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Der Systemausfall

Rückblick auf das Jahr der deutschen Nationalmannschaft

Die deutsche Nationalmannschaft hat ein historisch schlechtes Länderspieljahr hinter sich. Das erste Vorrundenaus bei einer Weltmeisterschaft hatte sich allerdings angekündigt. Der Abstieg in der neuen Nations League war das nächste Alarmsignal.

Mario Gomez und Mats Hummels nach dem WM-Aus in Kasan
Mario Gomez und Mats Hummels nach dem WM-Aus in Kasan
Quelle: reuters

Irgendwann kamen die Bewohner von Kasan, jene unterschätzte Millionenstadt in der teilautonomen Tatarenrepublik, in der Christen und Muslime so vorbildhaft zusammenleben, selbst darauf, dass auf ihrer schmucken Arena ein Fluch lag. Zumindest für all jene Fußball-Nationalmannschaften, die als ambitionierter Weltmeister nach Russland gekommen waren. Denn nacheinander flogen hier Deutschland, Argentinien und Brasilien aus dem Turnier.

Desaster in Kasan

Doch während es die Südamerikaner - Argentinien im Achtelfinale gegen Frankreich (3:4), Brasilien im Viertelfinale gegen Belgien (1:2) - auf hohem Niveau spannend machten, erlebte Kasan im letzten Gruppenspiel zwischen Deutschland und Südkorea (0:2) den völligen Offenbarungseid des amtierenden Weltmeisters von 2014. Die Mission Titelverteidigung endete nach einem Systemausfall in allen Bereichen.

Es mutete wie pure Verzweiflung an, als am 27. Juni der Keeper und Kapitän Manuel Neuer mitstürmte und sich eine lethargische DFB-Auswahl in der Nachspielzeit zwei Konter einfing. Aus und vorbei. Hinterher unkten enttäuschte Fans, die Touristen auf der Baumann Straße würden sich zum Kasaner Kreml schneller bewegen als die deutschen Nationalspieler.

Vielschichtige Ursachen fürs Versagen

Als Oliver Bierhoff kürzlich am Rande des Leadership-Festivals in der DFB-Zentrale darüber diskutierte, was alles schiefgelaufen war, kam der Nationalmannschaftsmanager um die Quartierfrage nicht umhin. Die Herberge in einer öden Moskauer Gegend war ein Fehlschlag, aber Bierhoff hatte das Turnier von hinten mit dem Finale im Luschniki-Stadion geplant und wollte einen Kontrapunkt zum Campo Bahia in Brasilien setzen, verkannte aber, dass nur noch neun Weltmeister an Bord waren.

Die wiederum spielten im Gefüge eine zu wichtige Rolle, weil einige wie Sami Khedira deutlich über dem Zenit waren, andere wie Jerome Boateng unverkennbare Zeichen des Verschleißes ins Turnier schleppten. Im Nachhinein die Tür für den fast ein Dreivierteljahr verletzten Torwart Neuer ohne ein einziges Pflichtspiel offenzuhalten, war ein fatales Signal nach innen.

Hinzu kamen die von allen Beteiligten unterschätzten Auswirkungen nach außen, die aus der Affäre um die Fotos entstanden, die Ilkay Gündogan und Mesut Özil mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan Mitte Mai machen ließen. Damit ging letztlich auch ein Teil der Integrationskraft in die Brüche, die der Mannschaft - dieser vieldiskutierte Markenbegriff überlebte das WM-Desaster - inne wohnt.

Das schleichende Gift

Bei den vielen Facetten des Versagens erwähnt Bierhoff gerne einen Fakt, den auch Spanien und Italien nach den Titelgewinnen 2010 beziehungsweise 2006 erlebten: der interne Spannungsabfall.

Wer einmal Weltmeister geworden ist, behält diese Auszeichnung ein Leben lang. "Es ist der einzige Titel im Fußball, der immer zählt", sagte Rudi Völler einmal. Eine Ehre, die wie schleichendes Gift die letzten Prozent an Leistungsbereitschaft lähmen kann.

Vor allem, wenn der zuständige Trainer selbst nachlässig wird. Als im Frühjahr in den Testspielen gegen Spanien (1:1) und Brasilien (0:1), spätestens in der Vorbereitung in Südtirol mit der Partie gegen Österreich (1:2) die ersten Alarmsignale auftauchten, ignorierte Joachim Löw diese vollends. Dass der Bundestrainer die Zeichen der Zeit verkannte, war offenkundig, als sich der 58-Jährige während der WM in Sotschi am Schwarzen Meer an eine Laterne lehnte und ablichten ließ.

Die Zügel waren ihm längst entglitten. Zwar rafften sich seine Spieler im zweiten Gruppenspiel gegen Schweden - nach einer 0:1-Auftaktniederlage gegen Mexiko - noch zu einem 2:1-Last-Minute-Erfolg auf, aber dann leitete Löw den Tiefpunkt selbst ein, indem er seine Startelf gegen Südkorea wieder mit den falschen Vertrauten bestückte. Und so kam Hochmut vor den Fall.

Konsequenzen mit Verzögerung

Nachdem der Südbadener die Aufarbeitung des historischen Ausscheidens - noch nie war Deutschland bei einer WM-Vorrunde ausgeschieden - wochenlang verzögerte, kam es am 29. August zu einer historischen Pressekonferenz in der Münchner Arena.

In der umfassenden Ausführung lud Löw erstaunlich viel Schuld auf sich, sprach davon, sein Vorhaben sei "fast schon arrogant" gewesen - er habe seinen Ballbesitzfußball auf die Spitze treiben zu wollen, ohne zu merken, dass seinem Trupp Tempo und Balance, Leidenschaft und Wehrhaftigkeit fehlten.

Trotz dieser Einsicht brauchte es noch den Abstieg aus der A-Kategorie der neuen Nations League gegen die Niederlande und Frankreich, ein historisch schlechtes Länderspieljahr mit sechs Niederlagen und das Abrutschen auf FIFA-Weltranglistenplatz 16, ehe Löw wirklich die Konsequenzen zog. Sein junger Dreiersturm mit Serge Gnabry (23), Timo Werner und Leroy Sané (beide 22) zeigte zuletzt den Weg in die Zukunft. Einige der Arrivierten haben ausgedient: Khedira und Özil sind zurückgetreten, auf Boateng verzichtete Löw bereits, Thomas Müller war nur noch Reservist.

Suche nach der richtigen Mischung

"Wir müssen schon auch die richtige Mischung finden", schränkte der Bundestrainer indes nach dem Nations-League-Spiel gegen die Niederlande (2:2) am 19. November in Gelsenkirchen ein. "Es braucht noch drei, vier Stützen. Nur mit Jungen geht es nicht", sagte er.

Sollte heißen: Auf Torwart Neuer (32 Jahre), Abwehrchef Mats Hummels (30) oder Taktgeber Toni Kroos (28) lässt Joachim Löw (noch) nichts kommen.

Doch damals in Kasan, als der deutsche Fußball am Ufer der Wolga mit Ansage auf den Untergang zusteuerte, war auch keiner aus diesem Trio in der Lage gegenzusteuern.

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