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CAS: Komplett-Ausschluss russischer Behindertensportler

Sport - CAS: Komplett-Ausschluss russischer Behindertensportler

Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, äußert sich im ZDF-Interview zu den am 7. September in Rio beginnenden Paralympics und zum Ausschluss Russlands.

Beitragslänge:
7 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 25.08.2017, 11:22

Die Paralympics in Rio finden ohne russische Sportler statt. Der Internationale Sportgerichtshof CAS bestätigte am Dienstag den vom Internationalen Paralympics Komitee beschlossen Komplett-Ausschluss der russischen Athleten in der Affäre um vermeintliches Staatsdoping.


Gegen die Sperre hatte Russland Einspruch vor dem CAS eingelegt, scheiterte aber. Die Paralympics finden vom 7. bis 18. September 2016 statt. Der CAS begründete am Dienstag in Rio de Janeiro seine Entscheidung damit, dass das IPC nicht gegen seine Regeln verstoßen habe. Zudem sei die Entscheidung angesichts der Umstände verhältnismäßig, hieß es in einer Mitteilung.

Fehlende Beweise

Das Russische Paralympische Komitee (RPC) habe keine Beweise vorlegen können, die die Faktenlage verändere. Im Gegensatz zum Internationalen Olympischen Komitee (IOC) hatte das IPC am 7. August das RPC wegen seiner Verwicklungen in das staatlich gelenkte Doping-System suspendiert. Damit hatten automatisch alle russischen Sportler ein Startverbot bei paralympischen Wettkämpfen erhalten.

Das RPC legte gegen die Aussetzung seiner IPC-Mitgliedschaft Einspruch ein, scheiterte damit aber. Das IPC hatte für seine Kollektivstrafe weitere Informationen des kanadischen Juristen Richard McLaren, der die Untersuchung der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) zum vermeintlichen Staatsdoping leitete, als Grundlage genommen. Das IOC hatte Ende Juli auf einen historischen Komplett-Ausschluss Russlands verzichtet. Dadurch konnten mindestens 274 von 389 russischen Athleten bei Olympia starten.

IPC-Boss hofft auf Wandel

Sir Philip Craven, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), hat das CAS-Urteil begrüßt. "Die heutige Entscheidung unterstreicht unsere Überzeugung, dass für Doping im paralympischen Sport absolut kein Platz ist", sagte Craven: "Durch sie haben wir einen weiteren Schritt zu fairen Wettkämpfen und gleichen Bedingungen für alle Para-Athleten der Welt getätigt."


Gleichzeitig sei dieser drastische Schritt ein "trauriger Tag für die paralympische Bewegung", sagte Craven: "Aber wir hoffen, dass er auch ein Neuanfang und möglicherweise ein Katalysator für einen Wandel in Russland sein kann. Wir hoffen darauf, das russische Paralympische Komitee wieder als Mitglied aufnehmen zu können, wenn es seiner Pflicht nachkommt, faire Wettkämpfe zu ermöglichen."

NADA begrüßt Urteil

Die Nationale Anti-Doping-Agentur begrüßt in einer ersten Reaktion das Urteil des CAS. «Diese Entscheidung ist im Sinne der sauberen Sportlerinnen und Sportler», teilte die NADA am Dienstag mit. Jede Person und jede Institution, die die Anti-Doping-Regeln der Welt-Anti-Doping Agentur (WADA) missachtet, müsse mit einschneidenden Konsequenzen rechnen.

Ansonsten machten international vereinbarte Regelwerke keinen Sinn. «Die Entscheidung ist auch eine Stärkung der Anti-Doping-Arbeit im paralympischen Sport. Es ist ein klares Zeichen, für saubere und faire Leistung», hieß es in der Erklärung.

Mutko äußert Unverständnis

Russlands Sportminister Witali Mutko hat mit Unverständnis auf das CAS-Urteil reagiert. Mutko nannte die Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofs "politisch" motiviert. "Diese Entscheidung ist ist eher politisch als legal. Es gab keinen Grund für einen Ausschluss, aber es ist trotzdem passiert", sagte Mutko laut der Nachrichtenagentur Tass.

Die deutschen Sportler haben zwar Mitleid mit ihren russischen Kollegen, feiern das Urteil aber dennoch als Zeichen. 100-m-Paralympicssieger Heinrich Popow stellte aber klar, dass dies nur der Anfang sein darf. "Wenn das der erste Schritt ist für eine Null-Toleranz-Politik im Dopingkampf, ist das absolut richtig. Aber wenn das der erste und der letzte Schritt ist, finde ich das lächerlich", sagte Popow dem SID: "Dann fände ich es den russischen Athleten gegenüber unfair. Weil ich weiß, dass es in anderen Ländern genauso stinkt wie in Russland."


Popow übt Kritik

Insgesamt findet der einseitig amputierte Stelzen-Sprinter Popow, der am Samstag einen Weltrekord im Weitsprung aufstellte (6,77 m): "Wenn man sagt: Da ist es am Extremsten, da haben wir es Schwarz auf Weiß, dann sollte man ein Exempel statuieren. Aber wenn Du Deinen Konkurrenten aus USA, Japan, Australien erzählst, was Du mit Deinem ADAMS (Anti-Doping Administration and Management System, d. Red.) auf dem Handy alles machen musst, dann lachen die Dich aus und sagen: 'Das würden wir niemals machen.'" Der weltweite Anti-Doping-Kampf sei "für mich lächerlich", sagte Popow: "Der nationale ist Weltklasse. In China muss ein Kontrolleur ein Visum beantragen. Da kann man mal von ausgehen, wie viele Sportler Bescheid wissen, dass er bald kommt."


Ähnlich begründet auch der kleinwüchsige Speerwurf-Weltmeister Mathias Mester seine Zustimmung. "Es ist schwer, gleich die komplette Auswahl zu sperren. Man weiß nie, ob es nicht einen gibt, der nicht gedopt hat", sagte er dem SID: "Aber da hat ein staatliches System dahintergesteckt, von daher finde ich es okay. Deutsche Athleten werden ständig kontrolliert. Wir müssen aufpassen, dass wir nichts Falsches zu uns nehmen, auf so viel achten und ständig in Bereitschaft sein, dass wir kontrolliert werden können. Wenn das bei den Russen nicht gegeben ist, ist es definitiv gerechtfertigt."

Rehm befürwortet Urteil

Prothesen-Weitspringer Markus Rehm sagte: "Zum einen blutet mir ein bisschen das Herz für die Sportler, die sauber sind. Für die tut es mir unfassbar leid. Auf der anderen Seite finde ich die Entscheidung sehr, sehr gut. Wir müssen ein Statement setzen."


Auch der doppelamputierte Sprinter David Behre, in Rio potenzieller Thronfolger des gefallenen Superstars Oscar Pistorius über 400 m, erklärte: "Es ist der richtige Schritt zu sagen: 'Wir tolerieren nichts, so ein System hat bei uns nichts zu suchen.' Der Verband will saubere Spiele haben, und das sind richtige Signale. Natürlich tut es mir für die russischen Sportler leid, die nichts dafür können und auch nichts genommen haben."
Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) hatte sich schon vor dem IPC-Urteil klar für einen Komplett-Ausschluss positioniert.

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