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„Wir sind Italien!“

Azzurri machen sich vor Schicksalsspielen Mut

Bei der EM 2016 in Frankreich hatte Italien die DFB-Elf wieder einmal am Rande einer Niederlage, erst im Elfmeterschießen war Schluss. Ein Jahr später droht der „Squadra Azzurra“ das Scheitern in der WM-Qualifikation. Was ist passiert? Eine Bestandsaufnahme vor den wichtigsten Spielen in der jüngeren Fußballhistorie des Landes.

Italiens Mannschaft jubelt
Italiens Mannschaft jubelt Quelle: dpa

Eine Fußball-WM ohne Italien? Luca Caldirola, italienischer Verteidiger, seit 2013 bei Werder Bremen, führte Italiens U21 beim EM-Turnier in Israel vor vier Jahren als Kapitän an – und sogar bis ins Finale. An der Seite von Ciro Immobile, Marco Verratti, Alessandro Florenzi und Lorenzo Insigne, heute vier absolute Leistungsträger der italienischen A-Nationalelf, gab es für Caldirola ein 2:4 gegen Spanien.

„Bei allem Respekt vor Schweden…“

Seine Antwort auf die Frage, ob er Zweifel an der WM-Qualifikation der „Azzurri“ in den Playoffs gegen Schweden habe, fällt freundlich, aber bestimmt aus. „Nein, das kann sich doch keiner vorstellen. Schon gar nicht wir Italiener. Wir müssen gewinnen und zur WM fahren. Wir sind Italien! Bei allem Respekt für Schweden, aber da gibt es keine Ausreden“, stellt der 26-Jährige klar und fragt: „Waren wir denn schon einmal nicht dabei?“

Das für Caldirola und die fußballverrückten Tifosi unvorstellbare Szenario gab es sogar schon zweimal. Für die Ausrichtung des Premierenturniers 1930 erhielt Uruguay statt Italien den Zuschlag. Das damals faschistische Land empfand die Schifffahrt nach Südamerika daraufhin als zu lang und sagte ab. 1958 scheiterte die „Squadra Azzurra“ zum bisher einzigen Mal in der Qualifikation – an Nordirland.

Italiens Ironie des Schicksals

Heute entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass die damals verpasste Endrunde in Schweden stieg. Gegen die Skandinavier bestreitet der vierfache Weltmeister am Freitag (20:45 Uhr) in der Friends-Arena in Solna und am Montag (20:45 Uhr) im Stadio Giuseppe Meazza zu Mailand die zwei wichtigsten Spiele seiner jüngeren Geschichte. „Die Aussicht, dass wir uns nicht qualifizieren, würde einer Apokalypse ähneln“, hatte Italiens Verbandspräsident Carlo Tavecchio im September erklärt.

Mit diesen Worten hatte der 74-Jährige das 0:3 im WM-Qualifikationskracher gegen Spanien kommentiert. In Madrid war Italien angetreten, um Platz eins in Gruppe G zu erobern. Doch der Auftritt im Bernabéu verkam zum Desaster – weil die „Azzurri“ eine Reihe an ungewohnten technischen und taktischen Defiziten offenbarten.

Venturas Taktik geht (noch) nicht auf

Vor allem Letzteres gibt Anlass zur Sorge. In den unsteten Jahren nach dem WM-Triumph 2006 (Vize-Europameister 2012, Confed-Cup-Dritter 2013, WM-Vorrundenaus 2010 und 2014) kamen die Südeuropäer unter Cesare Prandelli und Antonio Conte immer wieder über taktische Meisterleistungen zum Erfolg. Diesen Beweis ist Italiens aktueller „Commissario Tecnico“, Giampiero Ventura, bisher schuldig geblieben. Gegen die Spanier, denen die Azurblauen unter Motivationskünstler Conte im EM-Achtelfinale (2:0) keine Chance gelassen hatten, setzte der 69-Jährige einmal mehr auf sein offensives 4-2-4-System – ohne Rücksicht auf die Überlegungen der Iberer.

Die Klatsche hinterließ ihre Spuren. Gegen Israel (1:0), Mazedonien (1:1) und Albanien (1:0) legte Italien ideenarme Auftritte an den Tag. Der Angriff um Antonio Candreva (Inter), Lorenzo Insigne (Neapel), den Ex-Dortmunder Ciro Immobile (Lazio/14 Saisontore) und Shootingstar Andrea Belotti (FC Turin) hing in der Luft – und Venturas 4-2-4 geriet erneut unter Beschuss. Auch intern. Nach dem 1:1 gegen Mazedonien kam es zu einer Teamaussprache ohne Ventura. Ein Schlag ins Gesicht für den „CT“, der als Trainer des FC Turin Talenten wie Immobile, Belotti oder den Außenverteidigern Davide Zappacosta (Chelsea) und Matteo Darmian (Manchester United) zu internationalem Format verhalf.

Lernfähige Vaterfigur oder seniler Greis?

Buffon
Buffon

Der Grat zwischen Vaterfigur und senilem Opa – für Ventura, der kaum internationale Erfahrung vorzuweisen hat, ist er schmaler denn je. Zumal durchsickerte, dass seine Spieler – allen voran die „Senatori“ um den frischgebackenen Welttorhüter Gianluigi Buffon (39) sowie um den gesprengten Juve-Abwehrblock Leonardo Bonucci (30/jetzt AC Mailand), Andrea Barzagli (36) und Giorgio Chiellini (33) – zum bewährten 3-5-2 zurückkehren wollen.

Beugt sich Ventura vor den Schicksalsspielen gegen Schweden, das auf Leipzigs Mittelfeldstar Emil Forsberg (26) und die U21-Europameister von 2015 um Stürmer John Guidetti (25/Celta Vigo) und ManU-Abwehrkante Victor Lindelöf (23) vertraut, dem Druck – oder hält er an seinen Ideen fest? Zumindest personell will sich der Genueser nichts ankreiden lassen – und nominierte den Italo-Brasilianer Jorginho (25), der bei Serie-A-Primus Napoli seit Monaten als „Sechser“ herausragt.

Über 65.000 Tifosi in San Siro dabei

Mit den zuletzt verletzten Marco Verratti (25/Paris), Daniele de Rossi (35) und Florenzi (26/beide AS Rom) kehren weitere Mittelfeldoptionen zurück. Vom Stammpersonal fehlt nur der rekonvaleszente Juve-Dauerläufer Claudio Marchisio (31). „Ich habe nie in Betracht gezogen, nicht zur WM zu fahren“, gibt sich Ventura siegessicher. Die Spieler stimmen ihrem Coach zu. „Wir Italiener schaffen es in so schwierigen Augenblicken immer, noch eine Schippe draufzulegen“, garantiert der bei Milan noch schwächelnde Abwehrboss Bonucci. Allzweckwaffe Florenzi fasst sich drastischer: „Ich würde auf dem Platz sterben, um nach Russland zu fahren.“

Auch die oft so launischen Tifosi sind bereit. Für das Rückspiel im Meazza sind schon über 65.000 Tickets verkauft. Und Caldirola? „Mit dem Publikum von San Siro im Rücken muss Ventura den Jungs gar nicht mehr so viel mitgeben“, glaubt der Bremer. „Vielleicht nur: Ihr tragt das Trikot der Nationalmannschaft. Gebt alles! Wir sind Italien!“ Selbstredend.

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