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Lycra statt Burka: Radsport in Doha

Emma Johansson  mit  dem Rad im Emirat

Sport - Lycra statt Burka: Radsport in Doha

Tony Martin und Marcel Kittel sind mit ihrem Team Etixx-Quick Step Weltmeister im Team-Zeitfahren geworden. In der Hitze Katars behielten sie die Oberhand vor dem Rivalen BMC Racing.

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Weit weg von klassischem, europäischem Radsport-Terrain finden in dieser Woche die Straßenrad-Weltmeisterschaften statt: im Emirat Katar. Und natürlich sitzen dort auch die weltbesten Frauen im Sattel. Ohne Burka, in hautengem Lycra. Ein Problem in dem islamischen Land?

Emma Johansson steht nur mit einer hautengen Radhose und einem Sport-BH bekleidet mitten in der Wüste, nur einige Meter entfernt von einer Gruppe in schwarze Burkas gehüllter Einheimischer. Die blonde Schwedin geht ihrem Beruf nach: Sie ist Radprofi, bereitet sich auf ihr Rennen vor und versucht nicht schon dabei zu überhitzen. Es ist ein ungewöhnliches Bild in dem muslimischen Land, doch seit 2009 wiederholen sich solche Szenen jeden Februar bei der Ladies Tour of Qatar.

Diese Woche werden Johansson und ihre Kolleginnen erneut auf der Halbinsel im Persischen Golf unterwegs sein. Das Emirat ist Ausrichter der Straßenrad-WM 2016, und natürlich gehören da auch die Rennen der Frauen dazu. Natürlich? Aus mitteleuropäischer Perspektive mag das so natürlich nicht sein. Schließlich ist das Fahrradfahren in einigen Ländern des sogenannten nahen Ostens für Frauen verboten - etwa im Iran.

Einheimische sind an Westler gewöhnt

Doch in Katar prallen seit jeher Welten aufeinander, zwischen modernen Wolkenkratzern mit Glasfassaden und alten Wüsten-Forts, zwischen mit Gin Tonic befeuerten Partys in Luxus-Hotel-Bars und striktem Alkoholverbot im sonstigen, öffentlichen Leben - oder eben zwischen Lycra und Burka.

Auch wenn es schwer bis unmöglich scheint, herauszufinden, was die Einheimischen wirklich darüber denken, an die westlichen Gepflogenheiten gewöhnt haben sie sich längst. Ihr Staat tut einiges dafür, Offenheit auszustrahlen. Und es gelingt mitunter besser als derzeit anders herum in einigen Teilen Deutschlands.

Sport-Events als Marketing-Instrument

"Als ich zum ersten Mal hergekommen bin, hätte ich es auch anders erwartet - etwas mehr komische Blicke, weil wir als Frauen hier in kurzer Hose und kurzem Trikot Rad fahren", sagt Trixi Worrack. Die 35-jährige deutsche Nationalfahrerin war von Anfang an fast jedes Jahr in Katar dabei. "Aber mir ist nie eine negative Reaktion aufgefallen. Sie akzeptieren, wie wir sind und wir, wie sie sind."

Es ist Teil der "Marketing-Strategie" des Emirats, dass die Halbinsel im Persischen Golf mehr und mehr Gastgeber internationaler Sport-Großevents wird. Das Fernziel lautet Olympia-Bewerbung und dabei spielt die Förderung des Frauen-Sports eine wichtige Rolle. Es wurde das Qatar Women's Sport Committee gegründet, dessen sechsköpfiger Vorstand komplett weiblich besetzt ist. Und auch die Geschäftsführung des Organisationskomitees der Straßen-Weltmeisterschaften hat mit Amani Al-Dosari eine Frau übernommen.

Tochter des Emirs wollte das Frauenrennen

Sheikha Al Mayassa bint Hamad Al Thani, die Tochter des damaligen und Schwester des heutigen Emirs drängte ihren Vater Scheikh Hamad bin Khalifa Al Thani Ende der 2000er Jahre dazu, neben dem bereits etablierten Männer-Rennen Tour of Qatar auch eine Frauen-Variante einzuführen. "Es war ihr Wunsch", erinnert sich Eddy Merckx. Das belgische Radsport-Idol brachte die Katar-Rundfahrt der Männer im Jahr 2002 mit an den Start und ist auch heute noch an der Organisation beteiligt.

"Das Schwerste war am Anfang das Thema Kleidung und vor allem das Umziehen auf der Straße", so Merckx. "Das war ein Problem und ist auch der Grund, warum es jetzt Zelte gibt - um die Einwohner des Landes zu respektieren." Für die Weltmeisterschaften hat man große, klimatisierte Zelthallen für die Rennvorbereitung der Athleten und Athletinnen errichtet, die auch das Thema 'Umkleidekabine' von der Straße holen sollen.

Fahrrad kommt nur langsam in Katar an

Denn auch wenn die WTA seit 2001 in Doha in kurzen Röcken Tennis spielen lässt und die FINA gerade am vergangenen Wochenende wieder einen Weltcup-Lauf der halbnackten Schwimmer und Schwimmerinnen in Katar abgehalten hat, so finden diese Ereignisse doch in abgeschlossenen Arenen statt - nicht auf offener Straße. Zwar mag das niemand bestätigen, doch auch die Streckenwahl für die WM, deren Herzstück ein Rundkurs auf der künstlichen Insel "The Pearl" ist, dürfte damit zu tun haben. Denn von den rund 15.000 Pearl-Bewohnern sind die wenigsten Einheimische.

Inzwischen richtet der Katarische Radsportverband, dessen Sportdirektor mit John Lelangue wie Merckx Belgier ist, auch für Frauen nationale Meisterschaften aus. Eine Starterin für die Heim-WM hat man zwar nicht nominiert, weil das Niveau dafür längst nicht ausreicht, doch die Entwicklung ist angestoßen. Wie sich die katarischen Radsportlerinnen kleiden, das ist ihre Sache. Aber auch bei den Nationalen Meisterschaften gab es hautenges Lycra zu sehen, genauso wie eben weiter geschnittene Trikots und Kopftücher unter Helmen.

Dass Frauen in Katar Sport treiben, ist nichts Sensationelles mehr - und es ist weniger speziell, als dass Menschen in Katar überhaupt mit dem Fahrrad fahren. Denn als Fortbewegungsmittel ist das Rad im Wüstenstaat noch nicht richtig angekommen. Radwege gibt es kaum, meist sind höchstens Westler oder Südostasiaten mit dem unmotorisierten Zweirad unterwegs. Allerdings sind auch Fußgänger und Bürgersteige in Katar eher ungewöhnlich.

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