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"Es ist ein Uwe!"

Uwe Seeler vor dem HSV-Logo

Uwe Seeler wird achtzig Jahre alt. Er feiert in dem Stadion, dem er als Spieler treu geblieben ist, dem Volksparkstadion. Wie kein anderer steht er für eine Epoche im Fußball, der viele nachtrauern, die aber keiner wiederhaben will.

An Hamburger Kiosken gibt es im Moment großflächigen Nachhilfeunterricht. "Unser Uwe" steht da auf dem Sonderheft einer Hamburger Tageszeitung, in dem auf 68 Seiten das Leben des Jubilars gefeiert wird. "Unser Uwe" ist zwar gutes Duden-Deutsch - sagt die norddeutsche Schnauze aber nicht. Hier nennen ihn alle nur "Uns Uwe" - außer den Fans des FC St. Pauli, die sagen "Euch Uwe"- und auch das klingt noch liebevoll.

Nachrichten | heute - Uwe Seeler im Interview

Uwe Seeler wird 80. Wir haben mit ihm über Geld, den HSV und andere wichtige Dinge gesprochen.

Beitragslänge:
2 min
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Ein Mythos wird geboren

Wenn Uwe Seeler nach 1990 Fußball-Profi gewesen wäre, hätte es wahrscheinlich den Slogan "Wir sind Uwe" gegeben - aber der Typus Mensch und Spieler, den der 72-fache Nationalspieler bis heute für viele verkörpert, konnte nur in den 1960er Jahren zu so hymnischer Beliebtheit gelangen. Glaubt man den Sporthistorikern, dann hat der Uwe-Mythos seinen Ursprung am 15. März 1961.

In einem dramatischen Kampf machte der HSV, der damals noch aus lupenreinen Amateuren bestand, im Viertelfinalrückspiel des Landesmeistercups den 1:3 Rückstand aus dem Hinspiel gegen den englischen Meister FC Burnley wett.

30 Millionen Zuschauer sollen laut spiegel.de allein in Deutschland vor dem Fernseher gesessen haben. Wenn man bedenkt, dass zu der Zeit nur knapp ein Drittel der Haushalte ein TV-Gerät besaßen, muss es ziemlich eng in den Wohnzimmern gewesen sein.

Das Drei-Buchstaben-Mantra

Uwe Seeler steuerte zu dem 4:1- Sieg zwei Treffer bei, worauf sich der Frankfurter Journalist Richard Kirn an die alte Seefahrerballade "Nis Randers" erinnert fühlte, in der es am Ende heißt: "Sagt Mutter, 's ist Uwe!". Bei Kirn wurde daraus: "Uwe ist der Sohn des Landes! Er ist unser Uwe. Welch‘ kerniges Mannsbild!"

In manchen Entbindungsstationen soll es in den Jahren danach den Freudenschrei gegeben "Es ist ein Uwe!" gegeben haben. Fast wäre ich also auch einer geworden, aber als ich 1958 geboren wurde, schaffte Seeler bei der WM in Schweden gerade erst den internationalen Durchbruch. Der Mythos war noch nicht geboren und andere Jungen-Namen hatten im Einzugsgebiet des HSV noch eine Chance. Dennoch: für einen zwischen Hamburg und der dänischen Grenze geborenen Jungen war "Uwe" immer schon da, genau wie dieses andere Drei-Buchstaben-Mantra: HSV.

Eine folgenreiche Ohrfeige

Für mich brannte es sich besonders nach der Weltmeisterschaft 1966 ein - und da ich in einem der Haushalte ohne Fernseher lebte, geschah das beim Lesen. In einem Buch über die WM in England wurde packend geschildert, wie Seeler sich im Viertelfinale nach der Ohrfeige des Uruguayers Horacio Troche lächelnd abwendete, statt zurückzuschlagen.

Die Schilderung wurde mit jenem Bibelzitat untermalt, wonach man auch die andere Wange hinhalten solle, wenn einem auf die rechte geschlagen werde. Wie alle Achtjährigen wollte auch ich ein edler Ritter sein und hatte in dem Augenblick mein Vorbild gefunden. Heute glaube ich, dass es eher die eigene Abneigung vor körperlichen Auseinandersetzungen war, die "mein Uwe"-Bild kreierte und mich ihm bis heute verbunden fühlen lässt.

Adidas statt Inter

Der großgetünchte Uwe-Kult wurde maßgeblich dadurch befeuert, dass Seeler 1961 ein großzügiges Angebot von Inter Mailand ablehnte und in Hamburg blieb. Das ist im kollektiven Gedächtnis bis heute als "Treue zum HSV" abgespeichert. Im gleichen Jahr erhält Uwe Seeler eine Generalvertretung von seinem Freund und Firmenchef Adi Dassler eine Generalvertretung für Adidas. Ein Job, den er nicht bekommen hätte, wenn er nach Italien gegangen wäre.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass zwei Tage vor dem 80sten Geburtstag des DFB-Ehrenspielführers Seeler ein Spieler ebenfalls diesen Titel erhält, der dort seine größte Zeit hatte, wo Seeler nicht hin wollte: bei Inter Mailand. Das sind die zwei Seiten der gespaltenen Fußballpersönlichkeit: Jürgen Klinsmann steht für das knallharte Geschäft, Seeler für den Kinderglauben an das Gute im Profifußball. Bei Uwe Seeler wurde selbst sein Scheitern als HSV-Präsident einst damit verbrämt, dass er zu gut für das Geschäft sei und unter falschen Einflüssen stand.

Ein Lächeln im Fahrstuhl

Ich bin mir bis heute nicht sicher, wie faustdick es Uwe Seeler tatsächlich hinter den Ohren hat. Aber wenn ich ihn alle paar Jahre mal im Fahrstuhl beim HSV zufällig treffe und sehe, wie er lächelt und sich anderen Menschen gegenüber verhält, weiß ich: "Es ist ein Guter."

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