Sie sind hier:

Edina Müller: Parakanutin mit glänzenden Aussichten

Sport - Edina Müller: Parakanutin mit glänzenden Aussichten

Para-Kanu-Weltmeisterin Edina Müller im Interview mit ZDF-Sportreporter Norbert Galeske über ihren Wechsel vom Rollstuhlbasketball zum Wassersport und ihre Chancen bei den Paralympics in Rio.

Beitragslänge:
3 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 30.05.2017, 06:00

In 100 Tagen, am 7. September, starten die Paralympics in Rio. Und mit Edina Müller schickt der Deutsche Behinderten-Sportverband bei der Premiere der Parakanuten eine Athletin mit einer erstaunlichen Karriere und besten Medaillen-Chancen ins Rennen.

Sie trug ein wärmendes Oberteil von Ronald Rauhe, einem der arriviertesten deutschen Kanuten, der bereits einen kompletten Satz Olympiamedaillen zu Hause hat. Jetzt konnte also nichts mehr schief gehen. Und tatsächlich: Edina Müller, Paralympics-Siegerin 2012 im Rollstuhlbasketball, schaffte die Sensation. Im zweiten Jahr nach ihrem Wechsel zu den Parakanuten wurde sie Weltmeisterin im Kajak Einer über 200 Meter. Damit hat sie sich endgültig neben der Britin Jeanette Chippington, Parakanu-Weltmeisterin von 2013 und 2015, als Anwärterin auf Gold bei den Paralympics im September in Rio de Janeiro etabliert.

Canadierfahrer aus dem Senegal als Retter

Die Stunde bis zu ihrem Finale bei der Parakanu-WM vor gut zwei Wochen in Duisburg hätte allerdings nicht ungünstiger laufen können für Edina Müller. Beim Warmmachen für ihr Rennen verkantete die 32-Jährige ihr Paddel und katapultierte sich selbst ins Wasser. Ihre Schwimmweste hielt sie an der Oberfläche, während sie die Gurte löste, mit denen ihre gefühllosen Hüften in der speziell für sie per Vakuumabdruck von ihrem Körper angefertigten Karbon-Sitzschale festgeschnallt sind. Ein Canadierfahrer aus dem Senegal, der für den parallel stattfindenden Weltcup der olympischen Kanuten angereist und gerade zum Training auf dem Wasser war, kam ihr zur Hilfe. Und als die DLRG auch nach längerem Warten nicht zur Bergung der querschnittsgelähmten Kanutin kam, stieg Aboulaye Gueye schließlich zur bitterlich frierenden Müller ins Wasser und hob sie zurück in ihr Kajak.

„Zu kentern ist nicht so schlimm“, erzählt Edina Müller. „Aber die ganze Situation war halt blöd. Eine Stunde vor dem Rennen, mein Sitz war nass, die Schaumstoffpolsterung voller Wasser und das Schlimmste: Mir war so kalt.“ Doch Dank der Leihgabe von Ronald Rauhe und mit der ihr eigenen Art, sich auch von widrigsten Umständen nicht aufhalten zu lassen, gelang Müller dann doch noch der Sieg.

Rollstuhlbasketballerin im Kajak

Parakanutin Edina Müller (li.) mit ihrem Trainer Arne Bandholz (re.).
Edina Müller mit ihrem Trainer Arne Bandholz Quelle: dpa

2014 beendete Edina Müller ihre Rollstuhlbasketball-Karriere, weil sie mit dem Trainer in Hamburg nicht mehr klar kam. Damals stieg sie schon seit zwei Jahren in ihrer Freizeit ins Kajak – es war neben dem Tauchen das perfekte gemeinsame Hobby für sie und ihren Freund, einen „Fußgänger“, wie die Rollstuhlfahrer gern über jene mit zwei gesunden Beinen sagen. Nun stellte sich heraus, dass die ehemalige Rollstuhlbasketballerin im Kajak von ihrer Oberkörper-Fitness profitierte und ein ungeahntes Potenzial in dieser Sportart besaß. Im vergangenen Jahr wurde sie bei der EM und der WM auf Anhieb jeweils Zweite hinter der Britin Chippingtonn, nun hat sie ihr ehemaliges Hobby bei der WM in Duisburg vergoldet.

Müller startet regelmäßig auch bei Wettkämpfen der Nichtbehinderten. Sie legt die 200 Meter in rund 55 Sekunden zurück. „Damit schaffe ich es bei den Regatten hier im Umland ins obere Mittelfeld, das ist ganz in Ordnung“, sagt sie. Zum Vergleich: Nationalmannschafts-Kanutinnen brauchen 40 bis 42 Sekunden für die 200 Meter. Dass sie Zeit hat für täglich zwei Trainingseinheiten verdankt sie ihrem Arbeitgeber, dem BG Klinikum Hamburg. Dort ist sie als Sport-Therapeutin tätig und arbeitet häufig mit Menschen, die wie sie plötzlich auf den Rollstuhl angewiesen sind.

Mit dem Leben im Rollstuhl arrangiert

Edina Müller war 16, als sie nach einem Volleyballspiel über Rückenschmerzen klagte und beim Arzt einen Wirbel eingerenkt bekam. Dabei entstand eine Verletzung im Wirbelkanal und auf Höhe des zwölften Brustwirbels sammelte sich Blut, das auf den Nerv drückte. Müller spürte ihre Beine nicht mehr. An der Uniklinik in Köln behandelte man sie zunächst mit Kortison, erst nach einer Nacht im Krankenhaus wurde sie operiert. Doch da war ihr Rückenmark bereits unwiderruflich geschädigt und der Teenager von der Hüfte abwärts gelähmt.

Heute spricht Edina Müller sehr gelassen über diese tragische Geschichte. Sie hat sich mit ihrem Leben im Rollstuhl arrangiert und sagt: „Es gibt für mich nicht so viel, was nicht geht.“ Sie habe einen Traumjob, ihren Partner, den Sport, Freunde. Und vielleicht hat sie in Rio ja das Glück, dass Ronald Rauhe ihr wieder ein Shirt für den Wettkampf leiht.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet