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Kniefall vor Russlands Dopingsystem

Sport - Kniefall vor Russlands Dopingsystem

Als Konsequenz aus dem Doping-Skandal könnte Russland von den Olympischen Spielen ausgeschlossen werden. Das Internationale Olympische Komitee hat seine Entscheidung dazu heute vertagt.

Beitragslänge:
1 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 19.07.2017, 17:00

Eigentlich sollte am Dienstag das IOC-Präsidium entscheiden, ob Russland aufgrund des systematischen Dopings von Olympia ausgeschlossen wird. Stattdessen wartet das Gremium das Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs ab. Für den olympischen Gedanken eine Ohrfeige.

Auf ihren heutigen Auftritt vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne hat sich Jelena Issinbajewa lange vorbereitet. Im Namen von fast 70 russischen Leichtathleten will sie dort bis Donnerstag den Start bei den in drei Wochen beginnenden Olympischen Spielen in Rio erkämpfen. Für Issinbajewa, Staatsathletin Nummer Eins in Putins Reich, eine Verletzung ihrer "Menschenrechte".

Doch ist die im Juni getroffene Entscheidung des IAAF, der immerhin einigen russischen Leichtathleten bei bestimmten Vorrausetzungen den Olympiastart unter neutraler Flagge, so wie im Fall der Weitspringerin Darja Klischina geschehen, wirklich eine Menschenrechtsverletzung? Spätestens nach der Veröffentlichung des dritten WADA-Reports in Toronto kann man dies verneinen. Denn das Ergebnis der Ermittlungen, die von dem unabhängigen Juristen Richard McLaren geleitet wurden, zeigt das staatlich organisierte Doping in Russland, bei dem sowohl das Sportministerium als auch der Inlandsgeheimdienst FSB kräftig mitmischten.

Doping mit Hilfe des Sportministeriums

Auslöser für den McLaren-Bericht waren die Aussagen von Grigorij Rodtschenkow. Im Mai offenbarte der ehemalige Chef der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada gegenüber der New York Times, wie man während der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 russische Sportler gedopt habe und deren Dopingproben mit Hilfe des FSB ausgetauscht habe. Mindestens 15 russische Medaillengewinner sollen unter den betroffenen Athleten sein, erklärte der in die USA geflüchtete Rodtschenkow.

Aussagen, die von dem McLaren-Bericht bestätigt werden. Auf den insgesamt 103 Seiten wird beschrieben, wie die russischen Sportler mit einem von Rodtschenkow entwickelten "Cocktail" gedopt wurden, wie in den Dopinglabors in Moskau und Sotschi Proben manipuliert wurden. Entscheidende Akteure werden namentlich genannt. So hat beispielsweise der stellvertretende russische Sportminister Jurij Nagornych persönlich darüber entschieden, welche positiven Proben geschützt oder unter Quarantäne gestellt werden.

Russlands gute Verbindungen zum IOC-Präsidium

Sehr dunkle Schatten wirft der McLaren-Bericht auch auf die Olympischen Spiele in London 2012, die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Moskau 2013 sowie der im selben Jahr stattgefundenen Universiade im russischen Kasan. Forensische Untersuchungen ergaben, dass zwischen 2012 und 2015 mindestens 643 positive Dopingproben russischer Sportler vernichtet wurden.

Ob der McLaren-Bericht aber tatsächlich den Ausschluss der gesamten russischen Olympiamannschaft zur Folge haben wird, wie von der WADA, mehreren nationalen Doping-Agenturen, darunter auch der deutschen NADA, sowie Athletenverbänden gefordert wird, bleibt zu bezweifeln. IOC-Präsident Thomas Bach zeigte sich zwar schockiert von dem Untersuchungsergebnis und kündigte die "härtesten Sanktionen" an, doch zu einem Ergebnis konnte sich das IOC-Präsidium bei seiner heutigen Telefonkonferenz nicht durchringen. Stattdessen stahl es sich aus der Verantwortung und machte seine Entscheidung vom Urteil des CAS bezüglich der russischen Leichtathleten abhängig. Was angesichts der Tatsache, dass viele Mitglieder des höchstens IOC-Gremiums mit Russland gut vernetzt sind keine Überraschung ist. So hat sich Julio Maglione, Chef des Weltschwimmverbandes FINA, schon im Vorfeld gegen einen Ausschluss des gesamten russischen Teams ausgesprochen. Im vergangenen Jahr trug die FINA ihre Weltmeisterschaften in Kasan aus.

Personelle Veränderungen nicht ausreichend

Stattdessen kann sich Russland, trotz aller innerrussischen Propaganda, nach außen geläutert zeigen. Bereits am Montag kündigte Präsident Putin an, dass gegenüber den im McLaren-Bericht erwähnten Personen Konsequenzen gezogen werden. Mit dem stellvertretenden Sportminister Nagornych ist am Dienstag auch bereits eine der Hauptpersonen zurückgetreten. Der ebenfalls erwähnte Sportminister Vitalij Mutko, der gleichzeitig Präsident des russischen Fußballverbandes ist und auch Ämter bei der FIFA und UEFA hat, sieht dazu bisher jedoch keinen Grund.

Dass mit personellen Veränderungen jedoch keine tiefgreifende Veränderungen im russischen Sport zu erwarten sind, offenbarte der im Juni vorgestellte WADA-Bericht. Darin wird auch über russische Sportler geklagt, die Dopingproben manipulieren und zu verhindern versuchen. Sportler, die ihre Kollegen, mit denen sie in Rio um Medaillen konkurrieren wollen, betrügen.

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