Sie sind hier:

Der Warnschuss vom Wörthersee

Fußball - Länderspiel Österreich - Deutschland

Keine Spannung, keine Haltung: Im WM-Härtetest gegen Österreich enttäuscht die DFB-Elf auf ganzer Linie und kassiert folgerichtig die erste Niederlage gegen den Nachbarn seit 32 Jahren. Bundestrainer Joachim Löw hat es vor der Kadernominierung am Montag trotzdem nicht vollkommen die Laune verhagelt.

Sami Khedira am 02.06.2018 in Klagenfurt
Sami Khedira
Quelle: Imago

Eigentlich hatte Sami Khedira gar keine Lust verspürt, in Klagenfurt irgendeinen Kommentar abzugeben. Er habe nur eine Halbzeit mitgewirkt, dann in der Kabine kein Fernsehgerät vorgefunden, um die zweite zu verfolgen - und könne sich demzufolge zum Gesamteindruck an diesem nicht nur wettertechnisch so wechselvollen Tag eigentlich nicht äußern. Was der 31 Jahre alte Wahl-Turiner nach der 1:2-Pleite gegen Österreich aber doch noch tat. „Ich glaube, wir brauchen keinen Warnschuss, um zu wissen, wie wichtig dieses Turnier für uns ist und welche Ziele wir verfolgen.“

Schwierige Mission

In dieser Besetzung, mit dieser Haltung, aufgrund dieser Leistung, das klang auch beim Wortführer Khedira durch, werde die Mission Titelverteidigung schwierig. Das Führungstor durch Mesut Özil (11.), anfangs wie Ilkay Gündogan von deutschen Anhängern ausgepfiffen, erwies sich als trügerisch. Umso länger diese Partie dauerte, desto weniger lief bei der Mannschaft zusammen. Am Ende stand mannigfache Ernüchterung.

„Ich bin enttäuscht, aber nicht tief besorgt. Ich ärgere mich, aber nicht über die Niederlage, sondern mehr über das Wie“, monierte Joachim Löw. „Wir haben so viele Bälle verloren, das habe ich selten erlebt.“ Der Bundestrainer beklagte „Konzentrationsmängel und Schlampigkeit im Passspiel, dazu Ballverluste im Minutentakt.“ Und so musste der 58-Jährige mitansehen, wie sein ehemaliger Stuttgarter Zögling Franco Foda nach dem 40. Nachbarschaftsduell die Siegerfaust ballte.

Löw gibt dem Team noch Zeit

Viele Bundesliga-Protagonisten drehten im rot-weiß-roten Rausch eine lange Ehrenrunde, während aus der schwarz-rot-goldenen Generation alleine Kapitän Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Leroy Sané und Julian Brandt sich bei den Zuschauern bedankten. Auch in dieser Hinsicht blieb kein harmonischer Gesamteindruck aus dem Wörtherseestadion haften.

Grundsätzliche Sorge macht sich Löw nicht. Bis zur Generalprobe gegen Saudi-Arabien am kommenden Freitag lässt sich die Leine noch etwas straffen. Letztlich sei ja auch nur wichtig, dass die Mannschaft zum ersten WM-Gruppenspiel im Moskauer Luschniki-Stadion gegen Mexiko (17. Juni) funktioniert. Deshalb galt in Klagenfurt: „Ich ärgere mich. Aber ich bin auch überzeugt, in zwei Wochen wird die Mannschaft ganz anders präpariert sein. Das lässt mich jetzt keine schlaflosen Nächte verbringen. Weil ich weiß: Das kriegen wir hin, keine Sorge“ , sagte Löw.

Neuer gibt sich ungerührt – und hält gut

Manuel Neuer
Manuel Neuer: Aufwärmen im Regen
Quelle: Imago

Gleichwohl: Der Auftritt am Wörthersee muss ein Weckruf sein. Einer der wenigen Lichtblicke an einem wegen eines heftigen Unwetters mit 105-minütiger Verzögerung angepfiffenen Testspiel war ausgerechnet der acht Monate fehlende Kapitän: Manuel Neuer wärmte sich nicht nur ungerührt in drei Anläufen bei Hagel, Sturm und Regen auf, sondern hielt, was zu halten war. „Für Manuel war es nach so langer Zeit ein sehr zufriedenstellendes Comeback“, lobte Löw dann auch.

Mitspieler Khedira ging noch einen Schritt weiter: „Ich habe ihn seit zehn Tagen erleben können: Er ist zu 100 Prozent fit. Selbst wenn der eine oder andere Pass nicht so angekommen ist, aber das passiert wahrscheinlich auch mit dem gesunden Fuß. Das kann er alles am besten selbst beantworten.“ Genau das aber tat der 32-Jährige nicht, der sich absprachegemäß erst am Dienstag öffentlich äußern wird, wie es von DFB-Seite hieß.

Rudy und Rüdiger sammeln keine Pluspunkte – im Gegenteil

Die deutsche Baustelle befand sich auch nicht zwischen den Pfosten: Sondern zog sich von der anfälligen Abwehr über das wenig widerstandsfähige Mittelfeld bis hin zum in der zweiten Halbzeit komplett harmlosen Sturm. Bezeichnend wie mit der Hereinnahme von Sebastian Rudy sich die Stabilität des Gefüges verflüchtigte wie eine leichte Schleierwolke über Südtirol bei einsetzendem Sonnenschein.

Irritierend wirkte der abermals fehlerhafte Auftritt von Innenverteidiger Antonio Rüdiger, der sich nachhaltig noch als Streichkandidat empfahl. Löw steht jedenfalls vor keiner ganz so leichten Aufgabe, wenn er sich im Mannschaftsquartier in Weinegg die finalen Gedanken zu seiner endgültigen Kadernominierung der 23 WM-Fahrer am Montag macht. Vier Mann müssen dann noch auf die Streichliste.

Nicht alle haben erste Qualität

Der zweite Anzug steht indes generell nicht für die gewünschte Qualität. War das nicht auch streckenweise die Erkenntnis aus den Freundschaftsspielen gegen Frankreich (2:2), Spanien (1:1) und Brasilien (0:1), in denen Deutschland meist irgendwie noch die Mängel zu kaschieren wusste? Auch Leitfigur Khedira spürt, dass die erste Niederlage gegen den Nachbarn seit 32 Jahren – vom patriotischen Publikum so frenetisch bejubelt, als sei die durch Tore von Martin Hinteregger (53.) und Alessandro Schöpf (73.) verdientermaßen siegreichen Österreicher gerade in ein WM-Finale eingezogen – den Effekt eines reinigenden Gewitters haben muss. Denn wie sagte er beim Abgang mit sarkastischem Grinsen: „Wir gewinnen die nächsten acht Spiele – dann ist alles gut.“

Das Spiel zum Nachlesen im Ticker

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.