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Boateng: "Rassismus ist nicht weg"

Sport - Boateng: "Rassismus ist nicht weg"

Fußball-Nationalspieler Jerome Boateng hat sich zu den beleidigenden Aussagen des AfD-Vizes Gauland geäußert. "Es ist ehrlich gesagt traurig, dass so etwas heute noch vorkommt", sagte Boateng.

Beitragslänge:
1 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 30.05.2017, 10:24

Rassistische Anfeindungen sind für Jerome Boateng nichts Neues. Schon als Kind waren er und seine Brüder plumpen Kommentaren ausgesetzt. Dass Rechtspopulisten jetzt die EM zu neuen Angriffen nutzen, ist kein rein deutsches Phänomen. Im Gastgeberland Frankreich sind Fußballprofis mit Migrationshintergrund ähnlichen Angriffen ausgesetzt.

Wenn Jerome Boateng zu Interviews erscheint, kann man sich keinen höflicheren Menschen vorstellen. Ruhig ist er, zuvorkommend, klar in seinen Aussagen. Eben das was viele einen "Muster-Schwiegersohn" nennen würden. Eigentlich würde er gerade jetzt über Fußball sprechen und darüber, wie viel es ihm bedeutet, für sein Heimatland Deutschland zu spielen. Boateng ist als Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen in Berlin geboren und aufgewachsen.


Oft schon hat der 27-Jährige über seinen Traum gesprochen, Kapitän der DFB-Auswahl zu werden. Zu allererst aus sportlichen Gründen. Dass eine solche Berufung gleichzeitig eine Art Signal wäre, weiß Boateng natürlich auch. "Es ist ein tolles Amt, eine Ehre. Für mich ist es wegen der Hautfarbe und meinem Hintergrund noch mal was anderes", sagte Boateng und stellte auch klar: "Es ist nicht so, dass ich diese Aufgabe brauche, um zu sagen: Ich habe es geschafft."

Kapitänsbinde als Signal

Es wäre nicht mehr als ein normaler Schritt, wenn Bastian Schweinsteiger einmal abtritt. Boateng gehört zu den Führungsspielern des Teams, weil er zu den Besten gehört und, zu denen, die das Team mit ihrer Erfahrung und Qualität leiten können. Gegen die Slowakei durfte Boateng nach der Pause schon mal als "Ersatzkapitän" üben.   

Statt über Fußball und die EM aber muss Boateng nun über Rassismus in Deutschland sprechen und seinen Wunsch, "dass das für meine Kinder, die ihre Zukunft in Deutschland haben, kein Thema mehr ist. Dass sie nicht mehr angreifbar sind". Dazu ist eine Debatte entbrannt, ob die integrative Kraft des Fußballs überschätzt wird.  Oder, ob genau das Gegenteil der Fall ist und die Erfolge bei der Integration durch Fußball nur benutzt werden, um peinliche Vorurteile und Ängste zu schüren.

"Es ist nicht weg"

Man finde zwar den Fußballer Boateng gut, wolle ihn aber dann lieber nicht als Nachbarn haben, lautete der unerträgliche Vorwurf eines provozierenden "Rechtsaußen", AfD-Vize Alexander Gauland. Nicht nur Bundeskanzlerin Angela Merkel ("Der Satz, der da gefallen ist, ist ein niederträchtiger und ein trauriger Satz.") und zehntausende Landsleute verteidigten Boateng. Der sagte: "Ich bin zwar kein politischer Mensch, aber bei diesem Thema kann ich schon sagen, dass so etwas in Deutschland nicht mehr möglich sein sollte." Und: "Es ist weniger geworden, aber es ist nicht weg".

Fans zeigen Boateng ihre Solidarität
Fans zeigen Boateng ihre Solidarität Quelle: reuters


EM-Gastgeber Frankreich schlägt sich seit Jahren mit ähnlichen Problemen herum. 1998 als die "Grande Nation" Weltmeister wurde, feierte man die "Equipe Tricolore" als Muster-Beispiel gelungener Integration. Gleichzeitig klagten viele französische Nationalspieler mit Migrationshintergrund darüber, nicht wirklich akzeptiert zu werden. Im Gegenteil, man verspotte sie. Vor der EM 2016 ist auch dort die Debatte neu entflammt, weil der nicht nominierte Karim Benzema (Real Madrid) Nationaltrainer Didier Deschamps rassistische Motive unterstellte.

Rassismus-Vorwürfe bei EM-Gastgeber

"Er hat sich dem Druck eines rassistischen Teils Frankreichs gebeugt", sagte Benzema über Deschamps. Dem Real- Stürmer wird vorgeworfen, seinen Nationalmannschaftskollegen Mathieu Valbuena mit einem Sex-Video erpresst zu haben. Der französische Verband rechtfertigt Benzemas Verbannung mit dem Vorwurf, dieser störe den Teamfrieden und missachte seine Vorbildfunktion.
Ex-Nationalspieler Eric Cantona attackierte wie Benzema Deschamps. Dieser habe Benzema und Hatem Ben Arfa (Nizza) wegen ihrer nordafrikanischen Wurzeln nicht nominiert.

Noch stärker als in Deutschland wird in Frankreich über die Benachteiligung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund gestritten. Allein ein fremd klingender Nachname reiche, um keine Lehrstelle zu bekommen, so der Tenor. Auch im Fußball bedeute das Benachteiligung.

Owomoyela schon 2006 Opfer

Große Fußballturniere werden nicht zum ersten Mal für rassistische Angriffe genutzt. Vor der WM 2006 verunglimpfte die NPD den deutschen Nationalspieler Patrick Owomoyela wegen dessen Hautfarbe mit dem Slogan, "Weiß" sei nicht nur eine Trikotfarbe. Jahre später kam es zu einer Verurteilung der Verantwortlichen.

Jerome Boateng hofft nun, dass er sich während der EM ganz auf die Spiele mit der deutschen Mannschaft konzentrieren kann. "Wir fahren nach Frankreich, um Fußball zu spielen und Europameister zu werden", so Boateng. Mancher Kommentar, der ihm in Frankreich begegnet, dürfte ihn aber leider doch wieder an die Debatte daheim erinnern.

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