schoss er mit 103 Toren aus der Dritt- in die Erstklassigkeit.

Der bereits angesprochene Lundstram wiederum galt in der Jugend des FC Everton als großes Talent, drohte aber im Herrenbereich in den unteren Ligen zu versinken. Nun hält er das zentrale Mittelfeld der "Blades" zusammen.

Bleibt Wilder bei den "Blades"?

Für Zukäufe gab der Klub gerade 47 Millionen Euro aus, was in der Premier League etwa ein halber Top-Spieler ist. Überwiegend besteht die Mannschaft aber ohnehin aus Spielern, die schon in der zweiten Liga ihre Knochen für den Klub hinhielten. "Zehn der elf Spieler, die gegen Tottenham aufliefen, spielten schon für uns in der Championship", so Wilder zuletzt. Er war es, der sie auf das höhere Niveau gebracht hat.

Was für die "Blades" zum Fluch der guten Tat werden könnte, denn Wilders Leistungen sind anderen, größeren Vereinen nicht verborgen geblieben. Schon kursieren Gerüchte, West Ham United sei an Wilder interessiert.

Dass der Mann, der zugleich Sohn des Vereins und Vater des Erfolgs ist, vorschnell seine Zelte bei seinem Herzensklub abbricht, scheint indes unwahrscheinlich. Zu emotional die Bindung, zu erfolgreich die Amtszeit. Aber spätestens, wenn man Verantwortliche anderer Vereine bei Sheffielder Kneipenturnieren auftauchen, um einen Plausch mit Wilder zu halten, sollte man sich bei den "Blades" Sorgen machen.

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