Sie sind hier:

"Du musst sie auch leben lassen"

Das Erfolgsrezept des Horst Hrubesch

Horst Hrubesch ist ein Phänomen: seit Jahren gilt er schon als Auslaufmodell, wird aber immer dann gerufen, wenn beim DFB ein ausgetüftelter Plan nicht funktioniert hat. Und hat dann Erfolg, wie jetzt als Trainer der Frauenfußball-Nationalmannschaft. Doch Ende des Jahres ist damit Schluss.

Hrubesch als Interimstrainer der Frauen-Fußballnationalmannschaft beim Spiel gegen Slowenien
Hrubesch als Interimstrainer der Frauen-Fußballnationalmannschaft beim Spiel gegen Slowenien
Quelle: dpa

Nun wird er auch diesen Job nicht los. Erstmal jedenfalls nicht. Weil seine designierte Nachfolgerin als Trainerin der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft, Martina Voss-Tecklenburg, ihren Job bei der Schweizer Nationalmannschaft noch bis zu den Play-Offs weitermachen muss, bleibt auch Hrubesch bis Ende des Jahres im Amt. Dabei hat er seine Mission, das Team zur WM zu führen, mit fünf Siegen in Folge - zuletzt auf Island (2:0) und den Färöer-Inseln (8:0) - mit Bravour erfüllt.

Die Jobs kleben an Hrubesch

Wie er sich auch schüttelt - die Jobs kleben an Hrubesch. Dabei spielt er kein Golf, sondern angelt, lebt nicht in München, sondern bei Neumünster, ist nicht smart, sondern einfach der Horst. Über das Angeln von Dorschen hat er vor Jahren ein Buch geschrieben. Falls er irgendwann auch seinen Beruf als Fußballprofi und Trainer literarisch verarbeitet, wird der DFB dieses Werk wohl nicht für seinen Nachwuchs als Lektüre bestellen.  Die Karriere von Hrubesch ist der komplette Gegenentwurf zu ungefähr allem, was junge Spieler heute lernen sollen.

"Als Spieler war ich ein Spätzünder, als Trainer bin ich es auch", sagt gebürtige Essener, der erst mit 24 Jahren Profi wurde und mit 29 in der Nationalmannschaft debütierte. In einer Jugendauswahl hat er überhaupt nie gespielt. Hrubesch, der wegen seiner Kopfballstärke den Spitznamen "Kopfballungeheuer" bekam, taucht immer dann auf, wenn irgendein kluger Plan mal wieder nicht funktioniert hat und eine unkonventionelle Lösung her muss.

Erfolgreiche Notlösung

Wie bei der Europameisterschaft 1980 in Italien, für die eigentlich Klaus Fischer als Mittelstürmer vorgesehen war. Als der sich verletzte, sprang Hrubesch ein und schoss Deutschland im Finale mit seinen beiden ersten Länderspieltoren zum Titelgewinn. Dieses Muster wiederholte sich knapp 30 Jahre später in Schweden. Der Trainer der U21-Nationalmannschaft, Dieter Eilts, wurde trotz erfolgreicher Qualifikation für die Europameisterschaft entlassen, Hrubesch sprang ein und machte das Team zum Europameister.

Und das, obwohl das idyllische Trainingsquartier bei Göteborg einer Schlangengrube glich. DFB-Sportdirektor Matthias Sammer und Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff lieferten sich vor Ort einen Machtkampf um die Führung der U21-Auswahl. Mit dem Jogi-Löw-Vertrauten Rainer Adrion stand der designierte Hrubesch-Nachfolger teilweise schon am Rand des Trainingsplatzes. Und Hrubesch? Der zog ungerührt seine Bahn wie eines seiner geliebten Haflinger-Pferde. Kümmerte sich nicht um Intrigen, sondern um seine Spieler.

Sicherheit, Souveränität und Selbstvertrauen

Hrubesch gab der Spieler-Generation um Manuel Neuer, Benedikt Höwedes, Mats Hummels, Sami Khedira und Mesut Özil während dieses Turniers den Wind unter die Flügel, der sie bis zum WM-Titel 2014 in Brasilien trug. Für Jerome Boateng brach er eine Lanze, indem er dessen Klub HSV dafür kritisierte, das Talent des Innenverteidigers zu vernachlässigen. "Das hat mir Selbstvertrauen gegeben", sagte Boateng damals. "Er zeigt, dass er an mich glaubt und redet viel mit mir, das ist wichtig für junge Spieler".

Wiederum knapp zehn Jahre später, nachdem Hrubesch die U21 nach ihrer Talfahrt wieder übernommen und zur Silbermedaille bei den Olympischen Spielen geführt hatte, nachdem er ungeplant erst als DFB-Sportdirektor und dann als Bundestrainer der Frauen eingesprungen ist, sagt Mittelfeldspielerin Melanie Leupolz: "Horst hat uns Sicherheit, Souveränität und Selbstvertrauen gegeben".

Der Freund der Spieler und Spielerinnen

Worin liegt nun das Geheimnis des Ungeheuers, das immer ungeplant auftaucht und die Dinge zum Guten wendet? Vielleicht darin: "Es ist wichtig, dass die Spieler wissen: 'Du hast einen Freund'", sagt Hrubesch in einem Interview in dem Buch "Die Zukunft des Fußballs".

Denen, die ihn schon seit über zehn Jahren als Auslaufmodell bezeichnen, sagt er: "Wenn du diese Auslaufmodelle nicht mehr hast, wirst du erst merken, was da los ist. Ich habe nichts gegen Konzepttrainer. Aber er darf eins nicht vergessen:  Es sind alles Lebewesen. Du musst sie auch leben lassen." Man darf gespannt sein, wo das Ungeheuer das nächste Mal auftaucht, wenn irgendwo wieder ein Konzept scheitert.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.