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Der Teufel und das Weihwasser

Sport - Der Teufel und das Weihwasser

Geher-Olympiasieger Alex Schwazer (Südtirol) und der italienische Anti-Doping-Papst Alessandro Donati im Doppel-Interview mit Stefan Bier zu seiner fast vierjährigen Sperre, die gerade abgelaufen ist.

Beitragslänge:
13 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 02.05.2017, 08:00

Geher-Olympiasieger Alex Schwazer ist das Comeback gelungen. Am Sonntagvormittag hat sich der Südtiroler, der wegen Dopings drei Jahre und neun Monate gesperrt war, für Olympia 2016 qualifiziert. Seit einem Jahr ist Alessandro Donati sein Trainer, ein Vorreiter im Anti-Doping-Kampf.

Der Dopingsünder und der Anti-Doping-Papst. Teufel und Weihwasser nennt der Volksmund in Italien solche Gegensätze. Doch sie scheuen einander nicht. Die simple Sicht von Gut und Böse soll dieser Fall in Frage stellen. "Wer glaubwürdige Reue zeigt, hat Anspruch auf Vergebung", lautet das Credo von Trainer Alessandro Donati.

Doppelter Kampf um den guten Ruf

Alex Schwazer - 50-Kilometer-Olympiasieger von 2008 und kurz vor London 2012 des Dopings überführt - will seinen Ruf wieder herstellen. Wer einmal dopt, dem traut man nicht? Donati traut ihm. Ein Erfolg für Schwazer. Er ist in Donatis Nähe gezogen, in ein Hotel in Rom.

Auf Schwazers Kosten hat Donati renommierte Mediziner engagiert, die ohne lange Vorwarnung Bluttests vornehmen. Ein Zusatzprogramm, eine eigene kleine Anti-Doping-Agentur. 24 Stunden - nicht nur eine, wie üblich - steht er für offizielle Anti-Doping-Kontrollen zur Verfügung. 40.000 Euro, so Schwazer, kostet ihn das Olympia-Projekt.

Donati hat einen Ruf zu verlieren. Sein internationales Ansehen als Anti-Doping-Kämpfer steht auf dem Spiel. Er machte sich damit so unbeliebt, dass seine Karriere als Trainer schon vor gut 30 Jahren beim Leichtathletikverband FIDAL endete. Die Mediziner Francesco Conconi und Michele Ferrari beschrieb er wiederholt als zentrale Figuren der italienischen Dopinggeschichte.

EPO und Testosteron

Schwazer hat mit EPO gedopt, dem Wundermittel des Ausdauersports. Ein Test am 30. Juli 2012 war der Beweis. In Oberstdorf, bei seiner damaligen Freundin, der Eiskunstlauf-Weltmeisterin Carolina Kostner, hatte er mit ihrer Hilfe einen ersten Test morgens umgangen. Kostner wurde dafür 16 Monate gesperrt. Daheim in Südtirol folgte am Abend des selben Tages eine weitere Kontrolle, die positiv war und zur längeren Sperre führte. Er gab zu, EPO im Juli 2012 drei Wochen lang genommen zu haben.

Donati hat damals dazu beigetragen, dass Schwazer überführt wurde. Im Juli 2012 wies er die Weltantidopingagentur WADA auf Verdachtsmomente hin und löste so den entscheidenden Test aus. Auch Schwazers Strafe im Zivilprozess geht auf Donati zurück. Er wirkte am italienischen Anti-Doping Gesetz von 2000 mit, das Dopingbetrug zum Straftatbestand machte. Schwazer wurde in Bozen nach einem Vergleich zu sechs Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von 6000 Euro verurteilt.

Keine Ausreden mehr

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Auch das ist Schwazer klar. Er hatte 2012 seine Schuld eingestanden, keine Ausreden gesucht. Aber erst Anfang 2015 erzählte er die ganze Wahrheit. Auf Donatis Drängen räumte er ein, schon 2011 mit Testosteron und bereits im Februar 2012 mit EPO gedopt zu haben. Sein noch gültiger Landesrekord über 20 Kilometer fällt in diese Zeit.

Seit April 2015 trainieren die beiden in Rom für das Comeback. Donati ist überzeugt, dass Schwazer dem Doping abgeschworen hat. Er glaubt ihm. Die Zweifel, er könne schon 2008, 2009 und 2010 gedopt gewesen sein, seien aufgrund der damaligen Blutwerte ausgeräumt. Auch als Schwazer in dieser Zeit vom umstrittenen Dopingarzt Ferrari trainiert wurde, ist kein Doping nachzuweisen.

Mitwisser belastet

Schwazer hat zwei Ärzte und eine Funktionärin der FIDAL als Mitwisser belastet. Alle drei stehen im Zusammenhang mit Dopingbetrug zur Zeit vor einem ordentlichen Gericht. Schwazer sagte auch bei der russischen Anti-Doping-Agentur RUSADA aus. Gedopte Geher aus Saransk waren zuvor schon nachträglich gesperrt worden, Trainer Viktor Tschegin im März 2016 lebenslang.

Dem Sieger über 20 Kilometer bei der EM in Barcelona 2010, Stanislaw Jemeljanow aus Russland, wurde 2014 der Titel ab- und dem Zweitplatzierten zuerkannt: Alex Schwazer.

Ticket gelöst

Heute, neun Tage nach Ablauf seiner Sperre, hat sich Schwazer bei der Geher-Team-WM in Rom über 50 Kilometer für Olympia qualifiziert. Achter hätte er werden müssen; er gewann überlegen in der Zeit von 3:39.00 Stunden.

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