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"Im Verein keimt gerade manches Pflänzchen"

Bremer 1860 findet neue Wege in der Corona-Krise

Die Kursangebote der Sportvereine liegen in der Corona-Krise auf Eis. Dennoch sprudeln die Ideen, wie etwa bei Bremen 1860. Trainer kommen per Youtube nach Hause, ein Versorgungsservice für Senioren ist in Planung. "Wir blicken nach vorn", sagt Geschäftsführer Sebastian Stern im Interview.

Sebastian Stern.
Sebastian Stern.
Quelle: Sebastian Stern

zdfsport.de: Wie ist die aktuelle Situation in ihrem Verein Bremen 1860?

Sebastian Stern: Als Großsportverein sind wir neben den Mitgliedsbeiträgen auf weitere Einnahmen aus unsere anderen Geschäftsfeldern und Projekte angewiesen. Und die fallen zurzeit weg: die Ferienbetreuung für 200 Kinder pro Woche in den Osterferien, die ganze Kursbetreuung, der Reha-Sport, die Geburtstagsprojekte am Wochenende, Vermietungen und die Ski-Reise. Diese fehlenden Einnahmen können wir als gemeinnütziger Verein nicht kompensieren. Eine dramatische Situation, haben wir doch vereinseigene Anlagen zu betreiben und ein hohes Maß an hauptamtlichem Personal, das weiterbezahlt werden muss.

zdfsport.de: Wie können Sie das auffangen?

Stern: Wir werden versuchen, die Möglichkeit der Kurzarbeit zu nutzen. Außerdem hoffen wir auf die Solidarität unserer Mitglieder und Hilfe aus der Politik. Für einzelne Projekte haben wir um Spenden gebeten, wie zum Beispiel für die Ski-Reise und die Ferienbetreuung. Jeder Euro, den wir im Moment bekommen, hilft.

zdfsport.de: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihr Kursangebot auf YouTube zur Verfügung zu stellen?

Stern: Zuerst habe ich mich gefragt, was ich eigentlich selbst machen kann, wenn ich mit meinen Kindern vier Wochen zu Hause bin. Und dann habe ich mich an die Massage-Sendungen erinnert, die meine Eltern früher bei radiobremen gesehen haben. Die Gedankenreise hat mich schließlich dahin geführt, dass es helfen könnte, den Alltag zu durchbrechen, wenn wir unser breites Sportangebot auf den gängigen Kanälen zur Verfügung stellen. Zunächst wollten wir einen Livestream machen, aber ich kann nicht dafür garantieren, dass meine Sportlehrer weiterhin für die Produktion zur Verfügung stehen und nicht mit Ausgangssperren belegt werden. Darum zeichnen wir die Kurse jetzt auf und laden zwei Filme am Tag auf unserem YouTube-Channel hoch.

zdfsport.de: Wie war die Resonanz bei den Kursleitern und den anderen, die sie für die Umsetzung ihrer Idee brauchen?

Stern: Da hat sich eine großartige Dynamik entwickelt. Ich habe am Anfang nur an Klassiker wie Pilates, Wirbelsäulengymnastik und das Eltern-Kind-Angebot gedacht. Von den Sportabteilungen kamen dann aber noch viele andere Ideen rein. Wir haben jetzt die ersten Bastel-Filme für Kinder aufgenommen, in der nächsten Woche gehen Malwettbewerbe online, wo Kinder ihre Bilder einstellen können. Und Rosi Wahl, die bekannte Turn-Oma, scharrt auch schon mit den Füßen und möchte ein paar Übungen für Hochaltrige zum Besten geben. Die Handbremse ist jetzt gelöst und es sprudelte nur noch so. Das Projekt gibt uns die Gelegenheit, in dieser belastenden Situation nach vorne zu gucken. Mir gibt es in dieser Zeit Kraft.

zdfsport.de: Wie wird Ihr Angebot angenommen?

Stern: Hervorragend. Die Nutzer-Zahlen auf unserem YouTube-Channel steigen rasant und in der Geschäftsstelle kommen Dankes-Mails an, die uns zum Weitermachen ermuntern.

zdfsport.de: Dabei gab es auch vorher jede Menge Mitmach-Videos im Netz. Worin unterscheidet sich Ihr Angebot von den anderen?

Stern: Wir sind einfach authentisch. Bei uns stehen keine Youtube Profis, sondern Sportler aus unserem Verein, vor der Kamera. Wenn dann unser Functional Fitness-Trainer nach sechs Hampelmännern deutlich vernehmbar schnauft und ein kräftiges Wort ablässt, schneiden wir das nicht raus. Im Eltern-Kind-Bereich freuen sich die vielen Kinder, wenn sie die bekannten Gesichter von Raimund oder Arne auf dem Bildschirm sehen.

zdfsport.de: Kann das Projekt auch dazu beitragen, die soziale Funktion des Vereinslebens zumindest auf Sparflamme aufrecht zu erhalten?

Stern: Mit Sicherheit. Neben diesem Projekt keimen gerade noch andere Pflänzchen im Verein auf. Unsere Seniorenbereichsleitung versucht gerade für unsere älteren Mitglieder einen Versorgungsservice auf die Beine zu stellen. Für den suchen wir aktuell Freiwillige, damit wir nächste Woche starten können. Wir wollen für unsere Mitglieder da sein, im Sport und neben dem Sport.

zdfsport.de: Das klingt, als entwickele sich gerade Innovationspotenzial, dass Sie auch nutzen können, wenn diese Krise hoffentlich irgendwann überstanden ist.

Stern: Es ist auf jeden Fall ein hervorragender Belastungstest. Wir befinden uns als Verein gerade in der Phase der Digitalisierung. Da wir etliche Mitarbeiter im Homeoffice haben, können wir unsere Strukturen und Prozesse unter ernsthaften Bedingungen überprüfen. Das ist viel effektiver, als den Umgang mit den Systemen nur zu trainieren. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir die erlernten Fähigkeiten danach weiter anwenden. Auch das Bereitstellen von YouTube-Filmen.

Das Gespräch führte Ralf Lorenzen

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