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Aus Bad Boys werden Sad Boys

DHB-Team scheitert im Achtelfinale

Der Höhenrausch der deutschen Handballer endete mit einem (System-)Absturz. Die junge Mannschaft muss schnell aus ihrem bitteren WM-K.o. lernen, die Ziele bleiben unter dem neuen Bundestrainer unverändert groß.

Enttäuschte Spieler auf dem Feld
Enttäuschte Spieler auf dem Feld Quelle: dpa

Die Nacht war kurz und ziemlich heftig. Mit tiefen Augenringen und leerem Blick schlichen der scheidende Bundestrainer Dagur Sigurdsson und seine gefallenen Handball-Helden durch die Empfangshalle des Flughafens Berlin-Tegel. "Es war sehr schwer einzuschlafen, die Enttäuschung sitzt immer noch tief", sagte Steffen Fäth sichtlich angeschlagen.

Viel Bier gegen den Frust


Nach dem völlig überraschenden Achtelfinal-Aus gegen Katar (20:21), der zweifellos schmerzhaftesten Niederlage der jüngeren deutschen Handball-Geschichte, waren aus den selbst ernannten Bad Boys über Nacht die Sad Boys geworden - die "bösen" mutierten zu "traurigen Jungs". "20 verschiedene Biersorten haben dafür gesorgt, dass die Atmosphäre wenigstens hinten heraus etwas lockerer wurde", sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning.

"Arbeiten, arbeiten, arbeiten"

Während Sigurdsson von der "größten Enttäuschung" seiner Zeit beim DHB sprach und die Spieler sich mit einigen Frustgetränken über den geplatzten Titeltraum hinwegtrösteten, war es Hanning, der den Blick als erster wieder nach vorn richtete. Das Drama von Paris können sogar "eine Hilfestellung" sein. "Wir müssen jetzt arbeiten, arbeiten, arbeiten", sagte der 48-Jährige. Von den Zielen WM-Medaille 2019 im eigenen Land und Olympiagold 2020 werde man "keinen Millimeter abweichen".

Tatsächlich ist Sigurdssons Vermächtnis riesig. Der Isländer, den es nach Japan zieht, hinterlässt eine junge, hungrige Mannschaft, die ihren Zenit noch längst nicht erreicht hat. Nach den rauschhaften Erlebnissen im vergangenen Jahr, als Deutschland mit einem Team der Namenlosen Europameister wurde und wenig später in Rio Olympiabronze gewann, lernten Keeper Andreas Wolff und Co. am Sonntagabend auch die bitteren Gefühle des Misserfolgs kennen.

"Die Mannschaft wird daraus lernen", sagte der ehemalige Weltmeister-Trainer Heiner Brand. Sie habe noch "sehr gute Zeiten vor sich". Und auch Ex-Welthandballer Daniel Stephan ist fest von einer "tollen Zukunft" für das DHB-Team überzeugt.

Sigurdsson-Nachfolger schon bald?

Die wird Sigurdsson aber nur noch aus der Ferne erleben. Wenn der 43-Jährige am Rande des All-Star-Games in Leipzig am 3. Februar offiziell verabschiedet wird, soll sein Nachfolger nach Wunsch der DHB-Macher am liebsten schon vorgestellt werden. Als Top-Kandidat gilt Christian Prokop. Im Feilschen mit dessen Klub SC DHfK Leipzig geht es dem Vernehmen nach nur noch um die Höhe der Ablösesumme und letzte Vertragsmodalitäten.

"Ich bin mir sicher, dass es nicht mehr so lange dauern wird, um eine ideale Lösung für den deutschen Handball präsentieren zu können", sagte Hanning am Montag. Wichtig wird sein, dass bei allem Zukunftsoptimismus die Probleme der Gegenwart nicht unter den Tisch fallen. Denn auf den neuen starken Mann im deutschen Handball, auch das zeigte das Turnier in Frankreich deutlich, wartet eine knifflige Aufgabe.

Viel Selbstkritik

Vor allem am Sonntag präsentierte sich das junge deutsche Team in der Offensive ungewohnt fahrig und ideenlos. Vom Hochgefühl nach fünf souveränen Siegen in der Vorrunde war gegen biedere Katarer nichts mehr zu spüren. Als es drauf ankam, versagten Kapitän Uwe Gensheimer und Co. die Nerven. Das Selbstverständnis der vergangenen Wochen und Monate schien einer gewissen Überheblichkeit gewichen.

Die Mannschaft übte sich derweil in Selbstkritik. "Viele haben gedacht, dass wir jetzt richtige Chancen auf das Halbfinale haben", sagte Sigurdsson und gestand dabei auch eigene Fehler: "Vielleicht haben wir, auch ich, zu weit gedacht." Selbst der sonst so coole Isländer verlor zum schlechtmöglichsten Zeitpunkt kurzzeitig den Überblick.

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