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Mehr Bolzplatz, weniger Ballbesitz

DFB-Elf vor dem Testspiel gegen Serbien

Der Bundestrainer geht im neuen Jahr gleich ins Risiko. Soll sich das Klima rund um die Nationalmannschaft nicht weiter verschlechtern, dann sollten die jungen Hoffnungsträger von Joachim Löw am besten schon im Freundschaftsspiel gegen Serbien (Mittwoch 20.45 Uhr) funktionieren.

DFB-Team bei der Vorstellung des neuen Teambusses
DFB-Team bei der Vorstellung des neuen Teambusses
Quelle: imago images / regios24

Eigentlich sollte Leroy Sané die meteorologischen Kapriolen doch an seinem Arbeitsplatz auf der Insel gewohnt sein. Der bei Manchester City in vorzüglicher Verfassung befindliche Fußballprofi hatte beim Pflichttermin zur Vorstellung des neuen Mannschaftsbusses der deutschen Nationalmannschaft außen auf der Holzpritsche Platz genommen, versteckte die frierenden Hände zwischen seinen Beinen und schien sich nichts sehnlicher zu wünschen, als dass diese Prozedur vor der Wolfsburger Arena rasch zu Ende geht.

Löw steht unter Druck

Die Umstände bei der Übergabe des 500-PS-Monstrums waren ja nicht die besten: Erst pfiff ein böiger Wind übers Gelände, dann ging ein kräftiger Platzregen nieder, ehe doch noch unvermutet der Himmel aufriss, was die Fotografen sichtlich erfreute. So entstand am Mittellandkanal noch ein fröhliches Motiv vor nicht allzu finsterem Hintergrund. Reicht doch, wenn sich nach der Aussortierung der drei Münchner Weltmeister Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller ein mediales Dauergewitter über der DFB-Auswahl entladen hat.

Keine Frage: Bundestrainer Joachim Löw hat mit seiner verspäteten Radikalkur für die Länderspiele gegen Serbien am Mittwoch (20.45 Uhr) und in den Niederlanden am Sonntag (20.45 Uhr/ EM-Qualifikation) das Team gewaltig unter Druck gesetzt. Auf einmal muss die Rasselbande laufen lernen. Oder wie Löw es formulierte: „Auch die jungen Spieler müssen lernen, Verantwortung zu übernehmen. Dafür brauchen sie genügend Raum.“

Die 95er- und 96er-Jahrgänge sind jetzt gefordert

Wir werden schon eine gute Truppe finden. Wir sind nicht alle nur 22.
Julian Brandt

Der 59-Jährige hat noch immer im Kopf, wie sich ein unbekümmerter Kader quasi ohne richtige Vorbereitungszeit beim Confed-Cup 2017 in Russland schlug: nämlich prächtig. Und viel besser als seine arrivierten Akteure, die sich eher wie ein Tross Touristen durchs Turnier schleppten und früh abreisen mussten. Trotz aller Kritik an seiner Trennung von drei treuen Stützen versichern enge Weggefährten, dass sie auf den Menschen Löw nichts kommen lassen. Ihm ist abzunehmen, dass er es sich mit der Ausmusterung nicht leicht gemacht hat. Überrascht hat allein der Zeitpunkt.

Julian Brandt, kurioserweise nun mit 22 Jahren und 23 Länderspielen fast schon einer der erfahreneren Kräfte im aktuellen Aufgebot, hat erzählt, dass er bei der Nachricht vom Bannstrahl für das Bayern-Trio vor zwei Wochen auch zusammengezuckt sei: „Ich kenne die Nationalmannschaft nicht anders als mit den Dreien.“ Aber an diese starken Schultern kann sich keiner mehr anlehnen. Brandt soll derjenige sein, der Neulingen wie Lukas Klostermann, Niklas Stark oder Maximilian Eggestein auf einmal erklärt, was verlangt wird. Ein Problem sieht der Leverkusener Offensivallrounder darin nicht: „Wir werden schon eine gute Truppe finden. Wir sind nicht alle nur 22.“

Neuer Spielstil gefragt

Doch diese Jahrgänge 1995 und 1996 sollen tragende Rollen einnehmen. Leon Goretzka, Niklas Süle und Joshua Kimmich vom FC Bayern sind von Löw aufgefordert worden. Zumal auch die interne Hierarchie bröckelt wie ein vom Frost gesprengter Felsblock. Wer hält diese Mannschaft jetzt noch zusammen? Torwart Manuel Neuer (32 Jahre/84 Länderspiele) hat mehr mit seiner eigenen Form zu tun als ihm lieb ist. Taktgeber Toni Kroos (29/91) hat sich für die Fortsetzung der Karriere im Nationalteam bereits Fehlzeiten genehmigt.

Der Jugend-forscht-Ansatz in einer Qualifikationsgruppe mit den Niederlanden, Nordirland, Estland und Weißrussland ist zum einen legitim, zum anderen haben sich die Anforderungen auf internationalem Niveau verschoben. Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff hat beobachtet, dass andere Nationen mehr Bolzplatzmentalität mitbringen. Auch Brandt registriert, „dass das Eins-gegen-Eins wichtiger geworden ist, um die freien Räume zu finden“. Ermüdende Passpassagen verheißen keinen Ertrag mehr, denn so Löw: „Alle beherrschen die Verteidigungskunst.“

Junges Team braucht Zeit

In immer engeren Räumen gibt es immer weniger Zeit.
Joachim Löw

Ergo verlangt der Fußball-Ästhetiker auf einmal mehr Dynamik, mehr Zielstrebigkeit, mehr Schnelligkeit. Trotzdem soll der Ballbesitzfußball nicht in die Mottenkiste wandern, da dieser Stil – außer vielleicht gegen die Niederlande – der deutschen Mannschaft in den EM-Qualifikationsspielen aufgezwungen wird. Wichtigste Eigenschaft sei laut Löw aber, „dass unsere Spieler handlungsschnell sind“. Denn: „In immer engeren Räumen gibt es immer weniger Zeit.“ Dass diese kognitiven Fähigkeiten im Kindes- und Jugendalter geschult werden, steht auf einem anderen Blatt, aber allein die Erkenntnis kann bereits weiterhelfen. Und sie führt irgendwann zur Frage, ob eine Passmaschine à la Kroos wirklich noch auf der Höhe der Zeit ist.

In diesem Länderspieljahr wächst der Druck auf alle Beteiligten. Bierhoff hat deshalb daran erinnert, dass die „junge Mannschaft sich noch finden muss“. Die Veränderung sei nun einmal ein Prozess und die „jungen Kerle“ würden noch Fehler machen. Die Öffentlichkeit müsse am Anfang „verzeihen, wenn Dinge nicht so ganz laufen“. Doch Löw drückt dabei aufs Gaspedal: „Der eine oder andere muss noch mehr zeigen, dass er Nationalspieler ist und darf sich nicht verstecken.“ Höchstens, wenn er wie Leroy Sané am Montag beim Sponsorentermin friert.

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