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Tim Wiese: "Als wäre ich nie weg gewesen"

Ex-Nationaltorwart und Wrestler feiert Comeback beim SSV Dillingen

Gut vier Jahre nach seinem letzten Pflichtspiel in der Bundesliga ist Tim Wiese für eine Partie ins Tor zurückgekehrt - und bescherte zwei Kreisliga-Vereinen im Kreis Donau das Spiel ihres Lebens. „Es war, als wäre ich nie weg gewesen“, sagte Wiese trotz der 1:2- Niederlage seiner Mannschaft.

v.l. Bernd Ostertag und Tim Wiese
Tim Wiese im Tor des SSV Dillingen Quelle: imago

Wie ein Rohrspatz schimpfte Tim Wiese in seinem pinkfarbenen Torwart-Trikot, als ihm Robin Hördegen, der Torjäger des TSV Haunsheim den Ball in der 24. Minute unhaltbar neben dem Pfosten zum 1:0 ins Netz setzte. Er hatte erst gar nicht versucht, mit seinen 120 Kilo in die Ecke abzutauchen. Allzu viel hatte der ehemalige Nationaltorwart im Tor des SSV Dillingen im Lokalderbbei der Kreisliga danach nicht mehr zu tun: eine Parade, ein paar Flanken abgefangen. Dennoch drehte sich alles um den 35-Jährigen, der mit diesem Spiel ein Versprechen einlöste, das er dem SSV-Vorsitzenden Christoph Nowak gegeben hatte.

Live-Übertragung des Verbandes

Dort wo sich sonst die Zuschauer mit Handschlag begrüßen, zahlten diesmal über 1000 Besucher Eintritt. Sogar ein Kamerateam aus England hatte sich angemeldet. Boulevard-Reporter posierten sich während des laufenden Spiels neben dem Pfosten und versuchten, den Star des Tages zu interviewen, Sportkanäle lieferten Live-Ticker. Dem bayrischen Fußballverband war Wieses Comeback eine Live-Übertagung auf seiner Facebook-Seite wert.

In den Tagen vor dem Spiel bemühten sich alle Beteiligten zu versichern, dass es bei diesem Coup tatsächlich um den Sport ging. „Das ist keine Spaßveranstaltung“, ließ Wiese verlauten. „Ob Bundes- oder Kreisliga ist ganz egal, es gibt nur ein Ziel: den Sieg am Samstag und drei Punkte hier zu Hause zu behalten.“ Sportliche Brisanz erhielt das Spiel, für das Wiese einen regulären Spielerpass bekommen hatte, durch die Tatsache, dass die Dillinger mitten im Abstiegskampf stecken.

„Keine reine Spaßveranstaltung“

Auf der anderen Seite wurde der Auftritt passend zu Wieses Versuchen, in der Wrestling-Szene Fuß zu fassen, inszeniert wie ein Show-Event – mit Autogrammstunde in der örtlichen Apotheke samt vollmundigen Sprüchen („ich werde im Strafraum alles abräumen“), Pressekonferenz sowie der Ankündigung einer After Show-Party in einem Augsburger Klub.

„Tim Wiese hat ganz klar deutlich gemacht, dass er sich auf dem Platz voll reinhängt und unbedingt gewinnen will“, sagte Thomas Müther, Pressesprecher des Bayrischen Fußballverbandes, gegenüber zdfsport.de. „Es ist also keine reine Spaßveranstaltung. Dass sich Tim Wiese natürlich auch in Szene setzt, ist klar, aber aus meiner Sicht auch in Ordnung. Ich denke, es profitieren alle Seiten von diesem Auftritt.“

Hang zu starken Posen

Tim Wiese bei seinem Wrestling-Debüt als "The Machine" 2016
Tim Wiese bei seinem Wrestling-Debüt als "The Machine" 2016 Quelle: dpa

Die Grenzen zwischen Show und Sport vermischen sich bei Wiese nicht erst seit seinem Ausscheiden aus dem Profi-Fußball. Bei aller Klasse spielte er immer auch ein bisschen für die Galerie. Den Hang zu starken Posen lebte er nicht nur durch die Wahl der Autos, Outfits und Sprüche aus, sondern auch auf dem Platz.

Diese Neigung kulminierte auf dramatische Art und Weise, als Wiese sich im Achtelfinale der Champions League 2006 gegen Juventus Turin in der 88. Minute ohne Not mit dem Ball in der Hand nach vorne abrollen ließ und den Ball verlor. Den musste der Turiner Emerson nur noch ins Tor schieben. Werder schied aus und war seitdem nie mehr so nah am ganz großen Geld.

Aufmerksamkeit für den Amateursport

Das war dann immerhin Wiese noch einmal, als er bei der TSG 1899 Hoffenheim einen hoch dotierten Vertag abschloss. Dort wurde er nach eher durchwachsenen Leistungen nach elf  Spielen in die berüchtigte Trainingsgruppe zwei abgeschoben, machte kein Spiel mehr und  bezeichnete den Vertrag später aber als „Deal meines Lebens“. "Viel Bock auf Fußball hatte ich am Ende nicht mehr“, sagte er später, „der Spaß ging verloren, an dessen Stelle trat der Aspekt des Geldverdienens“.

Umso überraschender nun sein Comeback für eine Partie – als Gallionsfigur des Amateurfußalls, der zwei Kreisliga-Klubs das Spiel ihres Lebens bescherte. „Der Amateurfußball bekommt durch seinen Auftritt viel Aufmerksamkeit und kann sich präsentieren“, sagt Thomas Müther. „Man darf nicht vergessen: Beinahe jedes Talent fängt einmal bei einem kleinen Verein an. Aber: Nur mit kreativen Ideen und regelmäßigen Events kann der Amateurfußball im Wettstreit mit zahlreichen Freizeitangeboten und anderen Sportarten auch für die junge Generation dauerhaft attraktiv bleiben“.

Kein Elfer zur Krönung

In der 85. Minute bekam der SSV Dillingen beim Stand von 0:2 einen Elfmeter zugesprochen. Die Zuschauer forderten „Wiese, Wiese“. Der hatte hier vor Jahren beim 19:0 mit der Hoffenheimer Trainingsgruppe zwei einen Elfmeter verwandelt. Aber die Dillinger entschieden sich für den Sport gegen die Show und so verwandelte der standardmäßige Schütze zum 1:2. Dabei blieb es – für die Dillinger geht der Abstiegskampf weiter -ohne Tim Wiese. Der ist jetzt wieder „The Machine“ und wartet auf weitere Show-Einstätze.

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