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Sehnsucht nach Medaillen

Sport - Sehnsucht nach Medaillen

Vor dem Olympia-Auftakt der deutschen Fußballer gegen Mexiko lässt DFB-Trainer Horst Hrubesch im Talk mit Sven Voss keine Ausreden gelten: Die kurze Vorbereitungszeit sei kein großes Problem.

Beitragslänge:
3 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 03.08.2017, 08:00

Erstmals nehmen eine deutsche Frauen- und Männer-Nationalmannschaft gemeinsam am Olympischen Fußballturnier teil. Für Silvia Neid und Horst Hrubesch ist es gleichzeitig der Abschied von der Trainer-Bühne – doppelter Anreiz, die Brasilien-Mission zu krönen.

Horst Hrubesch hat geschmunzelt, als er erfuhr, was die Kollegin Silvia Neid ins Brasilien-Reisegepäck getan hat. Bei einem Teamabend auf deutschem Boden, als die Protagonisten der Frauen-Nationalmannschaft allerlei südamerikanischen Musikinstrumente ausprobierten, entschied sich die Bundestrainerin für ein sogenanntes Agogô; ein einst von Sklaven in Brasilien mitgebrachtes Aufschlagidiophon mit Bügel und kegelförmigen Glocken.

Damit hat die 52-Jährige nicht nur einmal zur Belustigung ihrer Delegation noch in Frankfurt am offenen Fenster geübt, denn um damit harmonische Töne zu erzeugen, bedarf es viel Feingefühl. Die meisten Spielerinnen haben sich überdies mit einer Ganzá eingedeckt -  mit den Shakern lassen sich besonders gut Samba-Geräusche nachahmen. In fast sieben Wochen Vorbereitung auf die Auftaktpartie des Olympischen Fußballturniers gegen den afrikanischen Außenseiter Simbabwe, das mit 6:1 an die Deutschen ging, passte eben auch eine musikalische Einstimmung.

„Unsere Vorbereitung ist die Vorrunde“

„Wir hatten dafür keine Zeit“, erzählt hingegen der U21-Nationaltrainer Hrubesch. Dem 65-Jährigen bleiben bis zum ersten Gruppenspiel am Donnerstag in Salvador gegen Mexiko (Donnerstag 22 Uhr MESZ/live ZDF) überhaupt ja nur sechs Einheiten, um ein ziemlich zusammengewürfeltes Team zu einer Einheit zu formen. Da ist für die Muse keine Muße. Im Gegensatz zu den Frauen besteht bei den Männern keine Abstellungspflicht – Hrubesch findet, das gehöre von Fifa-Seite geändert, „sonst macht das auf Dauer keinen Sinn, und das Turnier sollte auch für alle offen sein.“

Wie so viele Kollegen muss der Pragmatiker mit allerlei Provisorien auskommen, was die Kaderzusammenstellung betrifft. „Unsere Vorbereitung ist die Vorrunde“, sagt Hrubesch.  Ihm war es indes von Anfang an fremd, darüber Klagelieder anzustimmen, „das würde nur nach einer Ausrede klingen.“ Und die braucht einer nicht, der sich ungemein auf sein erstes Erlebnis im Zeichen der Ringe freut. „Was ist noch nicht gemacht habe, was ich noch nicht erlebt habe, ist die Geschichte Olympia.“ Mit Matthias Ginter hat er einen dabei, der die Spielorte von der WM 2014 alle schon kennt. Der 22-jährige Dortmunder hat 20.000 Flugkilometer in vier Tagen auf sich genommen, um mit direkt nach der Chinareise des BVB über Frankfurt und Rio nach Salvador zu gelangen.

Im Halbfinale gegen Brasilien und Neymar – das wär‘s

Das Maracana Stadion in Rio de Janeiro
Maracana Stadion in Rio de Janeiro Quelle: dpa

Die Männer sind im demselben Hotel wie einst die A-Nationalmannschaft vor ihrem Auftakt gegen Portugal (4:0) untergekommen. Und in der WM-Arena Fonte Nova findet nicht nur der Auftakt gegen den amtierenden Olympiasieger, sondern auch das zweite Gruppenspiel gegen Südkorea (Sonntag 21 Uhr MESZ/live ZDF) statt, ehe es für die dritte Partie gegen die Fidschi Inseln nach Belo Horizonte (10. August) geht. Am identischen Schauplatz des historischen deutschen 7:1-Halbfinalsieges gegen den WM-Gastgeber Brasilien 2014 würde Hrubesch auch gerne das Viertelfinale spielen und dann am liebsten zum Halbfinale nach Rio de Janeiro umziehen.

„Dann im Maracanã gegen Brasilien mit Neymar vor 80.000 – das hätte etwas“, blickt Hrubesch voraus, wohl wissend, dass viele Nationen besser präpariert sind. Seine Profis seien zwar körperlich vielleicht erst bei 90 Prozent („Frische, Spritzigkeit fehlen noch“), doch dafür charakterlich in Ordnung. „Ich habe Typen, die füreinander einstehen.“

Vor allem die von ihm von langer Hand eingefädelte Teilnahme der Zwillinge Lars und Sven Bender wertet seinen Kader enorm auf, dritter älterer Akteur ist Nils Petersen, der mit Davie Selke eine Doppelspitze bilden könnt, die fast wie eine trotzige  Antwort auf die tobende Mittelstürmer-Debatte daher kommt. Ansonsten hat das einstige Kopfball-Ungeheuer Hrubesch seinen Block schon klar benannt: Torwart Timo Horn, Innenverteidiger Niklas Süle, dazu die Mittelfeldspieler Leon Goretzka und Max Meyer („beide Schalker sind topfit“) bilden das Gerüst seiner Startelf.

Hrubesch und Neid hören mit dem Turnier im Trainermetier auf

Während die Frauen viel Motivation daraus schöpfen, dass das Olympische Turnier definitiv den Höhepunkt ihres Fußballjahres darstellt – nach dem die seit 2005 als Bundestrainer wirkende Silvia Neid den Staffelstab an ihre aktuelle Assistentin Steffi Jones übergibt – muss bei den Männern ein bisschen nachgeholfen werden. Hrubesch hat deshalb einen Frank Mill vorschwärmen lassen, mit dem das einstige Kopfball-Ungeheuer in den 70er Jahren noch bei Rot-Weiss Essen zusammengespielt hat. Der Bundesliga-Torjäger Mill war derjenige, der als Kapitän ein deutsches Olympiateam 1988 in Seoul zu Bronze führte. Ein einmaliges Erlebnis.

Ob 2016 nun Bronze, Silber oder Gold herausspringen, ist Hrubesch gar nicht so wichtig: Er hat mit Silvia Neid nur verabredet, „dass wir uns am 21. August auf dem Rückflug von Rio wiedersehen – alle mit einer Medaille um den Hals.“ Für die danach als Leiterin einer neuen DFB-Scoutingabteilung arbeitende Trainerin („Wir wollen die Goldmedaille“) wäre es ebenso ein schöner Abschluss wie für den in den Ruhestand scheidenden Trainer, der zwar Rente bezieht, „aber bestimmt nicht nur auf der Couch sitzen will“.

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