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Tah - mehr als ein Lückenfüller

Sport - Tah - mehr als ein Lückenfüller

Im Interview mit ZDF-Reporter Boris Büchler spricht Bundestrainer Joachim Löw über seine Baustellen vor der EM, Mario Götze, Bastian Schweinsteiger und die jungen Wilden Sané, Meyer und Goretzka.

Beitragslänge:
8 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 25.03.2017, 16:18

Jonathan Tah gilt als einer der hoffnungsvollsten deutschen Innenverteidiger-Talente. Joachim Löw wird den 20-Jährigen als 78. Debütanten seiner Amtszeit einsetzen. Der Youngster profitiert dabei von den Ausfällen in der Defensive. Doch Löw sieht in ihm mehr als einen Notnagel.

Wäre Joachim Löw nicht auf Jonathan Tah aufmerksam geworden, dann hätte der Abwehrspieler von Bayer Leverkusen sicherlich eine Einladung von Horst Hrubesch zur U21-Nationalmannschaft bekommen. Dort warten keine Autogrammjäger, keine Kamerateams vor der Tür. Aufgelaufen wäre der 20-Jährige dann am Gründonnerstag im kleinen Frankfurter Stadion am Bornheimer Hang, Gegner die Färöer Inseln. Der deutsche Nachwuchs gestaltete die Pflichtaufgabe in der EM-Qualifikation mit 4:1 erfolgreich. Keine Partie für die große Bühne.

Einsatzgarantie von Löw

Genau die aber betritt nun der einzige Neuling, der im noch 25-köpfigen Kader von Bundestrainer Löw für die Länderspiele gegen England und Italien steht. Dass der in Hamburg geborene Fußballer ivorischer Abstammung als 78. Debütant  der Ära Löw in einer der beiden Prestigeduelle zum Einsatz kommt, steht fest. "Ich möchte ihn auf jeden Fall in einem Spiel von Beginn an sehen", sagt Löw.

Dabei war die Berufung für die beiden Klassiker bereits eine Überraschung für Tah.  "Ich habe mich riesig gefreut, als mich der Bundestrainer anrief. Das ist eine große Ehre für mich", so der Bayer-Kicker. Sicherlich profitiert der 1,93-Meter-Mann von den verletzungsbedingten Ausfällen der Innenverteidiger Jerome Boateng, Benedikt Höwedes und auch Holger Badstuber, gleichwohl gibt er mehr als nur den Lückenfüller.

Löws Ansprüche

Kandidaten fürs Abwehrzentrum, die Löws hohen Anspruch – saubere Zweikampfführung, hohe Grundschnelligkeit und sicheres Aufbauspiel – mitbringen, bringt die deutsche Nachwuchsarbeit nur in überschaubarem Maße hervor. Selbst der FC Bayern tat sich schwer, auf dieser Position im Winter Ersatz zu finden – die Wahl fiel auf den Ex-Stuttgarter Serdar Tasci, der unter Löw längst keine Rolle mehr spielt.

Dafür aber wird der ehemalige Kapitän der U 19-Nationalmannschaft – im vergangenen Jahr mit der Fritz-Walter-Medaille in Gold ausgezeichnet – vom Bundestrainer gelobt. "Er hat für sein Alter schon ein sehr gutes defensives Verhalten, auch im taktischen Bereich", betont Löw über Tah: "Und er ist körperlich präsent. Er ist noch jung, entwicklungsfähig – ähnlich wie es Jerome Boateng in seinem Alter war."

Von der Ausleihe zum Stammspieler

Löw sagt auch, der Boateng-Verschnitt müsse noch dazu lernen, doch die Anlagen überzeugen den Weltmeistertrainer. Und nicht nur ihn. Vergangenen Sommer zahlte Leverkusen fast acht Millionen Euro Ablöse an den Hamburger SV – inzwischen hat sich der Marktwert von Tah fast verdoppelt.

Denn in 25 Bundesligaspielen und 16 Begegnungen in DFB-Pokal, Champions-League-Qualifikation, Champions League und Europa League kam der 90 Kilo schwere Überflieger für die Werkself zum Einsatz – und spielte bis auf eine Ausnahme die volle Spielzeit durch. Für einen, der in der Vorsaison an den Zweitligisten Fortuna Düsseldorf ausgeliehen war, allemal erstaunlich.

"Das wird einer"

"Dass es so schnell geht, hätte ich mir nicht mal erträumen können", staunt er selbst über seine Entwicklung. Leverkusens Sportchef Rudi Völler meint: "Jonathan spielt eine klasse Saison und hat sich die Berufung mehr als verdient." Unter dem Bayer-Kreuz hat Tah jenen Schritt gemacht, der in Hamburg ausgeblieben war. Weil er in seiner Heimatstadt das typische Lehrgeld eines vielleicht zu unbedarften Spielers zahlte.

Tah, den einige bei der Nationalmannschaft in Anlehnung an den Football-Streifen "Blind Side" (Die große Chance) und die Hauptperson "Michael" bereits "Big Mike" getauft haben, fing vor 16 Jahren in der F-Jugend von Altona 93 an, einem alten Traditionsverein in Hamburg. "Ich habe schnell gesehen, das wird einer, den gebe ich nicht wieder her", sagte jetzt sein Entdecker und Förderer Jürgen Trapp dem "Hamburger Abendblatt".

Lehrgeld gezahlt

Der HSV wurde schnell auf das Talent aufmerksam, holte es aber erst mit 14 Jahren zu sich, als der Teenager bereits die meisten in seiner Altersklasse auch körperlich überragte. Mit 15 spielte er in der U 17 des DFB,  bei seinem Bundesligadebüt mit 17 Jahren und fünf Monaten wurde er zum jüngsten HSV-Bundesligaspieler aller Zeiten. Doch der Hype um seine Person förderte seine Entwicklung nicht - im Gegenteil.

Im ersten Jahr bei den HSV-Profis wechselte der Youngster dreimal den Berater, Vertragsinhalte wurden öffentlich - die Rolle seines Vaters Aquilas wirkte zeitweise diffus. Tah, von dem sein Vereinskollege Stefan Kießling mal sagte, er habe den Körper "wie ein Bulle", brauchte erst den Umweg über Düsseldorf und den Neuanfang in Leverkusen, um richtig durchzustarten. Vielleicht sogar bis in den EM-Kader nach Frankreich. Die Alternative wäre immerhin das Olympische Fußballturnier mit der U 21-Auswahl in Brasilien. Auch keine ganz kleine Bühne.

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