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Mal wieder ein Weckruf

Sport - Mal wieder ein Weckruf

Im Fußball-Länderspiel gegen England in Berlin hat die deutsche Nationalmannschaft mit 2:3 verloren. Trotz einer 2:0-Führung musste sich der Weltmeister am Ende mit 2:3 geschlagen geben.

Beitragslänge:
1 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 26.03.2017, 22:43

Der späte Nackenschlag war unnötig, die Niederlage aber gleichzeitig verdient: Bei der deutschen Nationalmannschaft zeigen sich beim 2:3 gegen England fast altbekannte Defizite. Bundestrainer Joachim Löw kündigt eine umfassende Analyse an.

Der Zwiespalt der Gefühle war Joachim Löw deutlich anzumerken, als der Bundestrainer sich den kurzen Weg hinüber ins aktuelle sportstudio hatte bringen lassen. Einerseits war auch der 56-Jährige höchst erleichtert, dass im Berliner Olympiastadion alles friedlich abgelaufen war und zum ersten Male seit dem 11. Oktober vergangenen Jahres – dem 2:1-Pflichtsieg in der EM-Qualifikation gegen Georgien – wieder über die fußballerischen Aspekte eines Länderspiels gesprochen werden konnte.

Stecker nach einer Stunde gezogen

Doch Löw konnte gar nicht gefallen haben, was er beim 2:3 (1:0) gegen England gesehen hatte. „England ist schon der verdiente Sieger“, räumte er zerknirscht ein, „uns fehlte die Kontrolle, wir hatten große Probleme von hinten raus zu spielen.“ Damit meinte der Badener die teils lehrbuchhaften britischen Pressingphasen in der ersten Stunde, in der Toni Kroos (43.) und Mario Gomez (57.) die trügerische 2:0-Führung besorgte hatte.

Doch anschließen wirkte es so, als habe ein Saboteur den schwarz-rot-goldenen Stecker gezogen – so energiearm traten die deutschen Kicker in der letzten halben Stunde auf, in der sich der Gastgeber beinahe wehrlos dem Dauerdruck eines Gegners ergaben, der die erstaunliche Anfeuerung von den Rängen seiner mitgereisten Anhängerschaft offenbar unbedingt mit einem versöhnlichen Resultat zurückzahlen wollte.

Torschützen Kroos und Gomez selbstkritisch

„Wir hatten keine klare Aktionen, dafür viel mehr Lücken“, bemängelte Löw, „die Organisation war nicht gut.“ Die Torschützen Kroos und Gomez gingen in den ZDF-Interviews sogar noch weiter. „Wir haben schlecht verteidigt. Die Räume waren viel zu groß. Und wir haben in den Zweikämpfen nicht mehr dagegengehalten“, monierte der bei Real Madrid beheimatete Mittelfeldspieler Kroos. Und der zu Besiktas Istanbul ausgeliehene Angreifer Gomez kritisierte: „Das ist ein Stück weit unerklärlich. Die einzelnen Mannschaftsteile standen viel zu weit auseinander.“

Wo war bloß das personifizierte Bindeglied, der  diese Zerfallserscheinungen aufhielt? Kaum vorstellbar, dass Bastian Schweinsteiger in seiner Verfassung dies hätte bewerkstelligen können. Die deutsche Elf wirkte im Berliner Olympiastadion beinahe ähnlich orientierungslos wie beim letzten Auftritt an diesem Ort: dem vogelwilden 4:4 gegen Schweden vom 16. Oktober  2012, als sogar ein 4:0-Vorsprung verspielt wurde.

„Gute Lehrstunde“

Damals stand für Löw in der anschließenden Aufarbeitung Grundsätzliches zur Debatte, diesmal allerdings reicht es, eine vertiefende Analyse über die Ostertage anzukündigen. Tenor: kein Grund zur Panik. „So eine Niederlage in einem Testspiel ist nicht ganz so schwer zu verkraften.“ Motto: Bis zum EM-Start ist noch genug Zeit.

Die vom Bundestrainer vermisste „Sicherheit und Kontrolle“ gehören bis zum nächsten Härtetest am Dienstag (20.45 Uhr) gegen Italien in München allerdings wieder hergestellt; ein neuerlicher Rückschlag könnte den Weltmeister sogar den Status des EM-Favoriten kosten. Vielleicht sprach Löw deshalb auch von einer „guten Lehrstunde.“

Khedira hatte es geahnt

Dass die Sinne im Frühjahr geschärft werden müssen, hatte Sami Khedira schon im Vorfeld angemahnt – nun durfte sich der Ersatzkapitän in seinem verbalen Weckruf bestätigt fühlen. „Niederlagen haben immer das Positive, dass man weiß, was man nicht so gut gemacht hat. Uns wurde wieder einmal die Augen geöffnet, dass es nicht nur 60 Minuten geht oder mit 95 Prozent“, meinte Khedira, der mit einem leichtfertigen Ballverlust eigentlich schon das sichere 2:3 verursacht hatte, als Delle Alli die Kugel übers Tor jagte (84.).

So blieb es dem aufgerückten Abwehrspieler Eric Dier vorbehalten, per Kopf den englischen Siegtreffer zu erzielen (90. +1). Zuvor hatten Harry Kane (61.) und Phänomen Jamie Vardy (74.) die prestigeträchtige Partie gegen seltsam passive Deutsche bereits gedreht.

Es fehlt die letzte Motivation

„Das ist leider nichts Neues, dass wir bei Testspielen nicht ganz so gut aussehen“, meinte Thomas Müller. Ziemlich deutlich sprach der Bayern-Star an, dass es schwer falle, die letzten Prozent Motivation herauszukitzeln. Der Münchner war wie die gesamte offensive Mittelfeldreihe mit Mesut Özil und Marco Reus auffällig unauffällig geblieben – und wenn es in dieser Region nicht gelingt, das Spielgerät zu halten und zirkulieren zu lassen, verliert das deutsche Spiele eine elementare Tugend an gewohnter Dominanz. Löw möchte nun gegen Italien am besten eine Trotzreaktion sehen. Einfach wird die Aufgabe in München-Fröttmaning allerdings nicht: „Mit Italien kommt ein wirklich sehr starker Gegner auf uns zu. Die greifen uns noch früher an.“

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