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Die Trutzburg bröckelt

Sport - Die Trutzburg bröckelt

Das Weltcup-Finale in Heerenveen wird überschattet vom positiven Dopingbefund beim russischen Top-Athleten Pawel Kulischnikow. Das Mittel Meldonium wurde ihm zum Verhängnis.

Beitragslänge:
2 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 11.03.2017, 08:00

Mit jedem weiteren Sportler, der auf Meldonium positiv getestet wurde, wird die Trotzhaltung der russischen Öffentlichkeit in dem Maße größer wie der internationale Druck von außen wächst. Mit ihrer reumütigen Reaktion auf ihre Entlarvung als  Dopingsünderin hat Tennis-Star Maria Scharapowa in ihrer Heimat viel Zuspruch erfahren.

Der vergangene Montag dürfte wohl der bisher schwärzeste Tag in der Karriere von Marija Scharapowa gewesen sein. Doch verkaufsfördernd ist der Name Scharapowa immer noch, wie dieser Tage ein russischer Online-Händler von Pharmaprodukten stolz vermeldete. 150 Packungen Meldonium verkaufe dieser nun täglich, während es im vergangenen Jahr insgesamt nur 850 Stück waren.

Schock für den russischen Sport

Doch nicht nur Scharapowa wird zum größeren Bekanntheitsgrad des Mittels beigetragen haben. Seit Montag werden fast täglich Namen russischer Sportler bekannt, die auf das seit Jahresbeginn auf der Dopingliste stehende Mittel positiv getestet wurden. Von den 13 Sportlern, denen seit dem 1. Januar die Einnahme von Meldonium nachgewiesen wurde, stammen sieben aus Russland.

Für den russischen Sport sind die jüngsten Dopingfälle ein Schock, denn sie kamen zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Denn die jüngsten Dopingsünden der russischen Sportler wurden in der Woche publik, in der das Council des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF in Monte Carlo über die Situation in der russischen Leichtathletik berät. Mitte November schloss der IAAF die russischen Leichtathleten von allen internationalen Wettbewerben aus. Als Reaktion auf den kurz zuvor veröffentlichten WADA-Bericht, in dem ausführlich über das systematische und teilweise auch vom Staat geförderte Doping berichtet wurde. Die endgültige Entscheidung, ob eine der erfolgreichsten Leichtathletik-Nationen der Welt den Olympischen Spielen in Rio fernbleiben muss, wird wohl erst im Mai fallen.

Kritik statt Verständnis

Wie zeitlich unpassend die jüngsten Dopingfälle für das schon so beschädigte Image des russischen Sports sind, zeigten die Reaktionen auf den Dopingfall Jewgenija Bobrowa. "Ich weiß nicht, wie dieses Mittel in meinen Körper gelangen konnte", erklärte die Olympiasiegerin von Sotschi, die bei den  Europameisterschaften, die im Januar in Bratislava stattfanden, positiv auf Meldonium getestet wurde. Doch statt Verständnis, erntete Bobrowa nur Kritik. Als Lügnerin musste sich die Eiskunsttänzerin von der russischen Presse bezeichnen lassen, die damit andere Töne anschlug, als gegenüber Marija Scharapowa. "Scharapowa ist die erste russische Athletin, die die ganze Verantwortung auf sich genommen hat. Damit ist sie ein Novum im russischen Sport", erklärt der russische Sportjournalist Iwan Kalaschnikow die unterschiedlichen Reaktionen.

Eine Haltung, die auch bei den russischen Sportverbänden und der Politik zu beobachten war. Der russische Leichtathletikverband erinnerte auf seiner Internetseite noch einmal alle Sportler und Athleten daran, dass Meldonium seit Anfang des Jahres auf der Dopingliste steht. Dimitrij Peskow, Pressesprecher des russischen Präsidenten Wladimir Putin, bezeichnete die jüngsten Dopingfälle als "Einzelfälle, die nicht für den gesamten russischen Sport stehen."

Reaktionen und Rhetorik ändern sich

Doch mit jedem Tag, an dem weitere Meldonium-Fälle im russischen Sport bekannt wurden, änderten sich die Reaktionen und die Rhetorik. Außenminister Sergej Lawrow griff am Donnerstag offen die Welt-Doping-Agentur an und verlangte von der WADA eine Erklärung, weshalb das Medikament seit Jahresbeginn auf der Dopingliste stehe. Noch weiter in seinen Verschwörungstheorien ging Aleksej Krawtsow, Präsident des russischen Eisschnelllaufverbandes. Dieser behauptete, dass man das Mittel Pawel Kulischnikow untergejubelt habe und berief sich dabei auf einen mit dem überführten Weltmeister durchgeführeten Lügendetektortest. Sovietskij Sport, die größte Sportzeitung des Landes, bezeichnete die WADA wiederum als eine "Inquisition".

Doch so sehr man sich in seiner Trutzburgmentalität einnistet. Mit jedem Tag wird auch das Ausmaß des jahrelangen Meldonium-Dopings im russischen Sport publik. Und dies auch Dank der eigenen Medien. Wie die Internetzeitung Gazeta.ru am Donnerstag berichtete, bestellte Fußball-Erstligist FK Rostow noch am 17. Dezember 25 Packungen Meldonium. Wenige Wochen, bevor das Mittel auf die Dopingliste gelangte.

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