Sie sind hier:

Rio und die magische 14-Meter-Marke

Franziska Liebhardt in Doha

Sport - Rio und die magische 14-Meter-Marke

Behindertensportlerin Franziska Liebhardt spricht im Interview mit ZDF-Reporter Marc Windgassen über ihre zweites WM-Silber in Doha sowie ihren entscheidenden Wechsel zu Trainerin Steffi Nerius.

Datum:
Verfügbarkeit:
Video leider nicht mehr verfügbar

Franziska Liebhardt ist nur dank einer Lungen- und einer Nierentransplantation noch am Leben. Doch sie trotzt allen medizinischen Wahrscheinlichkeiten, wird bei der Para-WM der Leichtathleten zwei Mal Zweite und hat viel vor bei den Paralympics 2016.

Ein bisschen Sport kann nicht schaden. Das gaben die Ärzte Franziska Liebhardt mit auf den Weg, als diese vor sechs Jahren das Krankenhaus mit der Lunge einer anonymen Organspenderin verließ. Allerdings hatte die ehemalige Volleyball-Regionalligaspielerin etwas andere Vorstellungen von „ein bisschen“ als ihre Ärzte. Bei Wettkämpfen der Organtransplantierten ging es ihr schnell zu wenig leistungsorientiert zu. Sie wechselte in den paralympischen Sport und legte im vergangenen Winter auch gleich noch ihr Leben in Würzburg auf Eis, um zum TSV Bayer 04 Leverkusen zu wechseln und dort wie
Prothesen-Weitspringer Markus Rehm bei der ehemaligen Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius professionell zu trainieren.

Markus Rehm nimmt Prothese ab
Weitspringer Markus Rehm Quelle: dpa

Keine Zeit für Umwege

Für lange Umwege hat Franziska Liebhardt keine Zeit. Dafür ist die Krankheit, die in ihrem Körper wütet, zu rigoros. Bei der Leichtathletik-WM der Behindertensportler in Doha hat sich ihr Mut nun bereits ausgezahlt. In der Schadensklasse F 37 erzielte die 33-Jährige sowohl in ihrer Paradedisziplin, dem Kugelstoßen, als auch im Weitsprung persönliche Bestleistungen und gewann jeweils Silber. Mit der Kugel kam sie auf 13,39 Meter. Besser war nur die Chinesin Mi Na (13,56), die sich damit auch den Weltrekord von Liebhardt zurückholte.

Im Weitsprung musste sich die WM-Debütantin mit 4,57 Metern lediglich der Russin Schanna Fekolina (4,79) geschlagen geben. „Dass so etwas geht, war für die Ärzte völlig unvorstellbar“, sagt Liebhardt.

Die gebürtige Würzburgerin kann als körperbehindert klassifiziert werden und im paralympischen Sport antreten, weil von einem leichten Schlaganfall vor drei Jahren eine Halbseitenspastik zurückgeblieben ist. Diese Lähmung ist allerdings nicht Liebhardts größtes gesundheitliches Problem. Sie leidet an einer unheilbaren Autoimmunerkrankung, die die hoch spezialisierten Zellen ihrer Organe unaufhaltsam in nutzloses Bindegewebe umwandelt. Deshalb versagte ihre Lunge. Deshalb war sie auf eine Nierenspende ihres Vaters angewiesen. Deshalb hat sie es so eilig: Bis zu den Paralympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro will sie Spitzensportlerin sein. Danach sind noch ein paar andere Träume dran.

Krankheit schreitet fort

Ihre Krankheit, eine „undifferenzierte Kollagenose“, schreitet unaufhaltsam fort. „Es wird alles peu à peu schlechter, das lässt sich nicht aufhalten. Ich weiß, dass ich daran sterben werde“, sagt Liebhardt.

Als vor sechs Jahren ihre Lunge vollends versagte, konnte sie nicht mehr sitzen, nicht mehr sprechen, nicht mehr essen. „Ich war wach, aber ich habe nichts mehr gekonnt, weil ich keine Puste mehr hatte“, erzählt Liebhardt. Schließlich wurde sie intubiert und in ein künstliches Koma versetzt. In der Warteliste der Organvergabezentrale Eurotransplant stand sie da schon sehr weit oben. Aber würde ihre Zeit reichen, bis ein passendes Spenderorgan gefunden war?

Traum von dem 14-m-Stoß

„Nein“, habe sie gedacht, bevor sie einschlief, sagt Liebhardt. „Aber ich war damit völlig in Frieden. Ich hatte am Ende keine Angst mehr oder war traurig darüber. Ich habe mir einfach gesagt: Okay, das ist jetzt einfach so. Heute tut mir das total gut, ich weiß: Wenn es mal soweit ist, ist es nicht schlimm.“ Ihre Zeit reichte. Gerade noch rechtzeitig bekam Liebhardt die Lunge einer jungen Frau, die mit dem Motorrad verunglückt war. Sie sagt: „Ich kenne die Frau nicht, aber sie ist jemand, den ich immer in meinem Herzen tragen und nie vergessen werde.“

Der Lunge tut das Sporttreiben bislang gut. So fit wie Liebhardt ist kaum jemand nach einer Transplantation. Trotzdem wird das Organ nicht ewig halten, und ihr Körper wird nicht ewig der tückischen Krankheit trotzen. Aber darüber will Franziska Liebhardt nicht nachdenken. Lieber widmet sie sich dem neuen Traum, den ihr die WM in Doha beschert hat: Ein Stoß über die magische 14. Sie war mit einer Bestleistung von 10,90 Metern zu Nerius gewechselt. Die 11 und die 12 knackte sie bereits nach weniger als drei Monaten. Nun hat die 13 im Duell mit der Chinesin Mi Na alle Magie verloren. Bleiben also Rio und die 14. Und die Gewissheit, dass alles möglich ist.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet