Nächster Ritt auf der Rasierklinge

Sport - Nächster Ritt auf der Rasierklinge

"Die Mannschaft hat einiges Selbstvertrauen getankt", sagt Oliver Roggisch, Team-Manager der Handballnationalmannschaft vor dem Spiel gegen Slowenien. Die Mannschaft müsse Charakter zeigen.

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5 min
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Video verfügbar bis 19.01.2017, 08:51

Die deutschen Handballer stellen bei der EM in Polen bislang eine Wundertüte dar. Die enormen Schwankungen erklären sich durch die fehlende Routine. So droht auch im letzten Vorrundenspiel gegen Slowenien (Mittwoch, 17.15 / ZDF ab 17.05 Uhr) eine Achterbahnfahrt.

Es ist ein gutes Jahr her, dass ein einflussreicher Mann im Deutschen Handballbund über Finn Lemke sagte, er habe "ein Problem zwischen den Ohren". Gemünzt war das vor allem darauf, dass der 2,10 Meter große Rückraumspieler in stressigen Situationen, speziell nach Fehlwürfen, in sich zusammensackte und fast kollabierte.

Der gleiche Finn Lemke lief am Montagabend völlig alleine auf das Tor der Schweden zu, hätte das Spiel entscheiden können - und warf stattdessen den Ball so hoch übers Tor, dass mancher Amateurhandballer vor Scham niedergesunken wäre.

Lemke aber schüttelte sich kurz, rannte wie entfesselt nach hinten und verteidigte dort das eine Tor, das die Deutschen noch Vorsprung hatten, mit alle Kraft, die er noch in sich hatte.

Lob vom Trainer

"Die Abwehrleistung war überragend“, lobte ihn Bundestrainer Dagur Sigurdsson nach dem 27:26-Sieg: "Die Einstellung war richtig klasse. Er war einer der Schlüsselspieler zu der Wende." Der Bremer Lemke, der sein Geld beim SC Magdeburg verdient, freute sich darüber.

Er gab das Kompliment sofort an seinen Nebenmann Hendrik Pekeler ("Er ist in vielen Situationen unser Rettungsanker") und den überragenden Torwart Andreas Wolff weiter. Und dann wollte er nur noch über Slowenien reden, dem letzten Vorrundengegner, gegen den die Auswahl heute einen Punkt für den Einzug in die Hauptrunde benötigt.

Purer Wille

Lemke (23 Jahre) und Pekeler (24) sind noch ziemlich jung. Ein guter Abwehrspieler erreicht seinen Zenit meist erst mit Ende zwanzig, weil in der Deckungszentrale viel Routine gefragt ist. Aber es waren diese unerfahrenen Spieler, die - angeführt von Kapitän Steffen Weinhold - in der zweiten Halbzeit mit purem Willen das Ruder rumrissen.

Mit welchen Greenhorns der Bundestrainer nach Polen gereist ist, veranschaulicht eindrucksvoll eine Tor-Statistik: Die deutschen Auswahlspieler verzeichneten, bevor das Turnier begann, insgesamt 826 Treffer im Nationaldress. Das ist weniger als die Hälfte der Tore, die Torjäger Gudjon Valur Sigurdsson (1701) für Island erzielt hat.

Abenteuerliche Schwankungen

Das erklärt aber auch die abenteuerlichen Schwankungen im deutschen Spiel. Die Hektik, die manchmal aufkommt, die unüberlegten Würfe: Nach einem Turbo-Start im ersten Spiel gegen Spanien erlaubte sich das Team Ende der ersten Halbzeit einen 2:11-Negativlauf. Und auch gegen die Schweden verloren sie vor der Pause fast das Spiel, um nach Wiederanpfiff mit einem unkonventionellen 4:2-Deckung die Schweden völlig durcheinanderzubringen.

Die extremen Amplituden innerhalb eines Spiels könnten auch die letzte Vorrundenpartie gegen die Slowenen zu einem Ritt auf der Rasierklinge machen. Denn im Team von Trainer Veselin Vujovic stehen viele abgezockte Profis, die jeden Fehler eiskalt bestrafen: Die Spielmacher Dean Bombac und Uros Zorman etwa, Rückraum-Linkshänder Vid Kavticnik, der 2007 mit dem THW Kiel die Champions League gewann. Oder Linksaußen Luka Zvizej, der allein über 700 Länderspieltore geworfen hat.

Spielstarke Slowenen

Und auch spielkulturell treffen zwei verschiedene Welten aufeinander: Während Sigurdsson das Spiel auf seine Shooter Steffen Fäth und Christian Dissinger zuschneidet, müssen die körperlich unterlegenen Slowenen auf schnelles Kombinationsspiel setzen. Lemke sagt, er habe sich die gegnerischen Spieler auf Video "Stück für Stück" durchgeschaut, um ihre Verhaltensmuster zu studieren. "Ich habe jetzt Slowenien im Kopf." Er ist vorbereitet.

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