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Safety first verunsichert die Gladiatoren

Die NFL startet in die neue Sasion

Die NFL startet in die Saison. Im Gepäck eine neue Regel, die American Football sicherer machen könnte, bislang aber für Verwirrung sorgt.

Eine Szene, die in der vergangenen Saison die Diskussion um die Regel befeuerte: Yannick Ngakoue (Jacksonville/r.) attackiert Buffalo-Bills-Quarterback Tyrod Taylor.
Eine Szene, die in der vergangenen Saison die Diskussion um die Regel befeuerte: Yannick Ngakoue (Jacksonville/r.) attackiert Buffalo-Bills-Quarterback Tyrod Taylor. Quelle: ap

Magische Momente erhoffen sich die Fans, wenn am Freitag, 2 Uhr (MESZ), mit dem Spiel des Titelverteidigers Philadelphia Eagles gegen die Atlanta Falcons die 99. Spielzeit der National Football League startet. Und Antwort auf Fragen wie: Sieht Star-Quarterback Aaron Rodgers seinen 176-Millionen-Dollar-Vertrag als Bürde oder Ansporn? Knackt NFL-Legende Tom Brady auch den Rekord der Karriere-Touchdowns? Wer wird die nächste Sensation der wilden Liga, die ihre 53. Super-Bowl-Helden sucht?

Kontroverser als der Videobeweis

Doch über allem schwebt eine weniger magische Frage: Sorgt die umstrittene neue Helm-Regel für Chaos? Aktuell lässt diese sogar die heftige Kontroverse um den Videobeweis in der Fußball-Bundesliga als trivial erscheinen.

Ab dieser Saison gilt: Wer für ein Tackle den Kopf senkt und mit Helm voran vorsätzlich den Gegner rammt, muss mit einer harten Strafe rechnen. Dem Team drohen 15 Yards Raumverlust und individuell der bislang seltene Spiel-Ausschluss. Das haben die Teambesitzer beschlossen, um die Football-Fighter vor sich selbst zu schützen.

Die Verunsicherung bei Referees, Trainern und Spielern der NFL ist jedoch groß: "Die Regel ist idiotisch. Sie gehört sofort abgeschafft", schimpft Richard Sherman. Der Cornerback der San Francisco 49ers gehört zu den zahlreichen Skeptikern.

Fast alle Spielsituationen betroffen

Alleine in den ersten zwei Wochen der so genannten Pre-Season wandten die Referees die neue Regel in Testspielen 51 Mal an. Über ein Fünftel davon waren Fehlentscheidungen, räumt die NFL ein. Auf eine Saison hochgerechnet ergäbe das immenses Fehlerpotenzial und starken Einfluss aufs Spiel.

Denn so simpel die Regel formuliert ist, so tief greift sie in den Sport ein, weil fast alle Spielsituationen und Spieler betroffen sind. Nicht nur Verteidiger, die den Ballträger attackieren, auch Running Backs oder Passempfänger, die sprichwörtlich mit dem Kopf durch die Defensiv-Wand wollen. Selbst offensive Helfer, die nur Wege freiblocken.

"Regel unmöglich umzusetzen"

Die Spieler müssen jahrelang eingeübte Routinen aufbrechen, haben für ihre Reaktionen aber oft nur den Bruchteil einer Sekunde Zeit. Die Referees müssen sich ebenso rasch festlegen: War der Helmkontakt gezielt oder zufällig?

Der Spielraum ist groß und führte bislang zu eher kleinlicher Auslegung. "Die neue Regel ist unmöglich umzusetzen", urteilt Mike Pereira, früher einer der Schiedsrichter-Chefs der NFL, heute als Analyst beim TV-Sender Fox eine Instanz in Regelfragen.

Aller Konfusion zum Trotz will die Liga die Änderung durchdrücken und hofft bei den Akteuren auf eine steile Lernkurve, möglichst schon ab der Auftaktpartie von Titelverteidiger Philadelphia Eagles gegen die Atlanta Falcons. Nach Jahren der Untätigkeit sieht sich die NFL zum Handeln gezwungen.

Obwohl der potenziell gefährlichste Spielzug, der große Geschwindigkeit erlaubende Kickoff, schon entschärft wurde, und auch Attacken Helm auf Helm schon länger sanktioniert werden, geht der Trend bei Gehirnerschütterungen nach oben. 291 zählte die Liga für die Saison 2017. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen.

Die Basis bröckelt

Einerseits lieben die Amerikaner die modernen Gladiatorenkämpfe mit krachenden Körpern und schweren Hits. Andererseits hat die NFL ein Imageproblem. Selbst frühere Superstars kritisieren ihren Sport. "Ich würde meine drei Enkel lieber beim Golf sehen", sagte Quarterback-Legende Brett Favre jüngst. Viele Familien schicken ihre Kinder lieber zu sanfteren Sportarten. Die Basis beginnt zu bröckeln.

Gesundheitsrisiken sind im kollektiven Bewusstsein angekommen. Seit dem Film "Erschütternde Wahrheit" mit Hollywood-Star Will Smith weiß ein größeres Publikum Bescheid über den Zusammenhang zwischen wiederholt erlittenen Gehirnerschütterungen und "Chronisch-traumatischer Enzephalopathie", kurz CTE.

Demenz und Depressionen drohen

Die Krankheit kann zu Demenz, Depression oder dem Verlust kognitiver Fähigkeiten führen. Das ist so schlimm, dass in den vergangenen Jahren immer wieder frühere NFL-Spieler Selbstmord begingen, weil ihr Leben unerträglich wurde. Nachträglich wurde bei ihnen CTE festgestellt.

Die NFL kann das Problem nicht länger leugnen. So einigte sich der Verband auf die Zahlung von rund einer Milliarde Dollar an betroffene frühere Spieler. Um ein Schuldeingeständnis nach deren Sammelklage kam die Liga herum und angesichts eines Jahresumsatzes von über 13 Milliarden Dollar ist auch die hohe die Summe selbst zu verkraften. Aber damit sind bislang nur Altfälle geregelt, ein finanzielles Risiko bleibt.

Künftig andere Verletzungen im Fokus?

Das gesundheitliche Risiko sowieso. Das Spiel sicherer zu machen, gehört zu den drängendsten Aufgaben im Profi-Football, der immer dynamischer und athletischer wird. Es führt wohl kein Weg daran vorbei, diesen Anpassungsprozess nun auszuhalten, bis sich ungefährlichere Methoden des Tacklings durchsetzen, wie sie etwa bereits in Seattle gelehrt werden.

Auf dem Weg dorthin muss die NFL hoffen, nicht implizit Fehlreize zu setzen. So verloren die Jacksonville Jaguars in der Preseason ihren Passempfänger Marqise Lee mit einer Knieverletzung. Ein Mitspieler machte die Helm-Regel verantwortlich: Die Spieler suchten eben neue Techniken und Stellen am Körper, um den Gegner zu stoppen und ihr Ziel zu erreichen: den Super Bowl LIII Anfang 2019 in Atlanta.

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