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Zeitenwende im deutschen Frauenfußball?

CL-Finale in Cardiff ohne deutsche Klubs, aber mit einer Topspielerin

Erstmals in der Women's Champions League steht kein deutscher Klub im Finale. Mit Dzsenifer Marozsán spielt immerhin die DFB-Kapitänin mit. Bundestrainerin Steffi Jones sieht den deutschen Frauenfußball aber nicht im Hintertreffen. Andere Experten sehen dies anders.

Dzsenifer Marozsán
Französischer Meister, Pokalsieger, beste Spielerin Frankreichs: DFB-Kapitänin Dzsenifer Marozsán von CL-Finalist Olympique Lyon Quelle: dpa

Vielleicht hat Steffi Jones sogar noch die Zeit für einen kulturellen Abstecher. Cardiff hat schließlich viel mehr zu bieten als nur Rugby und Fußball, und wer Cardiff Bay, das lebendige Hafengebiet, und Cardiff Castle, das Herz der Stadt mit einem Nationalmuseum, nicht wenigsten bei einem Kurzbesuch erkundet, ist selbst schuld. Am Mittwoch ist die Bundestrainerin auf die Insel geflogen, aber wichtigstes Ziel der Dienstreise ist das Cardiff City Stadium im Westteil der walisischen Hauptstadt.

In der 33.000 Zuschauer fassenden Heimstätte der „Bluebirds“, wie der im englischen Spielbetrieb integrierte Zweitligist Cardiff City genannt wird, steigt das Finale der Women’s Champions League zwischen Olympique Lyon und Paris St. Germain (Donnerstag 20:45 Uhr). Der französische Titelverteidiger gegen seinen nationalen Herausforderer ist zugleich ein Signal an den europäischen Frauenfußball: Seht her, der nächste WM-Ausrichter, Frankreich 2019, macht Ernst mit seinen Anstrengungen.

Die deutsche Dominanz ist dahin

Gleichzeitig ist Deutschland als amtierender Olympiasieger und Europameister seit Gründung dieses Wettbewerbs 2009 erstmals nicht im Finale vertreten. Die beiden teilnehmenden Frauen-Bundesligisten, der VfL Wolfsburg und der FC Bayern, scheiterten bereits im Viertelfinale knapp (Wolfsburg an Lyon) oder deutlich (Bayern an Paris) an den französischen Topteams.

Steffi Jones
Steffi Jones Quelle: imago

Geht damit der Verlust der Deutungshoheit einher? Jones mag so weit nicht gehen. „Die französischen Teams haben sich den Einzug ins Finale verdient, man muss aber berücksichtigen, dass auch viele nichtfranzösische Spielerinnen ihren Anteil dazu beigetragen haben“, sagt die 44-Jährige gegenüber zdfsport.de. „Dazu ist der VfL Wolfsburg im Viertelfinale gegen Olympique Lyon aus meiner Sicht unglücklich ausgeschieden. Es gibt daher keinen Grund, dass die Frauen-Bundesliga den Anschluss verliert.“

Finanzstarke Konkurrenz aus England

Wirklich nicht? „Was Gehälter angeht, ist zum Beispiel Frankreich eine ganz andere Welt“, hat Ralf Kellermann, sportlicher Leiter beim VfL Wolfsburg schon festgestellt. Und Thomas Wörle, Trainer des FC Bayern, bekannte nach der 0:4-Pleite gegen PSG unverhohlen: „Wir sind gegen einen übermächtigen Gegner ausgeschieden, der finanziell und sportlich in einer ganz anderen Liga spielt als wir.“

Das war früher anders: Seit der Premiere eines europäischen Vereinswettbewerbs im Frauenfußballs – damals noch unter dem Namen Women’s UEFA Cup – haben neun deutsche Teams die Trophäe gewonnen. Vom 1. FFC Frankfurt (2002, 2006, 2008 und 2015), bis hin zu Turbine Potsdam (2005 und 2010), dem FCR Duisburg (2009) bis hin zum VfL Wolfsburg (2013 und 2014).

Noch keine Spielerflucht aus Deutschland

Nun gaben im Halbfinale erstmals namhafte Klubs wie der FC Barcelona und Manchester City ihre Visitenkarte ab. Speziell aus England erwächst eine echte Konkurrenz, denn dort schwimmen die ersten Frauen-Abteilungen im Fahrwasser der gewaltigen Finanzströme mit. Die Topstürmerin des FC Bayern, Vivianne Miedema, unterschrieb gerade einen Vertrag bei den Arsenal Ladies, die Schweizer Topspielerin des VfL Wolfsburg, Ramona Bachmann, spielt inzwischen für die Chelsea Ladies.

Jones ist aber noch nicht in Sorge: „Es stimmt, dass die Ligen, speziell auch England, aufrüsten und viel Geld in die Hand nehmen. Ich bin mir aber sicher, dass wir die meisten Nationalspielerinnen weiterhin in Deutschland sehen.“ DFB-Direktorin Heike Ullrich weist zurecht darauf hin, dass die Frauen-Bundesliga ausgeglichener sei und eine stärkere Basis habe. „In Frankreich gibt es dagegen im Grunde nur zwei Teams – Paris und Lyon - mit einem sehr hohen Etat und sehr starken Spielerinnen.“ Und doch ist der deutsche Frauenfußball gut beraten, die Entwicklung auf Vereinsebene aufmerksam zu begleiten.

DFB-Kapitänin ist "Beste Spielerin Frankreichs"

„ManCity hat gerade verkündet, ein Fußballverein für Männer und Frauen zu sein. Und das Ziel sei es, in beiden Bereichen die Nummer eins der Welt zu werden. Sie haben bereits ein weltweites Scoutingsystem für den Frauenfußball installiert“, erzählt der international bestens vernetzte Spielerberater Dietmar Ness, der bei Olympique Lyon vier Spielerinnen betreut – neben den deutschen Nationalspielerinnen Dzsenifer Marozsan und Josephine Henning noch die Topstars Ada Hegerberg und Eugénie Le Sommer.

Bibiana Steinhaus
Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus leitet das Frauen-Finale in Cardiff

Französischer Meister, Pokalsieger, dazu die Auszeichnung als beste Spielerin Frankreichs - Marozsans erste Saison in Lyon verlief bislang wie im Bilderbuch. "Ich fühle mich unendlich wohl. Es macht riesig viel Spaß. Ich habe eine tolle Mannschaft und es ist einfach eine Freude, jeden Tag ins Training zu gehen und auf höchstem Niveau zu trainieren", sagte die 25-jährige DFB-Kapitänin: "Das war immer mein Traum." Neben Marozsan steht am Donnerstagabend noch eine weitere Deutsche im Blickpunkt: Vor ihren ersten Auftritten in der Männer-Bundesliga pfeift Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus die Begegnung.

Lyon peilt zweites Trible an

Früher sei es für deutsche Vereine fast leichter gewesen, „Champions-League-Sieger als deutscher Meister zu werden – diese Zeiten sind vorbei“, so Ness. Viertel- und Halbfinals der Women’s Champions League hätten sich in diesem Jahr auf einem neuen Niveau bewegt, hat Ness beobachtet. Und das gilt in vielerlei Hinsicht: Lyons Starensemble etwa trägt seine Heimspiele oft im zur EM 2016 umgebauten Stade de Lyon aus, und Zuschauerzahlen von 20.000 sind dann keine Seltenheit.

Kein Zufall, dass der französische Seriensieger sein zweites Triple hintereinander anpeilt. Lyon bietet nicht nur den weltbesten Kader, die besten Verdienstmöglichkeiten, sondern auch die vielleicht größte Unterstützung innerhalb eines Männervereins. Präsident Jean-Michel Aulas fördert das weibliche Segment mit voller Überzeugung – zumal er dort in schöner Regelmäßigkeit Titel feiert, die im männlichen Bereich für seinen Klub auf absehbare Zeit kaum mehr zu holen sind.

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